Jürgen Klins­mann hat fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er war Deut­scher Meister und Uefa-Cup-Sieger, Tor­schüt­zen­könig der Bun­des­liga, Welt- und Euro­pa­meister. Und trotzdem scheint er bis heute das Gefühl zu haben, dass ein Schatten auf seiner Kar­riere liegt. Ein Titel fehlt ihm: der des Welt­meis­ters 1994. 1994 Welt­meister zu werden, war zigmal ein­fa­cher als 1990“, hat Klins­mann einmal gesagt. Der Kader, mit dem die Deut­schen damals in den USA an den Start gingen, sei indi­vi­duell deut­lich stärker besetzt gewesen als der, mit dem sie vier Jahre zuvor in Ita­lien den Titel geholt hatten. Von den Ein­zel­spie­lern waren wir sicher die beste Mann­schaft bei der WM“, findet auch Andreas Köpke, Tor­wart­trainer der Natio­nal­mann­schaft und damals Ersatz­tor­hüter. Aber am Ende gab es nicht den gol­denen Pokal – son­dern das Aus im Vier­tel­fi­nale. Gegen Bul­ga­rien. Wir sind auf­ge­wacht und waren aus­ge­schieden“, sagt Köpke.

Für Klins­mann war die WM 1994 die größte Ent­täu­schung“ seiner Kar­riere. Da wird es ihn ver­mut­lich nicht trösten, dass es seitdem fast allen Welt­meis­tern ähn­lich ergangen ist. Nur Bra­si­lien schaffte es 1998 ein wei­teres Mal ins Finale. Einmal war für den Titel­ver­tei­diger im Vier­tel­fi­nale Schluss (Bra­si­lien, 2006), und dreimal (Frank­reich, 2002; Ita­lien, 2010; Spa­nien, 2014) sogar in der Vor­runde. Seit den Bra­si­lia­nern 1962 hat es kein Welt­meister mehr geschafft, seinen Titel erfolg­reich zu ver­tei­digen – 56 Jahre ist das hier.

Vier Jahre sind im Fuß­ball eine Ewig­keit

Und trotzdem gibt es für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft bei der WM in Russ­land kein anderes Ziel, als zum zweiten Mal hin­ter­ein­ander den Titel zu holen. Seit dem ersten Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel im Spät­sommer 2016 hat Bun­des­trainer Joa­chim Löw immer wieder von dieser Her­aus­for­de­rung gespro­chen, von dem Wunsch, etwas His­to­ri­sches zu schaffen. Das zu wie­der­holen, ist wirk­lich nicht ganz ein­fach“, sagt Löw. Klar ist: Wir brau­chen ins­ge­samt als Mann­schaft noch mal eine Stei­ge­rung. Wir müssen noch besser spielen können als 2014 und uns nochmal nach oben bewegen.“ Bisher ist es nur zwei Län­dern gelungen, zweimal hin­ter­ein­ander Welt­meister zu werden: Ita­lien (1934 und 1938) und eben Bra­si­lien (1958 und 1962). Auf den ersten Blick mag das seltsam erscheinen; auf den zweiten nicht. Vier Jahre sind im Fuß­ball eine mitt­lere Ewig­keit. Ein Team, das beim Titel­ge­winn auf dem Höhe­punkt seiner Schaf­fens­kraft ist, kann vier Jahre später seinen Zenit längst über­schritten haben. Inso­fern ist es nicht zwin­gend ein Nach­teil, dass aus der deut­schen Finalelf von 2014 fast die Hälfte der Spieler nicht mehr dabei ist.

1994 war das anders. Aus der Welt­meis­ter­mann­schaft von Rom waren nur Pierre Litt­barski und Klaus Augen­thaler nicht mehr dabei. Und nach einem berühmten Aus­spruch von Franz Becken­bauer sollte die Mann­schaft dank der Spieler aus der ehe­ma­ligen DDR auf Jahre unschlagbar sein. Es gab nur ein kleines Pro­blem. Wir hatten keine Mann­schaft“, sagt der dama­lige Bun­des­trainer Berti Vogts. Wir hatten drei unter­schied­liche Gruppen.“ Es gab die Welt­meister von 1990, die Neuen wie Stefan Effen­berg und eben die Spieler aus der ehe­ma­ligen DDR. Vor dem Tur­nier pro­phe­zeite Michel Pla­tini: Wenn die Deut­schen gut sind, werden sie wieder Welt­meister. Wenn sie schlecht sind, errei­chen sie das Finale.“ Am Ende waren sie sehr schlecht.

Dreimal sind die Deut­schen bisher als Welt­meister in eine WM-End­runde gestartet. Nur einmal erreichten sie das Halb­fi­nale. Das war 1958 in Schweden, als die Natio­nal­mann­schaft Vierter wurde. 1978 schei­terte sie in der zweiten Final­runde und 1994 im Vier­tel­fi­nale. Wenn man sieht, wo die letzten Welt­meister gelandet sind, stehen wir vor einer ganz großen Auf­gabe“, sagt Oliver Bier­hoff, der Manager der Natio­nal­mann­schaft. Es wird die schwie­rigste WM, denn wir werden die Gejagten sein. Alle werden gegen uns eigent­lich nur gewinnen können. Alle werden Spaß daran haben, uns ein Bein zu stellen. Wir können dieses Tur­nier nur erfolg­reich gestalten, wenn wir die letzten Pro­zent­punkte raus­holen, wenn wir von Anfang an fokus­siert sind.“

Im Moment sieht es nicht zwin­gend danach aus. Eher weht ein Hauch von 94 durchs Land. Die letzten beiden Vor­be­rei­tungs­spiele gegen Öster­reich und Saudi-Ara­bien waren mäßig bis mise­rabel, hinzu kommen die nega­tiven Schwin­gungen durch die nicht auf­ge­ar­bei­tete Erdogan-Affäre. Ent­schei­dend wird sein, wie die Mann­schaft sol­chen Wider­ständen begegnet. Auch vor vier Jahren lief in der Vor­be­rei­tung nicht alles rund: Manuel Neuer war ver­letzt, Philipp Lahm ange­schlagen, Sami Khe­dira und Bas­tian Schwein­s­teiger kamen aus langen Ver­let­zungs­pausen. Die mediale Bericht­erstat­tung fiel ent­spre­chend düster aus – doch gerade das war der Mann­schaft ein Antrieb. Diese Moral, diese Ein­stel­lung zum Ganzen, die wir 2014 hatten, die müssen wir wieder an den Tag legen“, sagt Innen­ver­tei­diger Mats Hum­mels. Wir haben eine gute Basis, aber das letzte Fünk­chen muss noch über­springen.“ Doch selbst dann gebe es natür­lich keine Garantie. Toni Kroos hat daran erin­nert, wie schwer es ist, einmal Welt­meister zu werden, den Titel zu ver­tei­digen aber sei noch mal schwerer. Bei Real war es, was die Cham­pions League betrifft, genau das Gleiche“, sagt der Mit­tel­feld­spieler. Mehr als 25 Jahre war es keinem Verein gelungen, die wich­tigste Tro­phäe des Klub­fuß­balls erfolg­reich zu ver­tei­digen. Ende Mai haben Toni Kroos und Real Madrid zum dritten Mal hin­ter­ein­ander die Cham­pions League gewonnen.