Kurz vor dem Abschied zieht Ales­sandro Gal­diolo sein Telefon aus der Hosen­ta­sche und öffnet eine Datei mit Fotos. Mit dem Daumen seiner rechten Hand scrollt der 30-Jäh­rige durch seine jün­gere Ver­gan­gen­heit. Er blät­tert an Auf­nahmen seiner Hoch­zeit im ver­gan­genen Jahr vorbei und an den anschlie­ßenden Flit­ter­wo­chen. Es sind Bilder aus einem geord­neten Leben, doch vom Glück ist das Unglück nur ein paar Klicks ent­fernt. Ales­sandro Gal­diolo zeigt auf ein Bild seines Vaters: Schau ihn dir an!“ Das Kinn von Gian­carlo Gal­diolo ist immer noch breit und männ­lich, aber das Gesicht ist leblos. Die Unter­lippe hängt schlaff her­unter, die Augen schauen mit abwe­send leerem Blick am Objektiv vorbei. Ein großes weißes Kissen stützt den Kopf des Kranken. Vor einem Jahr hat er noch mit Freunden gekickt und den Gegen­spie­lern so zuge­setzt, als ginge es um den Scu­detto.“ Der Sohn schließt das Bild, grüßt müde, dann klappt die Tür ins Schloss. 

Eine Stunde zuvor hatte sich Ales­sandro Gal­diolo, ein groß­ge­wach­sener, selbst­be­wusster Typ, noch in Rage geredet. Er hatte in seinem Wohn­zimmer in Cas­tro­caro Terme, unweit von Rimini, das Lokal­blatt Il Resto del Car­lino“ in der Hand gehalten und wütend auf einen Artikel gedeutet. Gal­diolo und das dunkle Böse – Das sind die Sub­stanzen, die ich ein­nehmen musste“ hieß die Über­schrift, dar­unter waren zwei Fotos seines Vaters. Links sah man den ehe­ma­ligen Mann­de­cker des AC Flo­renz als jungen Hau­degen Anfang der sieb­ziger Jahre, rechts zum Ende seiner Kar­riere als gefei­erte Fio­ren­tina-Legende mit 229 Spielen in der Serie A. In der Mitte war ein Bild von roten und weißen Pillen, quer dar­über eine Spritze – das dunkle Böse. Es besteht kein Zweifel daran, dass der heute 62 Jahre alte Gian­carlo Gal­diolo wie seine Mit­spieler bei der Fio­ren­tina und zahl­lose andere Serie-A-Kicker zu seiner aktiven Zeit mit Medi­ka­menten voll­ge­pumpt wurden, damit sie besser Fuß­ball spielten.

Der Horror hat einen Namen: Amyo­trophe Late­ral­skle­rose

Ob er das auch getan hätte, wenn er die Risiken gekannt hätte, danach kann man ihn jedoch nicht mehr fragen, denn seit dem letzten April spricht Gal­diolo nicht mehr. Im Sommer wurde bei ihm zunächst eine Fron­to­tem­po­rale Demenz dia­gnos­ti­ziert und kurz darauf eine Amyo­trophe Late­ral­skle­rose, kurz ALS, eine unheil­bare Ner­ven­krank­heit. Sie führt zur voll­stän­digen Läh­mung der Mus­ku­latur. Der Tod tritt fast immer durch Ersti­cken ein. Viel­leicht, so hofft der Sohn, macht der abwe­sende Geis­tes­zu­stand dem Vater das Ende etwas leichter. Ales­sandro hätte einigen Grund, auf die Ärzte und Trainer von damals wütend zu sein, auch wenn bisher nicht sicher nach­weisbar ist, dass die Medi­ka­mente die Krank­heiten des Vaters aus­ge­löst haben. Aber der junge Gal­diolo, selbst bis vor kurzem Ama­teur­ki­cker, ist empört, weil er das Bild seines Vaters durch den Dreck gezogen findet. Sie können ihn doch nicht ein­fach als Dro­gen­süch­tigen hin­stellen“, zetert er, schüt­telt den Kopf und sucht mit dem Blick nach Bestä­ti­gung. Ich kenne meinen Vater. Ich bin mir sicher, dass er nichts genommen hat.“ Dabei weiß Ales­sandro doch eigent­lich, dass sein Vater zu kaum einem Spiel antrat, ohne vorher Medi­ka­mente geschluckt zu haben. Nicht etwa, weil er krank war, son­dern um die eigene Leis­tung zu stei­gern. Alle taten das damals. Der Vater selbst hat es der Polizei erzählt, als er im März 2006 im Fall des ver­stor­benen Mann­schafts­kol­legen Bruno Bea­trice ver­nommen wurde. Alle Spieler schluckten die Pillen, die die Mann­schafts­ärzte auf einem kleinen Tel­ler­chen in der Kabine wie Weih­nachts­kekse anboten. Tabletten und Infu­sionen waren so selbst­ver­ständ­lich, wie Stollen an die Schuhe zu schrauben. Und so hält sich das Mär­chen noch heute, dass es sich dabei nicht um Doping han­delte. 

