Dietmar Schott, der stell­ver­tre­tende Hör­funk-Chef des WDR, hatte es immer geahnt. Lass doch wenigs­tens das Wetter weg“, sagte er regel­mäßig zu seinem Chef Kurt Brumme, die kommen uns sonst noch auf die Schliche!“ Doch Brumme, ver­dienter För­derer von Werner Hansch, Heri­bert Fass­bender und Jochen Hage­leit, wollte nicht von seinem Sams­tags­ri­tual lassen.



Es war der 19. November 1984, ein Mon­tag­morgen, als in Köln die Bombe platzte. In der WDR-Pro­gramm­kon­fe­renz gab es nur ein Thema; Schott wurde umge­hend zum Pro­gramm­di­rektor zitiert. Ein Spiegel“-Artikel, über­schrieben mit der Zeile Sähr win­disch“, ent­hüllte das best­ge­hü­tete Geheimnis der deut­schen Medi­en­szene. Toby Charles, der Eng­land-Kor­re­spon­dent aus Sport und Musik“ saß über­haupt nicht auf der Insel. Die Tele­fo­nate mit ihm waren Orts­ge­spräche.

Live aus den BFBS-Stu­dios in Köln-Mari­en­burg

Toby Charles, der immer ein wenig klang wie ein Stim­men­double von Chris How­land, arbei­tete in Köln für die Deut­sche Welle und den Deutsch­land­funk. Jeden Samstag hörte er den eng­li­schen Sol­da­ten­sender BFBS ab, der aus­führ­lich über die 1st Divi­sion berich­tete. Oft­mals lauschte er par­allel auch der WDR-Sen­dung, weil er seit den stür­mi­schen Netzer-Jahren glü­hender Fan von Borussia Mön­chen­glad­bach war. Kurz vor sechs mel­dete er sich dann im Funk­haus am Wall­raf­platz bei Kurt Brumme und gab den bes­tens infor­mierten Sta­di­on­zeugen. Doch er saß gar nicht in London, Man­chester oder Liver­pool“, sagt Dietmar Schott, son­dern meis­tens in den BFBS-Stu­dios in Köln-Mari­en­burg.“ Der Inhalt der Dia­loge war vor­her­sehbar, anfangs kreiste das Gespräch stets um das eng­li­sche Wetter. Es ent­stand ein Schau­spiel, irgendwo zwi­schen Mil­lo­witsch-Theater und Dinner For One“:

Brumme: Wie ist es denn?
Charles: Win­disch…
Brumme: Ha, ha, ha!
Charles: Stür­misch, win­disch, aber ab und zu kam die Sonne durch, win­disch, sähr win­disch.
Brumme: Bei uns nur Regen, du.
Charles: Nä, wir hatten noch ein biss­chen Sonne.
Brumme: Bei uns nur Regen, furchtbar.

Heute wohnt Charles (71 Jahre) abwech­selnd in Kerpen, Flo­rida und Wales. In den frühen 80er Jahren war seine Stimme im Sen­de­ge­biet so bekannt, dass einmal ein ADAC-Pan­nen­helfer zu ihm sagte: Sie sind Toby Charles, ich höre Sie jeden Samstag.„ Der Waliser war 1961 nach Köln gekommen, arbei­tete anfangs als Sport­lehrer, machte sich später einen Namen als Sport­re­porter und Rugby-Trainer. Über Horst Hru­besch prägte er den Spruch: If he had two heads, he would be the grea­test player in the world.“

Charles selbst erfuhr zufällig von der Spiegel“-Enthüllung, als er sich in New York ein Studio mit Hajo Fried­richs teilte. Der ARD-Kor­re­spon­dent bekam immer eine kopierte Aus­gabe des Nach­rich­ten­ma­ga­zins zuge­schickt. Charles fühlte sich ob der Beach­tung durchaus geschmei­chelt, wun­derte sich aber, dass ihm die Ham­burger unter­stellten, die Sprech­mu­schel mit der Hand oder einem Taschen­tuch“ abzu­de­cken, wenn schlechtes Wetter in Eng­land war.

Was dem Gebüh­ren­zahler aller­hand Tele­fon­ge­bühren sparte, war damals ein veri­ta­bler Skandal. Schott musste sich am Samstag darauf bei den Hörern ent­schul­digen, immerhin durch­schnitt­lich über eine Mil­lion. Brumme war für diese Sen­dung sus­pen­diert. Die Frage Wie ist das Wetter, Toby?“ stellte er nie wieder. Pen­sionär Dietmar Schott, der gerade eine Bio­gra­phie über Willi Ente“ Lip­pens ver­öf­fent­licht hat, kann der Affäre erst heute etwas abge­winnen. Er sagt: Wann kommt man als Fuß­ball­mo­de­rator schon mal in den Spiegel?“