Seite 2: Audience Flow, Customer Journey, südostasiatische Märkte

Nun for­dern inzwi­schen viele einen Kul­tur­wandel im Spit­zen­fuß­ball. Und einige, die gerade ver­su­chen, sich mit Verve an die Spitze der Reform­be­we­gung zu setzen, tun dies, damit sie dort kräftig auf die Bremse steigen können. Wenn der Welt­ver­band FIFA ver­kündet, er kämpfe mit Online-Dis­kus­sionen für einen noch bes­seren Fuß­ball“, dann genügt ein Blick auf den Unter­zeichner des ein­schlä­gigen Briefes an die Mit­glieds­ver­bände. Ver­fasst und signiert wurde der näm­lich von Prä­si­dent Gianni Infan­tino, der in den letzten Jahren so ziem­lich jede Anstren­gung unter­nommen hat, zu per­sön­li­chem Vor­teil das Tafel­silber der FIFA-Tur­niere und TV-Rechte meist­bie­tend zu ver­hö­kern. Wel­ches Damas­kus­er­lebnis dem Prä­si­denten wohl wider­fahren ist, dass künftig nicht mehr der schnöde Mammon im Zen­trum all seines Stre­bens steht?

Nein, die Revo­lu­tion im Welt­fuß­ball wird nicht von Zürich aus­gehen und auch nicht von der Otto-Fleck-Schneise in Frank­furt. Das muss sie auch nicht, denn bei Licht besehen for­dert nie­mand, der ernst­haft an Ver­bes­se­rungen inter­es­siert ist, die umfas­sende Abkehr vom gegen­wär­tigen Geschäfts­prinzip. Schon gar nicht die aktiven Fan­szenen übri­gens, denen ja gern in oft stumpfer Dik­tion vor­ge­worfen wird, sie wollten zu Holz­tri­bünen, Baum­woll­tri­kots und auf­ge­pumpten Schwei­neblasen zurück. Wer jedoch das stu­dierte, was die Kurven seit Jahr und Tag for­dern, konnte dort einiges ent­de­cken, was in diesen Wochen und Monaten als brand­ak­tu­elle For­de­rung durch die Medien gereicht wird. Und dabei geht es kei­nes­falls um das Dau­er­thema Pyro­technik, son­dern um die Frage nach der grund­sätz­li­chen Sys­te­matik des Pro­fi­fuß­balls hier­zu­lande und in Europa.

Ob Fans auch nur ansatz­weise Lust haben? Egal!

Die Fan­szenen haben beharr­lich darauf hin­ge­wiesen, dass der Fuß­ball in den letzten Jahr­zehnten eine für den Sport, seine Kultur und seine Wirt­schaft schäd­liche Gewichts­ver­la­ge­rung vor­ge­nommen hat. Die enormen Summen, die der Fuß­ball durch glo­bale TV-Rechte erlösen konnte, haben dazu geführt, dass bei der Gestal­tung des Spiel­be­triebs nahezu aus­schließ­lich auf die Inter­essen und Bedürf­nisse der Zuschauer vor den Fern­se­hern Rück­sicht genommen wurde. Die heu­tige Fäche­rung des Fuß­ball­be­triebs über die ganze Woche folgt der Erkenntnis, dass mehr Spiele auch neue Sen­de­plätze und in der Kon­se­quenz deut­lich mehr Geld bedeuten. 

Ob Fans auch nur ansatz­weise Lust haben, am Mon­tag­abend oder Sonn­tag­mittag ins Sta­dion zu gehen, war da stets Neben­sache. Die Haupt­sache war, diesen gefrä­ßigen Betrieb zu füt­tern, mehr noch, ihn immer größer werden zu lassen. Nicht zufällig wurden auch in der Bun­des­liga auf den Jah­res­haupt­ver­samm­lungen immer neue Umsatz­re­korde und erlöste Trans­fer­mil­lionen min­des­tens ebenso stolz prä­sen­tiert wie errun­gene Pokale. Wer’s nicht glaubt, sichte noch einmal die Jubel­mel­dungen aus dem Januar 2019, als Chris­tian Pulisic von Borussia Dort­mund für über 60 Mil­lionen Euro an den FC Chelsea ver­kauft wurde. So freu­de­strah­lende Mienen sah man beim BVB zuletzt nach der ersten Meis­ter­schaft unter Jürgen Klopp. Fast über­ra­schend, dass die dazu­ge­hö­rigen Geld­koffer nicht auch noch im offenen Wagen um den Bor­sig­platz gefahren wurden.

Die Suche nach immer neuen Erlös­quellen war das Mantra der letzten Jahr­zehnte. Wer findig war, wer neue Geschäfts­felder ent­deckte – und sei es nur das, auch noch den Ein­lauf­kin­dern ein Preis­schild umzu­hängen –, und wer damit auch noch durchkam, dem wurde auf ein­schlä­gigen Sport­busi­ness­kon­gressen aner­ken­nend auf die Schulter gehauen und ehr­furchts­voll zuge­nickt, wenn er welt­män­nisch über Audi­ence Flow, Cus­tomer Journey und die anste­hende Erobe­rung süd­ost­asia­ti­scher Märkte par­lierte.