Seite 3: "Wenn der Schiedsrichter hin und her spulen muss, dann: Finger weg!"

Mario Gomez wurden fünf Tore durch den Video­be­weis aberkannt, teil­weise bei Zen­ti­me­ter­ent­schei­dungen. Können Sie seinen Ärger ver­stehen?
Na klar. Nur: Auch wenn es nur um einen Zen­ti­meter Abseits geht, dann ist es eben Abseits. Daran wird sich auch ent­gegen man­cher Berichte nichts ändern. Aller­dings erin­nere ich auch noch mal an den Grund­ge­danken des Video-Assis­tenten: Er soll ein­greifen, wenn eine klare Fehl­ent­schei­dung und der hun­dert­pro­zen­tige Beweis vor­liegt.

Was meinen Sie?
Im Video­über­prü­fungs­raum werden bereits die besten Per­spek­tiven aus­ge­wählt. Wenn der Schieds­richter aber noch nach wei­teren Bil­dern suchen muss, wenn Zeit dafür geop­fert wird, die Linie noch mal anders anzu­legen, dann liegt wohl keine klare Fehl­ent­schei­dung vor. Wenn ich als Schieds­richter hin und her spulen muss und mir nicht ganz sicher bin, sprich das Abseits nicht klar belegen kann, dann sage ich: Finger weg! Da kann ich also zu einem gewissen Grad die Ansicht unter­strei­chen: Im Zweifel für den Angreifer!

Was halten Sie von einer Chal­lenge“ für die Trainer?
Das ist nicht rea­lis­tisch. Mal ange­nommen, beide Trainer hätten ihre zwei Chal­lenges“ pro Spiel schon aus­ge­reizt und dann pas­siert eine Szene in einem wich­tigen Spiel wie damals beim Hand­spiel-Tor von Thierry Henry gegen Irland – da könnte der VAR also nicht mehr ein­greifen. Das war unserer Mei­nung nach nicht der fairste Ansatz. Was würde pas­sieren? Die For­de­rungen nach mehr Chal­lenges“ stünden im Raum. Irgend­wann hätten wir dann fünf pro Team und damit mehr Ein­griffe ins Spiel als der­zeit.

Der Video­be­weis wird woan­ders nicht so kri­tisch gesehen wie in Deutsch­land“

Sie sind also mit dem jet­zigen Video­be­weis zufrieden?
Sehen Sie, es gibt den Video­be­weis erst seit drei Jahren, wir stehen noch am Anfang. Die NFL hat ihr Pro­to­koll dazu 15-Mal ange­passt und in einer Saison den Video­be­weis sogar kurz­zeitig aus­ge­setzt. Im Ver­gleich dazu läuft es im Fuß­ball schon sehr gut. Der Video­be­weis wird in anderen Län­dern auch nicht so kri­tisch gesehen wie viel­leicht in Deutsch­land. Oft stürzt sich die Öffent­lich­keit auf die ein­zelnen Fehler und ver­gisst all jene Situa­tionen, in denen mehr Gerech­tig­keit ins Spiel gebracht wurde. Über hun­dert Tur­niere welt­weit nutzen den Video­be­weis, es läuft noch nicht alles rund, aber das Fazit fällt durchaus positiv aus. 100 Pro­zent rich­tige Ent­schei­dungen wird es eben nie geben. Denn: Ers­tens stehen wir noch am Anfang der Ent­wick­lung. Und zwei­tens: Die Ent­schei­dungen treffen immer noch Men­schen. Die können sich irren.

Worum wird es bei der nächsten Jah­res­ta­gung des Ifab Ende Februar gehen?
Um drei Themen. Zum einen um die Kom­mu­ni­ka­tion beim Video­be­weis, die ich gerade ange­spro­chen habe. Das zweite Thema umfasst mög­liche (tem­po­räre, die Red.) Aus­wech­se­lungen bei Gehirn­er­schüt­te­rungen. Wir werden prüfen, welche Optionen bestehen und uns auch von Medi­zi­nern beraten lassen. In anderen Sport­arten gibt es einen Zeit­raum von zwölf Minuten Behand­lung, in dem ein Ersatz­spieler aufs Feld kann. In dieser Zeit soll der Schwe­re­grad der Ver­let­zung ermit­telt werden. Ob das aber so im Fuß­ball ein­ge­führt wird, ist noch offen.

Und drit­tens?
Wir beschäf­tigen uns mit dem Ver­halten der Spieler. Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Mitt­ler­weile stürmt nach jeder Ent­schei­dung die kom­plette Mann­schaft auf den Schieds­richter zu. Der Hemm­schwelle gegen­über Schieds­rich­tern scheint immer mehr zu ver­schwinden. Und dieses Ver­halten im Pro­fi­fuß­ball hat einen Ein­fluss auf den Nach­wuchs. Was ein Idol heute im TV macht, wird morgen von Kids kopiert – im posi­tiven wie im nega­tiven Sinne.

Und wie soll das geän­dert werden?
Es gibt viele Optionen. Ein Ansatz lautet: Der Referee streckt die flache Hand aus als deut­li­ches Signal, das Rekla­mieren zu unter­lassen. Wenn ein Spieler dann noch nicht auf­hört, bekommt er viel­leicht die gelbe Karte. Wir werden diese und andere Optionen dis­ku­tieren. Fakt ist: Die Bela­ge­rung der Schieds­richter muss end­lich auf­hören.