Fredi Bobic war bockig. Sehr bockig. Gegen eine solche Mann­schaft ver­liert man die Lust am Fuß­ball“, rich­tete der dama­lige Stutt­garter der Medi­en­schar aus. Gemeint war For­tuna Düs­sel­dorf, das an diesem Sep­tem­bertag 1996 drei Punkte aus dem Daimler-Sta­dion ent­führte. Ein Team, das sich so vor­züg­lich im Mauern ver­stand, dass es sich bei­nahe als Ehren­mit­glied der Hand­werks­kammer eig­nete. Gespickt mit echten Gra­naten wie Ulf Mehl­horn, Darko Drazic und Richard Cyron.



Viel hatten die For­tunen nicht drauf, schönen Fuß­ball schon gar nicht. Aber Gegner ent­nerven, sie pie­sa­cken und ver­zwei­felt anrennen lassen – das konnten sie ziem­lich gut. Das wussten die Spieler, das wusste ihr Trainer Alek­sandar Ristic. Das wusste nun auch Fredi Bobic. Viel­leicht hatte die Tirade des VfB-Angrei­fers aber auch nur Neid zur Ursache. Neid auf den Helden des Tages, den Bun­des­li­ga­de­bü­tanten, der ihm, dem amtie­renden Tor­schüt­zen­könig, mit den beiden ein­zigen Tref­fern des Tages die Show stahl: Sergej Juran. 

Ein schmü­ckender Name im Team der Maus­grauen

Ein schmü­ckender Name im Team der maus­grauen Fuß­ball­ar­beiter vom Rhein. Aber auch eine rich­tige Diva, gefunden in der Ram­schab­tei­lung des Trans­fer­marktes. Also dort, wo Ristic die meisten von Jurans Düs­sel­dorfer Kol­legen auf­trieb. Aller­dings hatte man diese nicht Jahre zuvor zu den größten euro­päi­schen Talenten gezählt, sie wurden auch nicht von den Top­klubs des gesamten Kon­ti­nents gejagt. Juran hin­gegen schon. Als er Anfang der Neun­ziger in Diensten Dynamo Kiews von sich Reden macht. Schnell, trick­reich und tor­ge­fähr­lich prä­sen­tiert sich der Russe dort. Solche Spieler sind immer begehrt und so hat Juran freie Wahl beim Sprung ins Aus­land. Er ent­scheidet sich für Por­tugal, für Ben­fica Lis­sabon.

Keine schlechte Wahl, schließ­lich gilt Ben­fica 1991 noch als eine der ersten Adressen. Doch in Por­tugal schienen die Tore kleiner zu sein als in der Heimat, die Fett­näpf­chen aber umso größer. Und so tritt Juran mit voller Kraft ein ums andere Mal hinein, dass es nur so platscht. Er wei­gert sich, auf der Ersatz­bank zu sitzen, wirft seinem Ver­eins­trainer Tomislav Ivic Ras­sismus vor, als dieser ihn nicht ein­setzt und ver­sucht, den rus­si­schen Natio­nal­coach Pawel Sadyrin aus dem Amt zu mobben. Doch Sadyrin zeigt sich gnädig und nimmt Juran mit zur Welt­meis­ter­schaft in den USA. Nach einem viel zu tiefen Blick ins Glas wird Juran aus dem Kader geworfen und muss nach Hause fliegen. 

Der FC Porto holt ihn trotzdem und wird mit seinem Ver­such, Juran zu bän­digen, bitter ent­täuscht. Er ver­ur­sacht einen Ver­kehrs­un­fall mit Todes­folge und begeht Fah­rer­flucht. Einige Stunden danach findet die Polizei den unver­letzten Juran – zu spät für einen juris­tisch ver­wert­baren Alko­hol­test. Erst Jahre später kommt es zum Pro­zess, an dessen Ende Juran wegen fahr­läs­siger Tötung zu einem Jahr Haft ver­ur­teilt wird. Eine umfas­sende Amnestie anläss­lich des 25. Jah­res­tages der Nel­ken­re­vo­lu­tion macht das Urteil aller­dings obsolet und ver­schont Juran vom Straf­an­tritt. Dass der Stürmer zusammen mit seinem Lands­mann Wasili Kulkow zum ersten Aus­länder wird, dem es gelingt, mit ver­schie­denen Teams in zwei auf­ein­ander fol­genden Jahren por­tu­gie­si­scher Meister zu werden (1994 mit Ben­fica, 1995 mit Porto), inter­es­siert ange­sichts des von ihm ver­ur­sachten Unfalls nie­manden mehr. Porto will ihn nicht mehr, Juran zieht weiter nach Russ­land. Zu Spartak Moskau, und wenige Monate später zum eng­li­schen Zweit­li­gisten FC Mill­wall. 