Amphet­amin-Kaffee in der Kabine

Um die Erin­ne­rung an den starken Vater nicht auf­zu­geben, hält sich auch Ales­sandro Gal­diolo an dem Gedanken fest, dass doch nicht falsch sein kann, was alle taten. Das ist ein typi­scher Reflex auf das Doping im ita­lie­ni­schen Fuß­ball. Wer noch etwas zu ver­lieren hat, ob einen Job, den Ruhm oder das Andenken an den Vater, der blendet die Wahr­heit aus. Dabei gibt es noch wei­tere Augen­zeu­gen­be­richte über das Doping in der Serie A, etwa von Fer­ruccio Maz­zola, dem Bruder des berühmten Sandro Maz­zola. Der jün­gere und weniger erfolg­reiche der Maz­zola-Brüder berich­tete 2004 vom Amphet­amin-Kaffee, den Trainer Helenio Her­rera den Spie­lern von Inter Mai­land in den sech­ziger Jahren vor den Spielen ver­ab­reichte. Eine Zeit­lang habe er vor allem den Ersatz­spie­lern die Pillen in den Mund geschoben, um deren Wir­kung zu testen. Erst nach sol­chen Tests bekamen sie auch die Stamm­spieler. Als Her­rera merkte, dass viele die Tabletten heim­lich wieder aus­spuckten, löste er die Amphet­amine im Kaffee auf, den er die Spieler vor den Par­tien trinken ließ. Her­reras Bei­name il mago“, der Magier, erscheint seither in einem etwas anderen Licht. Seit ich diese Prak­tiken öffent­lich gemacht habe, spre­chen Sandro und ich nicht mehr mit­ein­ander“, erzählte Maz­zola junior später, mein Bruder war der Ansicht, schmut­zige Wäsche müsse man in der Familie waschen.“ 
So ist Fer­ruccio nun das schwarze Schaf, wäh­rend Sandro immer noch vom schönen Schein der erfolg­rei­chen Jahre zehrt und ständig als Experte in die Fuß­ball­shows im Fern­sehen ein­ge­laden wird. Dass auch aus der Mann­schaft der Grande Inter“ sechs auf­fällig frühe Todes­fälle bekannt sind, scheint nie­manden zu inter­es­sieren. Nach einem Schlag­an­fall steht es inzwi­schen auch um den heute 65-jäh­rigen Fer­ruccio Maz­zola nicht beson­ders gut. Schlimmer noch hat es Carlo Petrini, 62, erwischt, der zu Gal­diolos Zeiten für ein Dut­zend ita­lie­ni­sche Pro­fi­teams spielte und heute nach zwei Tumoren fast blind ist. Aus seiner Zeit beim CFC Genua berich­tete er von einer Einweg-Doping­spritze für die gesamte Mann­schaft, von deren explo­siver Wir­kung und vom grünen Sabber, der ihm gegen Ende einer Partie aus dem Mund lief. Selbst nach den Spielen fühlten wir uns noch wie vom Dämon besessen und kamen ewig nicht zur Ruhe. Dann über­fiel uns plötz­lich eine fürch­ter­liche Müdig­keit, und unsere Zungen schwollen an. Wir konnten kaum den Mund schließen“, schrieb Petrini in seinem Buch Nel Fango del Dio Pal­lone“. Der Titel bedeutet so viel wie Im Schlamm des Fuß­ball­gotts“. Nur wenige wollen in diesem Morast wühlen, und so haben Maz­zola junior und Petrini in der Serie A heute den Status von Aus­sät­zigen. Damals war es das Wich­tigste, auf dem Platz zu stehen. Heute ist es das Wich­tigste, das unbe­fleckte Bild der alten Helden zu bewahren. 

