Der HSV steuert erneut zielstrebig auf Platz vier zu. Ein Bundesliga-Fluch? Ach, das ist doch nichts gegen Hessen Kassel in den Achtzigern.
Okay, einen Rekord könnte der HSV bald knacken. Denn noch nie hat eine Mannschaft vier Zweitligasaisons in Folge auf Platz vier abgeschlossen. Man sieht schon die Überschriften: Vier gewinnt nicht. 2019, 2020 und 2021 spielte der HSV oben mit, war oft Tabellenführer oder auch mal Herbstmeister – am Ende landete er stets auf Platz vier. Als würde am letzten Spieltag vor Platz drei ein Türsteher stehen, der jedes Mal den Daumen senkt. Elon Musk kennt das Problem.
Womit wir ruckzuck beim derzeitigen Regionalligisten Hessen Kassel sind. Klar, zwischen den beiden Vereinen liegen einige Universen, einerseits. Der HSV war mehrmals Meister, gewann den Europapokal der Landesmeister, ist ein schlafender Riese. Sportvorstand Jonas Boldt nannte den HSV diese Woche den „vielleicht größten Verein nach dem FC Bayern“. Gegen Hessen Kassel haben die Hamburger seit Bundesligastart nur einmal gespielt. 1964 im DFB-Pokal, 2:0 für den HSV.
Andererseits ist es vom HSV zum KSV gar nicht so weit. Weder Phonetisch noch historisch. Wie der HSV in den Achtzigern die Bundesliga prägte, prägte der KSV die Liga drunter. 1980 stiegen die Nordhessen in die 2. Bundesliga auf und blieben dort bis 1987. In den ersten sechs Jahren dieser Dekade wurden sie viermal Vierter, einmal Fünfter und einmal Siebter. In der Saison, in der sie Siebter wurden, lagen sie nur drei Punkte hinter dem dritten Platz, zur Winterpause waren sie Zweiter gewesen. In der Saison, in der sie Fünfter wurden, hätte am letzten Spieltag ein Sieg gegen Absteiger Bayreuth für den Bundesliga-Aufstieg gereicht. Aber der KSV verlor das Spiel. Dann noch die drei vierten Plätze. Besonders tragisch war es 1985, als die Mannschaft vor dem letzten Spieltag Tabellenführer war – dann durch eine Niederlage in Nürnberg auf den vierten Platz abrutschte.
Ein Kalenderspruch lautet: „Scheitern ist nicht das Gegenteil von Erfolg, es ist ein Teil davon.“ Aber erzähl das mal einen Fan von Hessen Kassel. Denn es ist ja nicht so, dass der KSV vor den Achtzigern auf der Sonnenseite des Fußballs stand. Die Sache mit dem Beinahe-Aufstiegen zieht sich wie der einzige rote Faden durch die Vereinsgeschichte. 1964 wurde Kassel vor dem FC Bayern Erster in der zweitklassigen Regionalliga Süd, scheiterte dann aber knapp in der Aufstiegsrunde. 1971 und 1972 wurde Kassel Dritter und Vierter in der Regionalliga. 1975, 1976 und 1977 belegte sie Platz drei in der drittklassigen Amateurliga, 1979 Platz zwei (in allen Jahren stieg nur der Erste auf).
„Thomas Freudenstein macht Freude“ (Rolf Töpperwien)
Lastete auf der Mannschaft ein Fluch? Und ist der HSV der neue KSV? Anruf bei einem, der es wissen muss: Thomas Freudenstein, der schon in der Jugend bei Hessen Kassel spielte und in den Achtzigern bei drei Beinahe-Aufstiegen dabei war.
„Der Vergleich mit dem HSV hinkt ein wenig. Die haben ja einige Jahre in der Bundesliga gespielt. Wir haben’s nie geschafft. Manchmal hatten wir ein bisschen Pech, manchmal haben wir uns auch wirklich blöd angestellt. 1985 war echt bitter.“
Hessen Kassel hatte in der Saison tollen Fußball gespielt. Besonders in der Hinrunde drehte das Team auf, legendär ist etwa das 5:4 gegen St. Pauli – nach 1:4‑Rückstand. Außerdem gewann der KSV (mit Trainer Jörg Berger) beim Aufstiegsfavoriten Hannover 3:1 und zerlegte den 1. FC Nürnberg mit 4:0. Am drittletzten Spieltag fuhr Hessen Kassel als Spitzenreiter zum VfR Bürstadt, der Vorletzter war. Ein Sieg hätte vermutlich für den Aufstieg gereicht. Aber wie es so ist im Fußball: Es begann das große Nervenflattern, Bürstadt gewann 2:1. Eine kleine Sensation für die einen, eine ziemliche Blamage für die anderen.
„Ach, das schaffen wir schon mit 16 Mann“
„Am Ende der Saison ging uns die Puste aus. Wir merkten, wie dünn unser Kader besetzt war. Ich weiß noch, dass auf unserem Mannschaftsfoto vor der Saison nur 16 Spieler zu sehen sind. Sechzehn! Heute sind die meisten Kader über 25 Spieler groß. Damals aber ging es dem Verein finanziell nicht so gut, und dann dachte man vermutlich auch, ach, das schaffen wir schon mit 16 Mann!“
Blöd nur, am Ende der Saison fielen gleich mehrere Stammspieler aus. Am vorletzten Spieltag fehlten besonders die beiden Top-Torjäger Horst Knauf (verletzt) und Peter Cestonaro (Gelbsperre). Zusammen hatten sie bis dahin 26 Tore gemacht. Und nun ging es ausgerechnet gegen den Zweitplatzierten Hannover. Highnoon, Entscheidung im Auestadion; 30 Grad, Sonne satt, 25.000 Zuschauer waren gekommen, davon 5000 aus Hannover. An den Tribünen hingen Banner, auf denen stand: „Mittwochabend Europapokal!“ und „Adieu 2. Liga“. Das Bundesliga-Buffet war eröffnet.
_