Seite 3: „Helden sind die, die alles tun, was sie können“

Woher rührt diese Hal­tung?
Mein Vater war Lom­barde aus Nord­ita­lien, er besaß eine Schuh­fa­brik. Meine Mutter dagegen war aus der Romagna. Zwei total ver­schie­dene Cha­rak­tere. Meine Mama war sehr phan­ta­sie­voll, wäh­rend mein Vater ein Arbeits­tier war, das hat mich natür­lich sehr beein­flusst. Mein Vater wollte, dass ich ver­stehe, was Ver­dienst bedeutet. Er konnte Geld aus­geben, aber er ver­suchte, mir nicht alles auf einmal zu geben, nur wenn ich es ver­diente. Er hat selbst Fuß­ball gespielt, aber hat mir später nie rein­ge­redet. Bevor er mor­gens um sechs Uhr in die Fabrik ging, machte er eine halbe Stunde Gym­nastik. Ich habe von ihm das Planen, den Willen, Ein­satz und Pro­fes­sio­na­lität gelernt.

Glauben Sie an Glück?
Ich glaube nicht an Glück oder Unglück. Der römi­sche Phi­lo­soph Seneca sagte: Glück ist, was pas­siert, wenn Vor­be­rei­tung auf Gele­gen­heit trifft.“

Wie gewinnt man dann die Cham­pions League?
Guar­diola sagt, es braucht Geschichte. Das stimmt. Aber als ich zu Milan kam, hatte der Verein noch keine Geschichte, wir mussten sie schreiben. 1989 spielten wir das Lan­des­meis­ter­halb­fi­nale gegen Real Madrid. Bei den Vor­be­rei­tungen haben wir alles simu­liert, was pas­sieren könnte. Alber­tini ver­letzte sich dabei am Knö­chel und fiel aus. Ich habe die Mann­schaft ver­än­dert, Ance­lotti auf eine andere Posi­tion gestellt und ihm gesagt: Es ist mir egal, wie du spielst, aber spiel so, wie es die Mann­schaft braucht.“ Im Hin­ter­kopf den Satz von Ber­tolt Brecht: Ohne Dreh­buch gibt es aus dem Moment heraus ent­wi­ckelte Impro­vi­sa­tion.“ Das erste Tor schoss Ance­lotti, wir gewannen 5:0.

War auch das Stress? Oder haben solche Spiele Spaß gemacht?
Der Spaß kommt, wenn es dir gelingt, dich im Spiel aus­zu­drü­cken. Mein Spieler Deme­trio Alber­tini sagte mal: Was für eine Anstren­gung wäh­rend der Woche, aber was für ein Spaß am Sonntag!“ (Die Serie A spielt sonn­tags, die Red.)

Von 1991 bis 1996 trai­nierten Sie die ita­lie­ni­sche Natio­nal­mann­schaft. Bei der WM 1994 war Ihr Team im Ach­tel­fi­nale gegen Nigeria fast aus­ge­schieden, aber dann drehte es das Spiel – und kam bis ins Finale. Was war ver­ant­wort­lich: Ideen, Psy­cho­logie oder Geschichte?
Die Geschichte! Damit meine ich, die Kraft eines Landes, die in diesem Moment den Fuß­ball lebt. Wir haben in Unter­zahl Neun gegen Elf gespielt! Gian­franco Zola hatte die Rote Karte bekommen, und Roberto Mussi hatte eine Zer­rung im Bein.

Was ist mit Stolz?
Auch der Stolz! Ich hatte Spieler auf­ge­stellt, von denen ich wusste, dass sie Kämpfer sind. Mehr noch, sie waren Helden, denn Helden sind die, die alles tun, was sie können. Und das haben sie gemacht. Denn das Gleiche war uns schon gegen Nor­wegen pas­siert, dass Gian­luca Pagliuca (Tor­hüter, die Red.) nach 21 Minuten vom Platz flog und wir bei 40 Grad Hitze Zehn gegen Elf durch­ge­spielt und Nor­wegen 1:0 besiegt haben. Die Mann­schaft war fix und fertig, als das Finale kam. Aber da waren dieser Stolz und diese Geschichte, die uns antrieben. Leider ist Ita­lien ein Land, das sich nicht an diesen zweiten Platz erin­nert. (Ita­lien verlor das Finale gegen Bra­si­lien im Elf­me­ter­schießen, d. Red.)

Ließen Sie die Natio­nalelf anders spielen als den AC Mai­land?
Milan spielte besser als die Natio­nal­mann­schaft.

Wa­rum?
Weil ich in einer Saison 300 bis 400 Trai­nings ange­setzt habe. Mit der Squadra Azzurra haben wir höchs­tens 30 bis 40 Mal im Jahr trai­niert. Aus fußballeri­­scher Sicht pas­siert nie viel bei einer WM.

Sie waren Ihrer Zeit weit voraus. Waren Sie sich dessen bewusst?
Eine fuß­bal­le­ri­sche Revo­lu­tion wollte ich nie aus­lösen. Ich wollte die Dinge nur so machen, wie ich sie mir vor­stellte. Ganz ein­fach. Ich wollte meine Werte leben. Wie gesagt: das Ver­dienst, die Kultur, die Kunst, die Gefühle, das Spek­takel, das Mit­ein­be­ziehen, die Inno­va­tion. Dinge, die den Men­schen im Gedächtnis bleiben. Und meine Wenig­keit wollte diese Dinge umsetzen. Man sagte auch mal, dass ich unserer Geschichte wider­spre­chen würde. Ich habe einen kleinen Stein in den Rest der Welt geworfen, in Ita­lien wurde er zur Lawine.

Sie haben ein großes Erbe hin­ter­lassen.
Pep Guar­diola hat in vier oder fünf Jahren mit Bar­ce­lona 14 Wett­be­werbe gewonnen. Man könnte also sagen, er ist besser als ich. Aber er sagte zu mir: Ich wün­sche mir, dass man sich in zwanzig Jahren so an mich erin­nert, wie man sich an Sie erin­nert.“ Mark Hughes, der ehe­ma­lige wali­si­sche Natio­nal­trainer, hat mich gefragt: Wie haben Sie es geschafft, dieses Milan ent­stehen zu lassen – aus­ge­rechnet in Ita­lien, dem letzten Land, wo so etwas ent­stehen konnte? Wenn das Spiel­feld zwanzig Kilo­meter lang wäre, würden wir alle Spieler auf den hin­teren zwanzig Metern antreffen.“ Ich ant­wor­tete: Ich habe das in einem ehr­gei­zigen Verein mit einer wirt­schaft­li­chen Kraft geschafft, mit einer zukunfts­nahen Vision, mit einer Gruppe von Spie­lern, die Pro­fes­sio­na­lität und Per­sön­lich­keit besitzen – und mit Ideen.“

Über Ideen haben wir am Anfang gespro­chen. Zum Schluss: Wie sieht so eine zukunfts­nahe Vision im heu­tigen Fuß­ball aus?
Man muss ver­su­chen, mehr in der Zukunft als in der Ver­gan­gen­heit zu leben. Heute sind viele Ita­liener nicht zum Pres­sing fähig, weil wir das letzte Mal bei den Römern vor 2000 Jahren Angreifer waren. Seither haben wir mit Bau­ern­schläue über­lebt. Es gibt einen rich­tigen Wider­stand gegen Ver­än­de­rungen, das ist etwas sehr Nega­tives in einer so schnellen Welt. Wer so denkt, kann sich der Zukunft nicht annä­hern. Er wird Pes­si­mist, und wer Pes­si­mist ist, ist nicht mehr kreativ.