Jetzt hat es uns doch erwischt“

Man kann das auch als zwei Spiel­arten des­selben Zwangs ver­stehen. Dabei fällt es schwer, die Opfer zu igno­rieren. Denn allein beim AC Flo­renz, wo Gian­carlo Gal­diolo von 1970 bis 1980 einen wegen seiner Härte gefürch­teten Mann­de­cker gab, traten etliche ähn­liche Fälle auf: Armando Segato, 1973 mit 43 Jahren an ALS gestorben. Fulvio Ber­nar­dini, 1984 mit 79 Jahren eben­falls an ALS gestorben. Der ehe­ma­lige Fio­ren­tina-Jugend­spieler Mario Sforzi erlag mit 48 Jahren einer bös­ar­tigen Erkran­kung des lympha­ti­schen Sys­tems, und Adriano Lom­bardi starb 2007 mit 62 an ALS. Dazu kommen jene, mit denen Gal­diolo sogar in einer Mann­schaft spielte: Stürmer Nello Sal­tutti erlag mit 56 Jahren einem Infarkt. Libero Ugo Fer­rante starb mit 59 an einem Man­del­tumor, Ver­tei­diger Giu­seppe Lon­goni mit 64 an einer Herz­krank­heit, Tor­wart Mas­simo Mat­to­lini 56-jährig an einem Nie­ren­leiden. Der jüngste war Bruno Bea­trice, Antreiber im Mit­tel­feld, uner­müd­lich wie ein Tier. Mit 39 Jahren starb er an Leuk­ämie. Auch einige Mit­spieler Gal­diolos, die noch leben, sind gezeichnet. Mit­tel­feld­spieler Dome­nico Caso über­lebte einen Leber­tumor, Welt­meister und Publi­kums­lieb­ling Gian­carlo Anto­gnoni erlitt 2004 bei einem Freund­schafts­spiel einen Infarkt, den die Ärzte als anormal“ ein­stuften, und Euro­pa­meister Gian­carlo De Sisti hatte einen selt­samen Gehirn­ab­szess. Ste­fano Bor­go­novo, der erst zwi­schen 1988 und 1992 in Flo­renz aktiv war, leidet an ALS. Weil nie­mand die Reihe von Toten und Kranken schlüssig erklären kann, ist im Volks­mund vom Fluch der Fio­ren­tina“ die Rede. 

Jetzt hat es uns doch erwischt“, dachte Ales­sandro Gal­diolo, als sein Vater im ver­gan­genen Sommer die schreck­liche Dia­gnose erhielt. Aber die Ärzte sagten, sein Vater wäre auch dann krank geworden, wenn er nicht Fuß­ball gespielt hätte. Das ist eine gewagte Behaup­tung, denn seit Jahren suchen Experten eine Erklä­rung für die Häu­fung rät­sel­hafter Todes­fälle und schwerer Erkran­kungen bei ehe­ma­ligen Fuß­ball­profis in Ita­lien. Einige erklären das als Zufall, weil die unter­schied­li­chen Krank­heits­bilder keine ein­heit­liche Ursache nahe­legen. 

