Dieses Inter­view erschien zuerst bei unseren nor­we­gi­schen Kol­legen von Josimar.

Tore Regi­ni­ussen, beim Länder­spiel zwi­schen Gibraltar und Nor­wegen im März betraten die Nor­weger in weißen T‑Shirts mit der Auf­schrift Human Rights on and off the Pitch“ den Platz. Am Tag danach legte Deutsch­land nach. Lassen sich die Scheichs in Katar von einigen T‑Shirts abschre­cken?
Nein, bestimmt nicht. Aber einer der Kri­tik­punkte ist es, dass es egal ist, was wir im kleinen Nor­wegen machen, wir würden uns sowieso nicht für inter­na­tio­nale Wett­be­werbe qua­li­fi­zieren. Doch jetzt sehen wir, wo der Fan­ak­ti­vismus in Nor­wegen und die Boy­kott­auf­for­de­rung von Tromsø IL hin­führen können. Deutsch­land behauptet, die Aktion käme aus eigenem Antrieb, aber es ist auf­fal­lend, dass die Aktion direkt nach der nor­we­gi­schen kam. Jemand muss ein erstes Zei­chen setzen, es hilft nicht, wenn alle darauf warten, dass die anderen etwas tun werden.

Wie kam es dazu, dass aus­ge­rechnet Tromsø IL, ein ziem­lich kleiner Verein in Nor­wegen, den ersten Schritt ging?
Ich kenne viele Per­sonen im Verein per­sön­lich, auch Tom Høgli (Tromsøs Beauf­tragter für Gesell­schaft und Nach­hal­tig­keit, d. Red.), die sich schon länger mit dem Thema beschäf­tigen. Er war einer der ersten, die ihr Schweigen gebro­chen haben, und am Anfang stand er damit ziem­lich alleine da. Wenn ein Verein solche Leute hat, ist es keine Über­ra­schung, dass das ganze dort ange­fangen hat.

Sie haben sich aber selber dazu nicht geäußert, als Sie noch in der Natio­nal­mann­schaft spielten.
Für mich ist es natür­lich jetzt ein­fa­cher mich zu äußern, wenn ich nicht mehr für die Natio­nal­mann­schaft spiele (Regi­ni­ussen been­dete Ende 2020 seine Natio­nal­mann­schafts­kar­riere, d. Red.). Im Fuß­ball herr­schen unter­schied­liche Inter­essen und viele träumen von einer WM-Teil­nahme seit ihrer Kind­heit. Ich habe vollstes Ver­ständnis für die­je­nigen, die die Frage schwierig finden. Doch der Fuß­ball braucht Leute, die Stel­lung beziehen.

Blöd, wenn 6.500 gestor­bene Gast­ar­beiter r den großen Traum im Weg stehen.
Man muss das Ganze in Per­spek­tive setzen: Fuß­ball ist ein Spiel und soll Spaß machen. Natür­lich ist es jetzt zum Big Busi­ness geworden und die Werte, die früher herrschten, sind nicht mehr so prä­sent. Doch jetzt sehen wir ein wach­sendes Enga­ge­ment. Die Pro­bleme in Katar sind schon länger bekannt, trotzdem ist nichts pas­siert. Die Rede ist von Reformen und einer Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gungen, doch das ent­spricht nicht der Wahr­heit. Tat­säch­lich ist sehr wenig pas­siert. Des­halb würde ein Boy­kott wahr­schein­lich am schwersten wiegen.

Sie haben von Fan­pro­testen gespro­chen. Doch in Nor­wegen sehen wir, dass die Vorstände der Ver­eine auf einer ganz anderen Linie als die Fans liegen. Wie kommt das?
Darauf habe ich leider keine gute Ant­wort. Die Ver­eins­gre­mien hätten sehen müssen, dass in der Fan­szene ein starkes Enga­ge­ment für das Thema herrscht. Aber Fuß­ball ist Geld, das ist wahr­schein­lich eine Erklä­rung.

