Der eng­li­sche Fuß­ball hat viele große Lieder her­vor­ge­bracht. Das unver­wüst­liche You’ll Never Walk Alone“, Blue Day“, die Hymne von Mad­ness-Sänger Suggs auf den FC Chelsea, den 96er-Ohr­wurm Football’s Coming Home“ und die nord­eng­li­sche Adap­tion des Jeff-Beck-Klas­si­kers Hi Ho Shef­field Wed­nesday“. Kaum ein Song fängt Seele und Herz des eng­li­schen Fuß­balls jedoch so ein wie die Hymne des Arbei­ter­klubs West Ham. I’m Forever Blo­wing Bub­bles“, ein alter Musi­cal­song, der so wun­derbar zu über­tragen ist auf die ewige Sehn­sucht jedes Fuß­ball­fans nach Tri­um­phen und Pokalen. Denn stets warten am Ende nur: Sei­fen­blasen, die zer­platzen.

Sicher, Ent­täu­schungen kennt jeder, der im Fuß­ball mehr sieht als nur eine Ver­gnü­gungs­fahrt am Wochen­ende. Aber in kaum einem euro­päi­schen Land wird der ewige Kreis­lauf von Hoffen und Bangen so hin­ge­bungs­voll zele­briert wie in Groß­bri­tan­nien. Auf der Insel gibt man sich mit so viel Pas­sion dem Spiel hin, dass es sich fast zwangs­läufig ergibt, dass der kon­ti­nen­tale Fan immer wieder nei­disch hin­über­blickt.
Die Fas­zi­na­tion, die der eng­li­sche Fuß­ball auf uns Fest­lan­d­eu­ro­päer ausübt, reicht weit zurück zu den Anfängen des Fuß­ball­sports. Lange bevor hier­zu­lande die Reck­turner den runden Ball für sich ent­deckten, füllte der Fuß­ball auf der Insel schon große Sta­dien, und es ver­fassten kun­dige Experten Regeln für etwas, für das man in Deutsch­land noch nicht einmal einen Namen hatte.

Humor lin­dert den Schmerz

Seither ist des Öfteren ver­sucht worden, Groß­bri­tan­nien das Eti­kett Mut­ter­land des Fuß­balls“ streitig zu machen. Da wäre die sagen­hafte Ver­geb­lich­keit, mit der sich bri­ti­sche Aus­wahl­mann­schaften das ganze 20. Jahr­hun­dert hin­durch um Titel bemühten. 1966 bestä­tigte als Aus­nahme die Regel. Da wäre die Gewalt, die eng­li­sche Anhänger bei ihren Reisen fast immer im Gepäck hatten. Und da wäre der Kahl­schlag, den Poli­tiker und Funk­tio­näre in den neun­ziger Jahren an der eng­li­schen Fan­kultur vor­nahmen und der dafür ver­ant­wort­lich ist, dass manch ein Sta­dion, das für seine flir­rende Atmo­sphäre berühmt war, inzwi­schen einer Ten­nis­halle ähnelt.

All das hätte andern­orts locker aus­ge­reicht, um dem Fuß­ball den Garaus zu machen. Die eng­li­sche Vari­ante jedoch ist, so scheint es, in ihrem Kern unzer­störbar. Was vor allem daran liegt, dass er seit jeher ein Stück bri­ti­scher Volks­kultur gewesen ist, die sich unemp­find­lich gegen­über den Zumu­tungen des modernen Fuß­balls gezeigt hat. Er speist sich beharr­lich aus seinen Mythen und Tra­di­tionen und begegnet den Scheichs und See­len­ver­käu­fern, die sich auf der Insel beson­ders gerne tum­meln, mit Humor und Selbst­ironie.

Die Kraft dafür schöpft er aus dem nie ver­sie­genden Strom der Anek­doten, Geschichten und Bege­ben­heiten, die dadurch ent­stehen, dass der Fuß­ball in Groß­bri­tan­nien so unfassbar ernst­ge­nommen wird. Das Bill-Shankly-Bonmot vom Fuß­ball, der mehr sei als nur eine Sache von Leben und Tod, war ja nur auf den dritten Blick lustig gemeint. Auf den ersten und zweiten Blick ent­sprach sie dem tief in der eng­li­schen Seele ver­wur­zelten Glauben, dass Fuß­ball nur mit Inbrunst und Lei­den­schaft zu betreiben sei. Wenn aber diese Lei­den­schaft auf die Rea­lität trifft, in der wirt­schaft­liche Kenn­zahlen oft­mals viel wich­tiger sind als die Gefühle der Anhänger, ent­steht neben manch anderen Dingen eben auch: Humor.

Der ließ Fans ihre Zeit­schriften When Skies Are Grey“ oder It’s Half Past Four and We’re 2 – 0 Down“ nennen. Der ließ hun­derte von Everton-Fans ihre Schuhe aus­ziehen und zum Beweis ihrer Unschuld nach oben recken, als Ord­nungs­hüter nach dem Werfer eines Schuhs suchten. Und der ließ die Fans des FC United of Man­chester singen, als Bobbys mit ihren tra­di­tio­nellen Poli­zei­hüten am Spiel­feld­rand para­dierten: What a waste of council tax, we paid for your hats“. Was für eine Ver­geu­dung von Steu­er­gel­dern, dass wir für eure komi­schen Hüte bezahlt haben.