Fünfzig ALS-Fälle, auf­fällig viele davon in Flo­renz

In Turin ermit­telt Staats­an­walt Raf­faele Gua­ri­ni­ello seit über zehn Jahren in dieser Frage. Er unter­suchte 24 000 Bio­gra­fien von Fuß­bal­lern, die zwi­schen 1960 und 1996 in den drei höchsten ita­lie­ni­schen Spiel­klassen aktiv waren, und fand heraus, dass im Ver­gleich zum Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt bei Fuß­bal­lern dop­pelt so oft Bauchspeichel‑, Darm- und Leber­krebs vorkam. Vor allem wun­dert ihn, dass es unter den 24 000 Spie­lern bis heute mehr als 50 ALS-Fälle gibt, auf­fällig viele davon in Flo­renz. Nor­ma­ler­weise kommt die Krank­heit bei einem von 100 000 Men­schen vor. Ita­lien war eines der ersten Länder, in dem es ein Regel­werk gegen Doping im Fuß­ball gab. Schon Anfang der sech­ziger Jahre wurde es ein­ge­führt und rich­tete sich vor allem gegen Auf­putsch­mittel. Genommen wurden die aber nicht nur von ita­lie­ni­schen Profis, im eng­li­schen Fuß­ball war schon in den fünf­ziger Jahren Ben­ze­drin weit ver­breitet und in Deutsch­land Per­vitin, beides aller­dings lange nicht ver­boten. Ob in der Serie A im Laufe der Jahr­zehnte eif­riger gedopt wurde als in anderen euro­päi­schen Ligen ist nicht zu beweisen, die Spät­folgen bei auch im inter­na­tio­nalen Ver­gleich über­durch­schnitt­lich vielen Spie­lern legen das nahe. Oder haben sie doch nur mit Kopf­ball­spiel, Pes­ti­ziden auf Sport­an­lagen, gene­ti­scher Ver­an­la­gung oder der Kom­bi­na­tion aus meh­reren Fak­toren zu tun?

Staats­an­walt Gua­ri­ni­ello prüfte alle diese Hypo­thesen, hat aber immer noch keine end­gül­tige Gewiss­heit über die Ursache für den Exzess töd­li­cher Krank­heiten. Auch die Neu­ro­wis­sen­schaft tappt noch im Dun­keln. Auf einem ALS-Kon­gress in Flo­renz war sogar davon die Rede war, der Ver­zehr von Flo­ren­tiner Steaks könne sich negativ auf die Gesund­heit der Fuß­baller aus­wirken. Ich ver­mute aller­dings, dass die Ursache vor allem im Fuß­ball ver­wen­dete Medi­ka­mente sind“, sagt Staats­an­walt Luigi Boc­cio­lini aus Flo­renz, Schnurr­bart im Gesicht und zwei Schach­teln Marl­boro auf dem Schreib­tisch. Sonst würde ALS nicht nur im Fuß­ball vor­kommen.“ Aus anderen Sport­arten, etwa dem Rad­sport, sind keine Fälle bekannt. Als er von Gal­diolos Krank­heit in der Zei­tung las, nahm Boc­cio­lini sofort neue Ermitt­lungen auf. Der Fall kam ihm bekannt vor. 

Die Ver­nich­tung von Fuß­ball­spie­lern“

Es hatte alles mit dieser Witwe begonnen, die eines Tages in seinem Zimmer stand. Gabri­ella Bea­trice zündet sich erst einmal eine Ziga­rette an. Es ist schon ziem­lich lange her, und sie hat diese Geschichte schon oft erzählt. Erst spricht sie des­halb rou­ti­niert, doch nach ein paar Minuten steigt wieder Zorn auf, 23 Jahre nach dem Tod ihres Mannes. Das ist eine Ver­nich­tung von Fuß­ball­spie­lern“, sagt die Witwe erregt. Sie erzählt, wie oft ihr Mann damals in den sieb­ziger Jahren aus dem Trai­nings­lager anrief. Gabri­ella kamen die Gespräche stun­den­lang vor, aber sie weiß, dass sie genau 90 Minuten dau­erten, so lange, bis die von den Mann­schafts­ärzten ange­legte Infu­sion in seine Venen geflossen war. Er ist mit Schaum vor dem Mund gestorben und war am Ende nicht mehr wie­der­zu­er­kennen, der Schatten des Mannes von einst. Nur die drei Ein­stiche an seinem linken Arm in Höhe des Ell­bo­gens sind nie ver­schwunden“, sagt sie. Wenn Bruno Bea­trice zu ihr und den beiden Kin­dern heim nach Arezzo kam, waren seine Taschen voller Medi­ka­mente, vor allem mit dem Herz­me­di­ka­ment Micoren“ und dem Stär­kungs­mittel Cortex“. Im Bade­zimmer hatten sie ein Schränk­chen, das vor Prä­pa­raten über­quoll, die er aus Flo­renz mit­brachte. Gabri­ella erin­nert sich, dass ihr Mann nach den Spielen fast immer zwei Nächte lang nicht schlafen konnte, weil seine Beine sich noch von selbst bewegten und sein Herz raste. 