Meiner Mei­nung nach haben sie hier in Deutsch­land großen Erfolg mit der 50+1‑Regel gehabt, auch wenn sie immer wieder unter Druck steht“

Tore Reginiussen

Welt­weit sind viele Ver­eine in der Hand von rei­chen Inves­toren. Die Liste von Prinzen, Olig­ar­chen und Mäzen, die in Fußball­ver­eine inves­tieren, ist unend­lich lang geworden.
Da haben Sie wahr­schein­lich eine Ant­wort auf Ihre Frage, warum so viele Fuß­baller sich damit schwer tun, sich für poli­ti­sche Stand­punkte ein­zu­setzen. Sie spielen für einen dieser Ver­eine oder erhoffen sich zukünftig zu einem von diesen zu wech­seln. Natür­lich ist es ein Pro­blem, dass diese finanz­starken Per­sonen sich über diesen Weg so viel Ein­fluss über den Fuß­ball sichern können.

In Nor­wegen gehören die Ver­eine, zumin­dest auf dem Papier, zu 100 Pro­zent den Mit­glie­dern. Doch diese Regel wird in der Praxis oft durch Aus­glie­de­rungen umgangen. Wie ist Ihrer Mei­nung nach der aktu­elle Stand in Nor­wegen? Und ist das deut­sche 50+1‑Modell besser geeignet als das nor­we­gi­sche?
Die Rea­lität in Nor­wegen ist, dass die Pro­fi­ab­tei­lungen immer häu­figer aus­ge­glie­dert werden, das soge­nannte Dual­mo­dell. Dadurch sind immer mehr Macht und Ein­fluss in die Hände von Inves­toren über­führt worden und wir sehen Kon­flikte im täg­li­chen Betrieb der Klubs. Meiner Mei­nung nach haben sie hier in Deutsch­land großen Erfolg mit der 50+1‑Regel gehabt, auch wenn sie immer wieder unter Druck steht. Hier sind die Sta­dien voll, die Fan­zu­ge­hör­gikeit ist groß, und die Tickets sind bezahlbar.

1995 ver­wei­gerte der damals nor­we­gi­sche Natio­nal­spieler Lars Bohinen das Spiel gegen Frank­reich, aus Pro­test gegen Kern­waf­fen­tests im Pazifik. Heut­zu­tage hört man selten von sol­chen Aktionen von aktiven Fuß­bal­lern. Warum?
Ich kenne viele Fuß­baller, die sich in der Gesell­schaft enga­gieren, die dar­über aber nicht so oft und laut öffent­lich reden. Zumal dar­über nicht oft genug berichtet wird, meiner Mei­nung nach. Aber natür­lich sind die jungen Fuß­ball­ta­lente – zumin­dest in Nor­wegen – sehr pri­vi­le­giert, vieles steht ihnen zur Ver­fü­gung. Genau des­halb ist es wichtig, das Ganze manchmal aus einer anderen Per­spek­tive zu betrachten.

Seitdem Sie Vater geworden sind, setzen Sie sich auch gegen Mob­bing ein.
Nie­mand möchte erleben, dass seine eigenen Kinder so etwas aus­ge­setzt werden. Ich habe einen großen Ein­fluss, das merke ich etwa, wenn ich an Schulen mit dem MOT-Pro­jekt unter­wegs bin (nor­we­gi­sche Fuß­bal­lin­itia­tive gegen Mob­bing, d. Red.). Die Leute hören mir ein­fach wegen meiner Tätig­keit als Fuß­baller sehr gut zu. Genau des­halb ist es wichtig, dass wir Pro­fi­fuß­baller- und Sportler uns für eine Ver­än­de­rung der Gesell­schaft ein­setzen.

Ohne dabei die Leis­tung auf dem Platz zu hemmen?
Ein Teil meiner Zeit für die Ver­bes­se­rung der Gesell­schaft zu opfern, bereitet mir nur Freude. Mein Enga­ge­ment hat meine Leis­tungen nicht geschwächt – eher im Gegen­teil – ich glaube, man wird ein bes­serer Fuß­baller wenn man lernt, dass Fuß­ball nicht das wich­tigste auf der Welt ist.