Noch immer ist sein Name groß genug, um in London als Heils­bringer zu gelten und so pro­je­zieren die Fans all ihre Auf­stiegs­hoff­nungen auf den flinken Angreifer. 15 Spiele und ein Tör­chen später gilt der Name Sergej Juran beim FC Mill­wall nur noch als Inbe­griff des Trans­fer­flops und der Auf­stiegs­aspi­rant beendet die Saison am anderen Ende der Tabelle.

Sein Markt­wert gleicht dem einer alten Gurke

Juran hat nun end­gültig alle Ver­spre­chen, die sein Talent einst gab, gebro­chen. Sein Mark­wert ent­spricht dem einer drei Monate alten Gurke, so dass sich nie­mand mehr für ihn inter­es­siert. Außer Alek­sander Ristic, der den tief Gefal­lenen nach Düs­sel­dorf lotst. Obwohl Juran ledig­lich in drei Spielen trifft, ver­leiht er dem Spiel der For­tuna etwas Glanz – was ange­sichts der Mit­spieler aller­dings keine große Her­aus­for­de­rung ist. Rück­bli­ckend bezeichnet Juran das Jahr in Düs­sel­dorf als nicht wirk­lich beson­ders, trotzdem gelingt es ihm dort erst­mals seit langer Zeit, aus­schließ­lich sport­liche Schlag­zeilen zu schreiben. Er weckt das Inter­esse anderer Bun­des­li­gisten. Der VfL Bochum, gerade erst­mals auf dem Sprung in den Euro­pa­pokal, und der HSV werben intensiv um die Dienste des Russen. Er ent­scheidet sich für den Ruhr­pott und erlebt dort legen­däre Uefa-Cup-Nächte gegen Trab­zon­spor, Brügge und Ajax Ams­terdam. 

Doch Bochum bekommt auch den alten Juran, den noto­ri­schen Fett­näpf­chen­jäger. Mit zwei Pro­mille im Blut wird er am Steuer erwischt und muss des­wegen lange auf seinen Füh­rer­schein ver­zichten. Nachdem er, ohne seinen Verein zu infor­mieren, zur rus­si­schen Natio­nal­mann­schaft reist, zeigen sich die VfL-Ver­ant­wort­li­chen der Eska­paden ihrer Diva über­drüssig und sus­pen­dieren den Offen­siv­mann. Juran klagt sich per einst­wei­liger Ver­fü­gung zwar zurück ins Mann­schafts­trai­ning, das Ver­hältnis zwi­schen Verein und Spieler ist natür­lich trotzdem hin­über. Der VfL ver­kauft seine Skan­dal­nudel nach Moskau, wo es Juran noch einmal bei Spartak pro­bieren will. Ganz spurlos ver­schwindet Juran aber nicht von der Bild­fläche. In der schwä­bi­schen Pro­vinz, in Det­tingen an der Erms, ernennt ihn ein Rudel Hob­by­fuß­baller zum Kult­star und gründet die Mann­schaft Sergej Juran Swin­gers“. 

Der erneute Wechsel nach Moskau erweist sich wieder nicht als glück­liche Ent­schei­dung. Er spart an Toren und ver­letzt sich beim Duschen (!) am Fuß. Ein paar Wochen später hat Spartak genug und schmeißt Juran raus, der dar­aufhin erklärt, nie wieder für Spartak oder einen anderen rus­si­schen Klub spielen zu wollen. So bleibt nur noch das Alters­heim des euro­päi­schen Fuß­balls – Öster­reich. Sturm Graz, getrieben vom pro­fil­neu­ro­ti­schen Prä­si­denten Hannes Kartnig, gönnt sich mit Juran eine Prise Rock’n’Roll.

Er ver­letzt sich beim Duschen am Fuß

Vor allem in der Cham­pions League, in der Graz erstaun­lich erfolg­reich ist, kann Juran das in ihn gesetzte Ver­trauen recht­fer­tigen und beweisen, welch for­mi­da­bler Kicker er sein kann. Doch ein Stirn­bein­bruch – erlitten in einem Kopf­ball­duell – beendet seine Kar­riere abrupt im Alter von 31 Jahren. 

Mit der Ein­sicht, sein Talent ver­schleu­dert zu haben, sat­telt Juran um und wird Trainer. Mit geringer Halb­werts­zeit. Er hält es nir­gendwo lange aus und kein Verein lange mit ihm. Aus­ge­spro­chen kurze Enga­ge­ments, stets in den Grenzen des ver­bli­chenen sowje­ti­schen Rie­sen­reichs, prägen seine Zweit­kar­riere. Von Spartak Moskau geht es nach Stav­ropol, von dort über den let­ti­schen FC Ditton zum esti­schen FC TMVK und anschlie­ßend zu den rus­si­schen Erst­li­gisten Jaros­lawl und FC Chimki.

Gegen­wärtig trai­niert Juran Loko­mo­tive Astana, einen äußert ambi­tio­nierten Verein aus Kasach­stan. Mit viel Geld im Rücken soll Sergej Juran dort an ein schlag­kräf­tiges Team formen. Ein Team, das Zuschauern Lust auf Fuß­ball machen soll. Und viel­leicht ja auch Fredi Bobic.