Als Ber­nard Tapie ging, applau­dierte nie­mand. Poli­zisten zerrten den geschassten Prä­si­denten von Olym­pique Mar­seille aus seinem Büro, in dem er sich zuvor ver­bar­ri­ka­diert hatte, vorbei an den immer noch fra­genden Gesich­tern der Jour­na­listen und den ent­täuschten Erwar­tungen der Fans. Tapie nahm sie nicht mehr wahr, er schüt­telte keine Hände, er lächelte nicht. Er schrie. Ein ver­wirrter Mann. So laut seine Amts­zeit war, so kra­wall­artig war sein Abschied. Fast unwirk­lich.

Dabei mutet die Ära Tapie“ so glanz­voll an: Unter seiner Ägide fei­erte OM die größten Erfolge, das Team wurde fünfmal in Folge fran­zö­si­scher Meister und gewann 1993 die Cham­pions League. Doch dann fiel der mit Bril­lanten besetzte Turm des Ber­nard Tapie wie ein fra­giles Kar­ten­haus in sich zusammen. Tapie hatte vor dem Punkt­spiel gegen US Valen­ci­ennes Bestechungs­gelder gezahlt, OM musste in die Divi­sion 2, Tapie ins Gefängnis. Der Verein stand plötz­lich vor dem Ruin. Und auch der Cham­pions-League-Pokal glänzte als­bald nicht mehr so sauber wie zuvor: Jean-Jac­ques Eydelie gab in einem Gespräch mit der fran­zö­si­schen Sport­zei­tung L’Équipe“ zu, dass sämt­liche OM-Spieler – mit Aus­nahme von Rudi Völler – vor dem Finale gegen den AC Mai­land gedopt waren.

Die Fans haben Tapie nicht ver­ziehen, doch sie schimpfen nicht auf ihn, sein Name ist im Leben mit und für OM schlichtweg ver­gessen worden, er wurde hinter dubiosen Ver­schwö­rungs­theo­rien aus dem Gedächtnis der Kurve getilgt. Was bleibt, ist die Erin­ne­rung an das Tor von Basile Boli, das ein­zige an jenem End­spiel-Abend im Mün­chener Olym­pia­sta­dion im Mai 1993.

Es ist heute fast ein wenig ruhig geworden rund um den skan­dal­ge­beu­telten Verein. Man könnte meinen, die OM-Fans haben sich an die kleinen und großen Eska­paden gewöhnt. Sie gehören ein­fach zu OM, zu den Fach­ge­sprä­chen in der Che­va­lier Roze“, der Süd­kurve des Stade Vélo­drome, zu den Small­talks am Hafen, sie werden dis­ku­tiert in den Vor­stands­etagen der Banken und in den Cités HLM“, den tristen Vor­orten im Norden der Stadt.

Mit­unter ver­su­chen die Fans, das Bild neu zu zeichnen: Paris wollte uns was“, heißt es häufig in Ultrakreisen in Ana­logie zur Bericht­erstat­tung der regio­nalen Tages­zei­tung Le Pro­vençal“ über die Affäre Tapie“. Doch werden sol­cherlei Resü­mees nicht allein aus der all­ge­gen­wär­tigen Paris-Anti­pa­thie heraus kon­stru­iert, viel­mehr ist es die uner­schüt­ter­liche Liebe zum eigenen Verein, die solch ver­quere Kau­sa­lität ent­stehen lässt. Denn eines steht in Mar­seille stets an erster Stelle: Schütze OM! Und zwar so sehr wie OM dich schützt.

In Mar­seille würde nie jemand auf die Idee kommen, die hei­lige Kurz­form, das Sigel, auf­grund von Skan­dalen abzu­streifen. Das Akronym OM ver­spricht Leben, Gebor­gen­heit und Schutz. Am Bou­le­vard Michelet erzählt man sich gerne die Geschichte von jenem Neu­an­kömm­ling, dem in den Straßen von Mar­seille tag­täg­lich die Fens­ter­scheiben seines Autos ein­ge­worfen wurden, bis zu dem Moment, als er sich einen Auf­kleber mit den Worten J’aime OM“ an eine auf­fäl­lige Stelle seines Wagen klebte. Heute kann er sein Auto gar offen abstellen.