Wie etwa Marcus Rash­ford. Sie haben seinen Ein­satz für die Ver­sor­gung von Essen für Schul­kinder in Groß­bri­tan­nien gelobt.
Genau, er hat gezeigt, dass sich viel ver­än­dern kann, wenn du Eigen­in­itia­tive über­nimmst.

Sie sind im Januar von Rosen­borg Trond­heim zum FC St. Pauli gewech­selt. Wer könnte Ihr gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment in Trond­heim über­nehmen?
Per (Skjelbred, d. Red.) ist einer, der Ver­ant­wor­tung über­nimmt. Ich setze auch ganz viele Hoff­nungen auf Markus Hen­riksen, den neuen Kapitän. Rosen­borg ist immer ein Verein mit starken Werten gewesen und es ist wichtig, dass sie ihr Enga­ge­ment neben dem Feld fort­setzen. Diese Werte müssen Tag für Tag gelebt und nicht nur schön auf Wer­be­pos­ters gemalt werden. Rosen­borg ist der größte Klub Nor­we­gens und ich hoffe sehr, dass ihnen wei­terhin die dazu­ge­hö­rige gesell­schaft­liche Ver­ant­wor­tung bewusst bleibt.

Tore Regi­ni­ussen, 2019 haben Sie in der Lokal­zei­tung Adres­se­a­visen in Trond­heim einen Bei­trag gegen die Abschie­bung der Familie Abbasi geschrieben. Wie kam es dazu?
Die Bür­ger­initia­tive, die um das Schicksal der Familie gekämpft hat, hat mich kon­tak­tiert. Sie hat ein Hilfs­kon­zert für die Abbasis ver­an­staltet und ich bin dahin gegangen. Dadurch bin in Kon­takt mit der Familie gekommen, um ihre Situa­tion besser zu ver­stehen. Ich habe sie ken­nen­ge­lernt und sie durch eine sehr her­aus­for­dernde Zeit begleitet. Das hat sowohl bei mir als auch bei ihnen tiefe Spuren hin­ter­lassen. Am Ende wurde die Mutter nach Afgha­ni­stan geschickt, aber die drei Kinder durften in Nor­wegen bleiben. Die Art und Weise, wie sie behan­delt wurden, hätte jeden Men­schen zer­bre­chen lassen können. Heute habe ich immer noch Kon­takt mit dem 18-jäh­rigen Ehsan. Ich habe ihm ein St.-Pauli-Trikot für seine Samm­lung ver­spro­chen.

Mit Ihrem gesell­schaft­li­chen Enga­ge­ment war es kein Zufall, dass Sie beim FC St. Pauli gelandet sind, oder?
Das Leben ist voller Zufälle, es war auch nicht das ein­zige Angebot, das auf dem Tisch lag. St. Pauli hatte eine schlechte Hin­runde gespielt und brauchte neue Spieler – egal ob 25 oder 35 Jahre alt – so lange man die erwünschte Erfah­rung und Qua­lität vor­weisen könnte, kam man in Frage. Ich habe länger hin und her über­legt, ob ich mitten in einer Pan­demie ins Aus­land ziehen wollte, habe aber gedacht: Gut, zuerst ist es nur ein halbes Jahr, ich pro­biere es ein­fach.“ Zudem hatte ich viel Fas­zi­nie­rendes über den Verein gehört und ich wusste, dass er zu mir passen würde, sowohl auf als auch neben dem Platz.

