Seite 2: "Ist das der ersehnte Aufstieg?"

Das sahen auch die meisten Jour­na­listen so. Es herrschte ein reger Andrang im Auesta­dion, ver­mut­lich gab es nie zuvor und nie danach so viel mediale Auf­merk­sam­keit für ein Spiel von Hessen Kassel. Das ZDF zeigte sogar einen zehn­mi­nü­tigen Nach­be­richt. Kom­men­tator Rolf Töp­per­wien sprach von Bun­des­liga-Atmo­sphäre“.

Das Spiel begann für Kassel mit einem wei­teren Schock: Libero Walter Horch musste nach einem Kopf­ball­duell ver­letzt vom Platz. Aber dann schien sich das Blatt zu wenden. Horst Hampl, fast 35 Jahre alt, traf mit einem feinen Schuss in den Winkel. Das 2:0 fiel elf Minuten später per Elf­meter. Ist das der lang ersehnte Auf­stieg für Hessen Kassel?“, fragte Töp­per­wien.

Nun, liebe Lese­rinnen und Leser, Sie ahnen es: Nein, es ist der ver­dammte Anfang vom Abstieg! Denn danach ging es Schlag auf Schlag. In der 32. Minute traf Han­no­vers Fred Schaub, in der 45. Minute glich Martin Giesel aus. Es blieb beim 2:2; Kassel stieg wieder nicht auf, denn am letzten Spieltag verlor die Mann­schaft gegen den FCN und rutschte von Platz eins auf Platz vier.

Und Thomas Freu­den­stein? Der machte damals gegen Han­nover ein tolles Spiel. Töp­per­wien nannte ihn den über­ra­genden Spieler auf dem Platz“, es mache wirk­lich Freude diesem Freu­den­stein zuzu­sehen, einem 24-jäh­rigen Bau­er­sohn aus dem hes­si­schen Marl“. Bei beiden Toren war der Mit­tel­feld­spieler unmit­telbar betei­ligt, auch sonst wirkte er extrem agil und wendig. Ein Zehner mit Lauf­be­reit­schaft. In der zweiten Halb­zeit hatte er das 3:2 auf dem Fuß aber Han­no­vers Tor­hüter Ralf Raps parierte.

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Das hatten sie noch gut lachen: Kas­sels Helmut Hampl trifft per Elf­meter zum 2:0 gegen Han­nover.

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Wenn man ihn so über den Platz laufen sieht, denkt man sofort, dass zumin­dest er es bald in die Bun­des­liga schaffen würde. Aber auch das klappte nicht. Er wech­selte zu Hertha BSC, ein Jahr in der Ober­liga, ein Jahr in der 2. Bun­des­liga. Dann ging er zurück nach Kassel (ein Jahr später stieg Hertha, na klar, in die Bun­des­liga auf).

Bin aber nicht traurig. Ich konnte ganz okay leben damals. Hatte mir auch ein biss­chen was ange­spart. Und nach der Fuß­ball­zeit ging ich auf Reisen. Holte quasi die Euro­po­kal­a­ben­teuer nach, die ich im Fuß­ball nie machen konnte. Und ich flog auch ganz weit weg, Sri Lanka, Thai­land, USA. Irgend­wann machte ich auch dieses Hobby zum Beruf und wurde Rei­se­ver­kehrs­kauf­mann. Das mache ich heute noch.“

Auch Hessen Kassel ging in den Jahr­zehnten danach auf eine ziem­liche Aben­teu­er­reise, die den Verein über viele Abstiege, Pleiten und Kon­kurse bis in die Kreis­liga A führte. Aber dann zeigte der KSV, dass er auch auf­steigen kann. Mitt­ler­weile spielt er wieder in der Regio­nal­liga, vierte Liga. Und hey, das ist ja nur noch eine Liga bis zum HSV – zumin­dest wenn dieser sich nach zer­mür­benden Auf­stiegs­kämpfen end­lich für einen ehr­li­chen Kurs­wechsel nach unten ent­scheidet.

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