Natür­lich, Humor lin­dert nur den Schmerz. Und selbst­ver­ständ­lich lässt sich der Nie­der­gang der eng­li­schen Fuß­ball­kultur an vie­lerlei Bei­spielen belegen. Muss nicht der FC Chelsea seit Jahren als Spiel­zeug eines rus­si­schen Mil­li­ar­därs her­halten? Ist nicht der FC Arsenal vom knar­zenden, alten, wun­der­schönen High­bury in einen see­len­losen Neubau umge­zogen? Und hat nicht bei Car­diff City der Investor aus Malaysia kur­zer­hand nicht nur die tra­di­tio­nell blauen Ver­eins­farben in das Rot der Firma umge­wan­delt, son­dern auch noch die Möwe im Klub­wappen durch einen malai­ischen Dra­chen ersetzt?

Doch die Fans in Groß­bri­tan­nien haben sich abge­wöhnt, all dies bloß mit Ach­sel­zu­cken zur Kenntnis zu nehmen. In Car­diff etwa dauern die Pro­teste gegen den über­grif­figen Investor an. Und in Man­chester über­zogen die Anhänger den gie­rigen Klub­be­sitzer Mal­colm Glazer mit der wir­kungs­mäch­tigen Kam­pagne Hate Glazer! Love United!“, andere sagten sich voller Ingrimm vom Kom­merz los und grün­deten mit eben jenem FC United of Man­chester das Gegen­mo­dell zum Hoch­glanz­klub.

Und da ist natür­lich und zual­ler­erst der AFC Wim­bledon. Ein Klub, den Fans gründen mussten, weil ihr ursprüng­li­cher Klub, der FC Wim­bledon, 2002 in die 100 Kilo­meter nörd­lich von Wim­bledon gele­gene Tra­ban­ten­stadt Milton Keynes umge­zogen war und später auch noch seinen Namen in Milton Keynes Dons änderte. Ein Sün­den­fall, der bis heute in der eng­li­schen Fan­szene nicht ver­ziehen worden ist. Nicht umsonst heißt es in der jähr­li­chen Sai­son­vor­schau des Fan­ma­ga­zins When Saturday Comes“, die Fans aller 92 Klubs der ersten vier Ligen zu Wort kommen lässt, nur bei den Anhän­gern der Milton Keynes Dons seit zehn Jahren sto­isch: No ques­tions asked“ – keine Fragen gestellt. Dass der AFC Wim­bledon heute in der viert­höchsten Liga und damit nur eine Spiel­klasse unter den Dons spielt, ist eine hüb­sche Pointe.

Fuck you very much“

All diese Pro­jekte ent­springen einer Fuß­ball­kultur, die lange Zeit das Vor­bild für hie­sige Fans gewesen ist. Nahezu alles, was seit den sech­ziger Jahren des 20. Jahr­hun­derts auf deut­schen Tri­bünen pas­siert ist, wurde zuvor dem bri­ti­schen Fuß­ball abge­schaut, im Guten wie im Bösen. Anfang der sech­ziger Jahre hatten die Fans in Liver­pool und anderswo damit begonnen, ihre Mann­schaft mit Gesängen, Fahnen und Schals anzu­feuern. Es brauchte einige Jahre, bis sich dieses neue Rol­len­ver­ständnis der Fuß­ball­an­hänger auch in deut­schen Sta­dien durch­setzte. Später, in den Acht­zi­gern, ran­da­lierten Hoo­li­gans zunächst in eng­li­schen Sta­dien und machten dann ganz Europa unsi­cher. Die deut­schen Gewalt­täter kopierten ihre eng­li­schen Vor­bilder bis in die Details des Dress­codes. 1986 erschien dann mit When Saturday Comes“ das erste eng­li­sche Fan­zine, das nicht allein Rau­fe­reien und geleerte Bier­dosen zählte. Es sollte drei Jahre dauern, bis mit dem Mill­erntor Roar“ das erste ver­gleich­bare Pro­jekt bei einem deut­schen Klub, dem FC St. Pauli, erschien. Und als Nick Hornby 1992 seinen Erklär­roman Fever Pitch“ ver­öf­fent­lichte, konnte er nicht ahnen, damit den Start­schuss für ein ganzes Genre gegeben zu haben. Bestand Anfang der Neun­ziger der deut­sche Bei­trag zur Fuß­ball­li­te­ratur aus den Bio­gra­fien alter Recken, ist heute, zwanzig Jahre später, der Markt nahezu unüber­schaubar – Hornby sei Dank.

Nimmt man einmal die Ultra­kultur bei­seite, die sich auf ita­lie­ni­sche und süd­ame­ri­ka­ni­sche Ursprünge beruft, so ori­en­tiert sich der deut­sche Fuß­ball heute noch immer am eng­li­schen Vor­bild. Wirt­schaft­lich, sport­lich, kul­tu­rell so prä­gend zu sein wie die Pre­mier League, ist und bleibt der feuchte Traum der Bun­des­liga. Viel wich­tiger für die blei­bende Fas­zi­na­tion des eng­li­schen Fuß­balls auf den Rest von Europa wird jedoch sein, dass sich immer wieder Men­schen finden wie die Eigen­tümer des just in die Pre­mier League auf­ge­stie­genen FC Swansea City aus Wales, die sich die Offerten finanz­kräf­tiger Inves­toren für den plötz­lich begehrten Klub anhörten und dann freund­lich ant­wor­teten: Fuck you very much“. So muss es sein.