Seite 3: Wer nicht genau hinschaute, konnte die Zeichen der Krise leicht übersehen

Dabei basierte die über­bor­dende Geschäfts­tä­tig­keit rund um den Fuß­ball auf der immer gewag­teren Wette, dass das Stamm­pu­blikum am Ende jede kom­mer­zi­elle Volte mit­ma­chen würde. Die Sta­di­ongänger, die Fah­nen­schwenker und Alles­fahrer, die Fan­klub­vor­sit­zenden und Dau­er­kar­ten­käufer, sie alle sollten trotz alledem in die Sta­dien gehen, die Aus­wärts­blöcke füllen und auch die sechste Son­der­edi­tion des zweiten Aus­weich­tri­kots kaufen. Das ging lange Zeit gut. Und wer nicht genau hin­schaute, konnte die Zei­chen der Krise leicht über­sehen. Als die aktive Dort­munder Szene vor ein paar Jahren ankün­digte, nicht zum Aus­wärts­spiel zum Geträn­ke­stütz­punkt nach Leipzig zu fahren, und zum Fern­bleiben auf­rief, rissen sich andere Fans um das frei­ge­wor­dene Kar­ten­kon­tin­gent. Welch anderen Schluss sollte man daraus ziehen als jenen, dass sich die Anhänger am Ende alles bieten lassen?

Dabei hatte die Ent­frem­dung, die heute viele einst­mals lei­den­schaft­liche Anhänger ziem­lich gleich­gültig auf den Fuß­ball­be­trieb bli­cken lässt, da bereits mit Wucht ein­ge­setzt. Und im Nach­hinein schüt­telt man über manche naive Pro­jek­tion des Fuß­ball­be­triebs den Kopf. Etwa die lus­tige Vor­stel­lung, es lasse einen nor­malen Schicht­ar­beiter kalt, in der Zei­tung von einem Keeper zu lesen, der aus­schließ­lich ein Jah­res­ge­halt jen­seits der zwanzig Mil­lionen Euro als Aner­ken­nung seiner Lebens­leis­tung akzep­tiert. Oder die kuriose Vor­stel­lung, die Anhänger würden sich jedes Jahr aufs Neue wie Schnee­kö­nige auf die Bun­des­liga freuen, obwohl kein Dritt­klässler jemals einen anderen Deut­schen Meister ken­nen­ge­lernt hat als den FC Bayern. Und schließ­lich die gänz­lich absurde Vor­stel­lung, es wäre den Fuß­ball­fans am Ende doch egal, dass nicht ein ein­ziges WM-Tur­nier der letzten Jahr­zehnte ohne Schmier­geld­zah­lungen ver­geben wurde. Und all das, wäh­rend sich der euro­päi­sche Spit­zen­fuß­ball zugleich als Hort der Fair­ness, der Völ­ker­ver­stän­di­gung und der pri­ckelnden Hoch­glanz­un­ter­hal­tung ver­kaufte.

Die Kluft zwi­schen Zuschauern und Fuß­ball­be­trieb ist zu groß geworden

Wer also ernst­haft daran inter­es­siert ist, den Fuß­ball zu refor­mieren, muss sich fragen, wie diese Kluft zwi­schen den Zuschauern und dem Fuß­ball­be­trieb wieder zu ver­klei­nern ist. Ganz zu schließen ist sie nicht und sollte sie auch nicht sein. Schließ­lich ent­steht auch durch die Rei­bung der Anhänger an den Zumu­tungen des Pro­fi­fuß­balls, aus der Oppo­si­tion gegen zu viel Kom­merz, die not­wen­dige Hitze, um Kultur zu schaffen. Zu groß darf die Kluft aber eben auch nicht werden, weil dann die Bin­dung reißt, die Bezie­hung keinen Sinn mehr gibt und ergibt. Nur wenn Anhänger den Ein­druck haben, dass sie gebraucht werden, dass ihre Stimmen zählen, dass sie gehört werden und dass sie nicht nur benö­tigt werden, damit das Sta­dion im Fern­sehen gut aus­sieht, dann werden sie sich weiter enga­gieren, Dau­er­karten kaufen und Fahnen schwenken.

Es braucht, um es radikal zu for­mu­lieren, ein neues Ver­hältnis zwi­schen den Anhän­gern und den Ver­einen, den Common Sense, ele­mentar auf­ein­ander ange­wiesen zu sein und ein­ander auf Augen­höhe zu begegnen. Das bedeutet einen oft anstren­genden Dialog, das bedeutet kon­träre Ansichten und Bedürf­nisse. Ein auf diese Weise neu jus­tiertes Ver­hältnis ist jedoch zugleich die ein­zige Chance, gestärkt aus dieser Krise her­aus­zu­gehen. Jetzt ist die Mög­lich­keit, mit all den Betei­ligten des Fuß­balls, der zugleich Volks­sport, Enter­tain­ment, Kultur und knall­hartes Geschäft ist, zu ver­han­deln – mit klarer Sicht auf die Defor­ma­tionen des Geschäfts, aber auch mit aner­ken­nendem Blick auf das, was in den letzten beiden Jahr­zehnten auf­ge­baut worden ist.

Die Bun­des­liga hat eine his­to­ri­sche Chance

Denn das ist eine Angst vieler Funk­tio­näre, die zunächst ent­kräftet werden muss und kann. Ziel kann keine Kul­tur­re­vo­lu­tion sein, keine mut­wil­lige Zer­stö­rung wirt­schaft­li­cher Struk­turen. Dafür arbeiten im Pro­fi­fuß­ball inzwi­schen viel zu viele Men­schen, dafür sind die Klubs viel zu wichtig für ihre Städte und Regionen. Aber es kann eben auch nicht nur um Lip­pen­be­kennt­nisse gehen, um mal schnell hin­ge­wor­fene Bekun­dungen, nun aber das Ohr noch näher am Volks­mund zu haben. Eine selbst­be­wusste Fan­kultur als ele­men­taren Teil des Fuß­ball­be­triebs anzu­er­kennen, ist kein State­ment, son­dern ein Pro­zess. Und genauso ist die Erkenntnis, dass immer absur­dere Spie­ler­ge­hälter dem Publikum nicht mehr ver­mit­telbar sind, nicht allzu viel wert, wenn ihr nicht ver­bind­liche Regeln und Beschlüsse folgen.

Und all das kann natür­lich auch nicht auf Deutsch­land beschränkt bleiben. Wer im Pro­fi­fuß­ball etwas ver­än­dern will, muss global, min­des­tens aber euro­pä­isch denken und han­deln. Wenn die Pre­mier League, die Serie A oder die spa­ni­sche Liga wei­terhin Mond­ge­hälter zahlen, wird eine Gehalts­bremse in Deutsch­land nur dazu führen, dass noch mehr junge Talente ins Aus­land wech­seln. Zugleich bedeutet euro­päi­sches Denken aber auch, vor­an­gehen zu können. Die Bun­des­liga gilt als fan­freund­lichste der großen Ligen. Die Steh­platz­a­reale machen viele Eng­länder blass vor Neid. Nun kann sie den anderen großen Ligen vor­ma­chen, dass sie noch viel mehr kann, dass sie Wirt­schaft und Kultur ver­söhnen kann, dass sie vor­aus­schauend plant, dass sie ein mora­li­sches Geländer hat. Vor allem aber muss sie zeigen, dass sie die Anhänger ernst nimmt. Das ist ein großer Schritt. Aber sie muss ihn jetzt gehen.