Ein poli­ti­sches State­ment: Bom­ber­ja­cken auf links gedreht

OM ist ein blau-weißes Band, das alle Mar­seiller eint, es ist ein magi­sches Sigel, ein Glau­bens­be­kenntnis“, sagt Dr. Martin Döring, Sprach­wis­sen­schaftler an der Uni­ver­sität Ham­burg. Döring unter­suchte vor einigen Jahren die Fan­struktur von OM und das Ver­hältnis von Politik und Fuß­ball in Mar­seille. OM sei schon immer ein ganz eigenes Phä­nomen in Frank­reich gewesen, nicht nur auf­grund ihrer Spieler, ihrer Erfolge, son­dern vor allem auch wegen ihrer Fans. In Mar­seille gibt es eine Ultra-Kultur, die in die frühen acht­ziger Jahre zurück­reicht und die als die stärkste und am besten orga­ni­sierte in ganz Frank­reich gilt. Gruppen wie die Yan­kees“ oder die South Win­ners“ genießen dabei eine Aus­nah­me­stel­lung, sie sind offi­ziell vom Verein aner­kannt, regu­lieren den Kar­ten­ver­kauf, und werden mit­unter gar in ver­eins­po­li­ti­schen Fragen ange­hört.

Auch in Punkto Tem­pe­ra­ment und Enthu­si­asmus sind die OM-Fans ein­zig­artig in Frank­reich. Man ori­en­tiert sich eher an den ita­lie­ni­schen Tifosi denn an Fans in Paris, Bor­deaux oder Tou­louse. Der Blick des OM-Fans richtet sich immer weg von Frank­reich, weg vom Zen­trum, weg von Paris“, sagt Döring. Frank­reich abge­wandt ziehen die Fans ihre Iden­ti­fi­ka­tion aus der Geschichte der Zuwan­de­rung, der nord­afri­ka­ni­schen Kultur und der Viel­zahl ver­schie­dener Eth­nien, die sich nicht nur auf dem Platz wie­der­finden, son­dern auch im Sta­dion. Im Stade Vélo­drome ver­sam­melt sich ein buntes Gemisch an Men­schen. Das 60.000 Zuschauer fas­sende Sta­dion spie­gelt wie eine leben­dige Land­karte die Geo­gra­phie von Mar­seille wider“, , so Döring in Anleh­nung an den Sozio­logen Chris­tian Brom­berge.

Sitzt auf der Tri­büne Jean Bouin“ die Pro­mi­nenz der Stadt, so stehen in den Kurven Ray Grassi“ und Che­va­lier Roze“ Schüler, Stu­denten, Arbeiter und Ange­stellte, aber auch zahl­reiche Maghre­biner, die Migranten mit nord­afri­ka­ni­schen Wur­zeln. Viele ver­stehen sich hier gar als anar­chis­tisch. Stolz sind sie in allen Ecken des Sta­dions, den rechten Pöbel ver­trieben zu haben. Die auf links gedrehte Bom­ber­jacke mit dem oran­ge­far­benen Innen­futter erin­nert noch an eins­tige Fehden und ist heute ein State­ment, eine anti­fa­schis­ti­sche Geste: sie ver­höhnt die rechten Bon­eheads der Kop of Bou­logne Fans von Paris St. Ger­main.

Das Azur­blau domi­niert aber nach wie vor die Kurven. Und mit­ten­drin finden sich immer wieder Pla­kate mit dem Spruch Droit au but“ – gera­deaus zum Tor. Es hängt in der Ray Grassi“ wie ein Sinn­bild. Im Stade Vélo­drome gibt es keinen Blick gen Zen­trum, und vor allem: keinen Blick zurück.