Haben Sie den Fuß­ball in Deutsch­land länger ver­folgt?
Ja, ein biss­chen. Nun spielt aber St. Pauli in der zweiten Liga, es war also nicht immer so ein­fach, den Klub aus Nor­wegen heraus zu ver­folgen. Es ist der Ruf als Kult­klub, der mich fas­zi­niert hat. Vor zehn Jahren, als ich bei Schalke spielte, haben wir im Winter vor 25.000 Zuschauern ein Test­spiel gegen St. Pauli gespielt. Die Erin­ne­rung ist in meinem Kopf hängen geblieben, zumal ich vom Akti­vismus im und rund um den Verein wusste. Ich wusste vom Ein­satz gegen Hass und Dis­kri­mi­nie­rung und dem Enga­ge­ment in wich­tigen Debatten. St. Pauli ist ja nicht der schickste Teil von Ham­burg, aber das Inter­esse rund um den Verein ist sehr beson­ders. Ich hoffe sehr, dass ich auch mal im vollen Mil­l­erntor-Sta­dion spielen darf.

Tore Regi­ni­ussen, 35

kam 1986 in Alta im nörd­li­chen Nor­wegen zur Welt. Seine Leis­tungen für Tromsø IL weckten auch inter­na­tio­nales Inter­esse: 2010 holte ihn Schalke 04 ins Ruhr­ge­biet. Nach eher ent­täu­schenden Jahren im Aus­land kehrte er 2012 nach Nor­wegen zum Rekord­meister Rosen­borg Trond­heim zurück, ehe er im Winter 2021 zum FC St. Pauli wech­selte.

Am Anfang haben Sie nur begrenzte Ein­satz­zeit bekommen und wurden nur ein­gwech­selt, um Füh­rungen zu ver­tei­digen. Mit der Zeit haben Sie aber einige Spiele von Beginn an spielen dürfen. Wie fühlen Sie sich bei St. Pauli?
Ich fühle mich hier sehr wohl. Sie wissen wofür ich stehe, wel­cher Typ ich bin und dass mein Enga­ge­ment auch neben dem Platz sehr stark ist.

Während des Gesprächs wird Tore Regi­ni­ussen von Tom Høgli, Tromsøs Beauf­tragtenr Gesell­schaft und Nach­hal­tig­keit, ange­rufen.

Woher kommt es, dass Sie sich so sehr enga­gieren? Hat Tom Høgli sie beein­flusst?
(Lacht.) Viele Werte habe ich von zu Hause mit­ge­nommen, meine Eltern haben sich in der Lokal­po­litik enga­giert. Mein Vater war lange Vor­sit­zender der Arbei­ter­partei in Alta (Regi­ni­us­sens Hei­mat­stadt im Norden von Nor­wegen, d. Red.) und meine Mutter hat als Pfle­ge­kraft für Flücht­linge dort gear­beitet. Sie haben einiges erlebt und ihre Geschichten haben mich bestimmt geprägt.

In zwei Jahren sind Lokal­wahlen in Trond­heim. Dann können Sie dort Bürger­meister werden.
(Lacht.) Per­fektes Timing! Tom Høgli und ich haben viel dar­über geredet. Aber ich weiß nicht, ob das etwas für mich ist. Ich glaube, es werden zu viele (Über­legt.)

…Enttäuschungen?
Ja, und zu viel Büro­kratie. Mein Enga­ge­ment ist vor­handen, aber ich bin etwas zu unge­duldig. Ich möchte, dass Dinge sich sofort ändern, aber so funk­tio­niert es nicht in der Politik, glaube ich.

Könnten Sie sich nach Ihrer Kar­riere eine Rolle bei Rosen­borg vor­stellen?
Nach meinem Kar­rie­re­ende brauche ich zuerst ein paar Jahre außer­halb des Fuß­balls. Als aller­erstes werde ich meine Aus­bil­dung zum Phy­sio­the­ra­peuten abschließen. Danach käme eine ähn­liche gesell­schaft­liche Rolle in Frage wie sie Tom Høgli in Tromsø inne hat. Aktuell finde ich das Enga­ge­ment rund um den Fuß­ball sehr inter­es­sant. Wenn man sich mit der Fifa und der Ver­gabe der letzten WM-Tur­niere an etwa Russ­land oder Katar tiefer aus­ein­an­der­setzt, findet man sehr viel Dreck unter den Fin­ger­nä­geln. Das ist ein harter und unan­ge­nehmer Kampf, aber einer muss ihn auf­nehmen.