Aber die beiden spra­chen nie dar­über, weil sie, wie alle, den Mann­schafts­ärzten blind ver­trauten. Sie waren jung, gedan­kenlos, Bruno hatte seinen Stamm­platz beim AC Flo­renz und ver­diente gut. Es gab keinen Grund, sich unnötig Sorgen zu machen und das Glück mit unbe­quemen Fragen zu ris­kieren. Sie nahm es zunächst auch als Schick­sals­schlag, als ihr 37-jäh­riger Mann an einem Som­mer­abend 1985 auf der Ter­rasse starke Glie­der­schmerzen bekam und ein paar Wochen später Leuk­ämie dia­gnos­ti­ziert wurde. Es sei eine ent­setz­liche Zeit gewesen, sagt Gabri­ella und man weiß nicht, ob sie Brunos zwei Jahre dau­ernde Agonie meint oder das, was anschlie­ßend kam. Erst Jahre später erstat­tete sie Anzeige, fand aber zunächst keinen Anwalt, der es mit der mäch­tigen Fuß­ball­welt auf­nehmen wollte. Bist du ver­rückt geworden“, war der Kom­mentar, den sie immer wieder hörte. Die Omertà, die Ver­schwie­gen­heit, das ist schlimmer als bei der Mafia!“, sagt sie. Staats­an­walt Boc­cio­lini lei­tete schließ­lich Ermitt­lungen mit dem Ver­dacht ein, der frühe Tod von Bruno Bea­trice sei auf die Ein­nahme leis­tungs­för­dernder Sub­stanzen zurück­zu­führen. Bei seinen Unter­su­chungen ent­deckte er nicht nur atem­be­rau­bende Doping­prak­tiken beim AC Flo­renz, son­dern fand heraus, dass eine Scham­bein­ver­let­zung Bea­trices gegen ärzt­li­chen Rat mit einer exzes­siven Strah­len­the­rapie behan­delt wurde, um den Spieler für das Pokal­fi­nale 1975 gegen den AC Mai­land wieder fit zu bekommen. Weil in diesem Fall erst­mals Ursache und Wir­kung ein­deutig nach­weisbar waren, kon­zen­trierte sich die Anklage auf den Vor­wurf, die Bestrah­lung habe zum Tod geführt. 

