Seite 2: "Die Entscheidungsfindung beim Videobeweis kann öffentlich gemacht werden"

Viel dis­ku­tiert ist der­zeit die Hand­spiel­regel. Können Sie sie erklären?
Das Hand­spiel ist und bleibt die kom­pli­zier­teste Ent­schei­dung für den Schiri im Spiel. Doch wir haben 2019 eigent­lich dafür gesorgt, dass der Grau­be­reich bei der Ent­schei­dung mini­miert wird. Vorher musste der Schieds­richter ermessen, ob eine Absicht vorlag oder nicht. Das ist schwer zu fassen. Wir haben zum Bei­spiel fest­ge­halten: Wenn ein Spieler der angrei­fenden Mann­schaft den Ball mit der Hand spielt und daraus umge­hend ein Tor resul­tiert, muss gepfiffen werden – egal ob Absicht oder nicht. So ist es ein­fach gehalten, des­wegen ver­stehe ich die Debatte nicht so ganz.

Doch was ist mit der ver­tei­di­genden Mann­schaft? Manche Spieler halten sich im Straf­raum mitt­ler­weile die Hände auf den Rücken.
Das ist etwas über­trieben. Die Spieler sollen sich ganz natür­lich bewegen. Wenn ein Spieler der ver­tei­di­genden Mann­schaft den Ball unab­sicht­lich an die Hand bekommt, ist das prin­zi­piell nicht strafbar. Doch nehmen Sie Gerard Pique bei der WM: Er hatte die Arme weit oben über dem Kopf und berührte den Ball. Da muss er sich nicht beschweren. Hände haben über dem Kopf oder 90 Grad weg vom Körper nichts ver­loren. Natür­lich muss der Schieds­richter in bestimmten Situa­tionen noch ent­scheiden: War das unab­sicht­liche Hand­spiel ent­schei­dend für den wei­teren Spiel­ver­lauf?

Hand­spiel wird mitt­ler­weile aber unein­heit­lich gepfiffen.
Da gebe ich Ihnen recht. Wir müssen an der Ein­heit­lich­keit der Ent­schei­dungen arbeiten. Ein Schieds­richter muss eigent­lich unsere genannten Kri­te­rien abar­beiten. Wir haben die Grau­be­reiche für ihn redu­ziert. Die können jetzt noch groß wie der Rhein sein, aber eben nicht mehr so groß wie der Ärmel­kanal. Es braucht noch etwas Zeit, bis die neue Regel von allen ver­standen wird. Wir brau­chen Geduld.

Wir müssen beim Thema Hand­spiel an der Ein­heit­lich­keit arbeiten“

Wie stehen Sie zum Video­be­weis? Rudi Völler monierte kürz­lich, dass man heut­zu­tage zwei Mal bei einem Tor jubeln würde.
Ich kann die Kritik nach­voll­ziehen, würde aber die Gegen­frage stellen: Sollen wir den Video­be­weis also abschaffen? Schauen Sie auf die Sta­tistik: In der Hin­runde der ver­gan­genen Bun­des­li­ga­saison wurden zum Bei­spiel 82 klare Fehl­ent­schei­dungen kor­ri­giert. Ohne den Video­be­weis gäbe es diese wei­terhin; der Schieds­richter wäre bei 60 000 Leuten im Sta­dion auch der ein­zige, der sich eine Szene nicht mehr anschauen kann. Der Fuß­ball und die öffent­liche Auf­merk­sam­keit sind mitt­ler­weile zu groß geworden, als dass man in großen Spielen wie einem Finale auf den Video­be­weis ver­zichten könnte.

Ist der Schieds­richter nun nicht nur ein Gehilfe des VAR?
Das ist viel­leicht nur unser Emp­finden. Dabei ist das Gegen­teil der Fall. Die Schiris haben wei­terhin das Sagen auf dem Platz. Sie sagen oft: Der Video­be­weis ist unser Fall­schirm und rettet unter Umständen sogar unsere Kar­rieren. In der Ver­gan­gen­heit gab es einige Ent­schei­dungen, die Schieds­rich­tern zum Ver­hängnis wurden. Über Jahre hinweg hat ein Schieds­richter tadellos gepfiffen, und dann haben ein­zelne Fehl­ent­schei­dungen in wich­tigen Spielen dazu geführt, dass sie dort viel­leicht nicht mehr erste Wahl“ waren.

Mit­unter dauert eine Ent­schei­dung des Video­schieds­rich­ters mehr als drei Minuten.
Das ist lange, richtig. Aber nicht die Norm; denn diese liegt im Durschnitt bei circa einer Minute, und das alle drei Spiele. Aber selbst drei Minuten sind wenig, wenn für Ein­würfe allein durch­schnitt­lich sieben Minuten pro Spiel drauf­gehen. Trotzdem enga­gieren wir uns wei­terhin dafür, dass der Pro­zess besser und schneller wird. Und wir arbeiten zusätz­lich an einer trans­pa­ren­teren Kom­mu­ni­ka­tion, um mehr Ver­ständnis bei den Zuschauern zu gewinnen. Wer weiß, viel­leicht könnte es einmal eine Option sein, dass die Ent­schei­dungs­fin­dung zwi­schen Video­schieds­rich­tern und Schiris auf dem Platz wäh­rend dem Spiel öffent­lich zugäng­lich wird wie in anderen Sport­arten. Viel­leicht wird so der Pro­zess mehr ver­standen und sorgt für noch mehr Nach­voll­zieh­bar­keit. Es gibt da unter­schied­liche Ansätze. Die wollen wir testen.

Die unter­suchten Bilder könnten auch im Sta­dion gezeigt werden.
Manche Ligen zeigen die Bilder nach der Ent­schei­dung des Schieds­rich­ters, manche wollen oder können es nicht. Wir geben den Ligen da auch keine Vor­gaben, weil es hierbei auch auf die finan­zi­ellen, infra­struk­tu­rellen und kul­tu­rellen Bedin­gungen des Wett­be­werbs ankommt.