Die Ermitt­lungen wurden behin­dert

Die Ermitt­lungen wurden aber dadurch behin­dert, dass die medi­zi­ni­schen Unter­lagen des AC Flo­renz aus dieser Zeit alle­samt unauf­findbar waren. 2009 schließ­lich mussten die Nach­for­schungen ganz ein­ge­stellt werden, weil das Delikt wegen der Ein­füh­rung eines neuen Gesetzes ver­jährt war. Zum Pro­zess gegen den dama­ligen Fio­ren­tina-Trainer Carlo Maz­zone und zwei Ver­eins­ärzte wegen Kör­per­ver­let­zung mit Todes­folge kam es nie. Geblieben ist der Verein der Doping­opfer“, ein lai­en­haft auf­ge­zo­gener Club von Ein­zel­kämp­fern, den die Witwe 2006 mit ihren Kin­dern und dem Anwalt Odo­visio Lom­bardo grün­dete. Geblieben ist auch die Hoff­nung, dass der Zivil­pro­zess, der bald beginnen soll, end­lich so etwas wie Gerech­tig­keit bringt. Ich kann das dem Calcio ein­fach nicht ver­zeihen. Nie­mandem werde ich das je ver­geben“, sagt Gabri­ella Bea­trice. Ales­sandro Gal­diolo hin­gegen will nie­manden wegen der Krank­heit seines Vaters beschul­digen. Er findet auch nichts dabei, dass einige der ehe­ma­ligen Mann­schafts­kol­legen seines Vaters, nachdem sie von der Krank­heit erfuhren, die Wahr­heit igno­rierten. Dein Vater hat nichts genommen“, ver­si­cherte ihm etwa der berühmte Gian­carlo Anto­gnoni. Dabei hatte der Welt­meister bei seiner Ver­neh­mung im Fall Bea­trice gestanden, dass Micoren“ und Cortex“ in Flo­renz an der Tages­ord­nung waren. Der im Jahr 2003 ver­stor­bene Nello Sal­tutti hatte über­dies von einem Kaffee berichtet, der in der Fio­ren­tina-Kabine umging und dessen Wir­kung stark an das Getränk der Maz­zola-Brüder bei Inter Mai­land erin­nert. Dass die roten Micoren-Pillen auf einem Tel­ler­chen in der Kabine lagen, berich­tete auch Gian­carlo Gal­diolo den Cara­bi­nieri. Ich nahm sie vor allem im Winter unmit­telbar vor den Spielen, zwei Pillen auf einmal, auf Anwei­sung des Mas­seurs. Er sagte mir, damit könne ich besser atmen und sofort ins Spiel kommen. Der Verein stellte die Medi­ka­mente bereit.“ 

Das Letzte, was sie von ihm hörten, waren unver­ständ­liche Schreie

Auch Infu­sionen waren an der Tages­ord­nung, und Injek­tionen. Von 1974 bis 1979, so erzählte Gal­diolo weiter, habe er jeden Sonn­tag­morgen vor dem Spiel vom Mas­seur auf dem Hotel­zimmer eine Spritze mit Supra­cortes bekommen. In den sieb­ziger Jahren waren diese Mittel nicht ver­boten, heute stehen die in Micoren ent­hal­tenen, die Atmung sti­mu­lie­renden Wirk­stoffe Cro­t­etamid und Cro­pro­pamid auf der Doping­liste. Das gilt seit den neun­ziger Jahren auch für das Stär­kungs­mittel und Hor­mon­sti­mu­lans Supra­cortes“, auch als Cortex bekannt. Fach­leute halten schwere Gesund­heits­schäden bei lang­jäh­riger Ein­nahme der Medi­ka­mente für mög­lich. Und Anwalt Lom­bardo meint, dass es sich bei der Strah­len­the­rapie für Bruno Bea­trice um den skru­pel­losen Ver­such han­delte, einen wich­tigen Spieler ohne Rück­sicht auf Schäden wieder fit zu bekommen. Für ihn steckt dahinter die gleiche Logik wie beim Doping: Sport­liche Leis­tung und Erfolg sind wich­tiger als die Gesund­heit der Spieler. So liegt Gian­carlo Gal­diolo heute im Bett und kann sich kaum noch rühren. Die Krank­heit ist unheilbar, und Ales­sandro, die Mutter so wie seine beiden Geschwister pflegen den Vater zu Hause. Das Letzte, was sie von ihm hörten, waren unver­ständ­liche Schreie, aber das ist Monate her. Vor einigen Jahren, als Ales­sandro noch selbst im Ama­teur­fuß­ball spielte, haben Vater und Sohn über Doping gespro­chen, ohne das Wort aus­zu­spre­chen. Gian­carlo beschwor Ales­sandro, nie­mals etwas ein­zu­nehmen, um die eigene Leis­tung zu stei­gern. Das galt selbst für einen Ener­gie­riegel oder den Euka­lyptus-Balsam, den Ales­sandro sich vor den Par­tien gerne unter die Nase rieb. Er wollte nicht einmal, dass ich Kaffee trank“, sagt Ales­sandro. Kann es sein, dass Gian­carlo Gal­diolo seinen Sohn vor etwas bewahren wollte, wovor er selbst nie geschützt wurde? Ales­sandro schaut erstaunt. Diese Idee ist ihm nie gekommen.