Es gibt diese eine Szene. Eine, von der kleine Kinder träumen und, ja, auch Erwach­sene. Das große Sta­dion, Flut­licht, volles Haus. Auf dem Feld: Die besten Fuß­ball­spieler Deutsch­lands. Den Ball abfangen, in der eigenen Hälfte. Und nach vorne sprinten, in den freien Raum, den Ball vor sich her­treiben. Haken schlagen, ein, zwei Gegner stehen lassen, schon dicht am anderen Straf­raum. Hier ist Heinze“, sagt Kom­men­tator Bela Rethy, ein 22 Jahre alter Außen­ver­tei­diger.“ Es ist der Satz, den wir alle mal hören wollten, über uns.

Die Menge in der Münchner Arena raunt, Timo Heinze könnte jetzt schießen, gleich­zeitig sieht er, wie Miroslav Klose seinen Weg kreuzt. Eine blitz­schnelle Ent­schei­dung. Heinze spielt den Ball gera­deaus in die Lücke. Doch Klose läuft nach rechts, ein ein­fa­ches Miss­ver­ständnis. Der Ball tru­delt ins Leere. Und dann dieses Foto, ent­standen nur ein paar Monate später. Die Ersatz­bank. Junge Men­schen mit tiefen Brauen. Aus­wech­sel­spieler sehen selten glück­lich aus. Timo Heinze, ganz rechts – leerer Blick, Zähne auf der Unter­lippe – sieht aus wie einer, der sich fragt: Was mache ich hier? Er sieht aus wie ein Ver­lo­rener.

Ein Buch als Selbst­the­rapie

Der Fuß­ball ist ein rasendes Busi­ness, das ist ein Kli­schee, aber über Timo Heinze ist es wahr­haft her­ein­ge­bro­chen. Er hat den Traum gelebt. Er war Jugend­na­tio­nal­spieler, Kapitän der Bayern-Reserve mit Anfang 20, auf dem Sprung nach oben. Viel­leicht nach ganz oben. Und dann spuckte ihn die große Maschine wieder aus. Sein Spurt bei Oliver Kahns Abschieds­spiel blieb der ein­zige Moment auf der ganz großen Bühne. Heinze hat es nicht geschafft. In einem Sport, der nur in Gewinner und Ver­lierer ein­teilt, hat er ver­loren.

Dar­über hat er ein Buch geschrieben, Nach­spiel­zeit: Eine unvoll­endete Fuß­ball­kar­riere“, erschienen Ende ver­gan­genen Jahres. Eine Selbst­the­rapie. Eine Abschieds­hilfe. Das Buch war ein Glücks­fall“, sagt Heinze. Wenn ich das nicht alles auf­ge­schrieben hätte, wäre ich sicher noch nicht so weit.“ Nicht so weit mit der Trau­er­ar­beit. Mit dem Entzug. Denn der Fuß­ball ist wie eine Droge für die, die sich ihm ver­schrieben haben. Nur wer sich ihm ganz und gar hin­gibt, wer alles andere ver­nach­läs­sigt, der kann es über­haupt zu etwas bringen. Davon wieder los­zu­kommen ist irr­sinnig schwer, manche schaffen es nie, man muss sich nur all die trau­rigen Exprofis anschauen, die Tag für Tag in den Sport­sen­dungen her­um­sitzen. Timo Heinze musste noch viel früher als die meisten los­lassen, was es nicht ein­fa­cher macht. Es tut inzwi­schen nicht mehr weh“, sagt Heinze, ich habe abge­schlossen.“

Ich war schon immer ein Kopf­mensch“

Fuß­ball ist ein ein­fa­ches Spiel, sagen die, die keine Ahnung haben. Es ist ja gerade die Ein­fach­heit, die den Sport so schwer beherrschbar macht. Der Mensch ist nicht ein­fach. Ich war schon immer ein Kopf­mensch“, sagt Heinze, und was eine nütz­liche Eigen­schaft sein kann, wenn es gut läuft, ver­kehrt sich in der Krise schnell ins Gegen­teil: Um ehr­lich zu sein, ich war immer ein Spieler, der das Ver­trauen brauchte, um dann gute Leis­tungen zu bringen“, schreibt Heinze. Wenn ich mich in meiner Situa­tion unwohl fühlte und die Aner­ken­nung des Trai­ners ver­misste, fiel meine Leis­tung rapide ab. Einem Thomas Müller zum Bei­spiel wäre das nie­mals pas­siert.“

Müller. Er hat das Vor­wort zu Heinzes Buch geschrieben, natür­lich kein Zufall. Er hat mit Heinze bei Bay­erns zweiter Mann­schaft gekickt, noch 2009 stehen sie zusammen auf dem Feld. Ein Jahr später beendet Heinze frus­triert seine Kar­riere, und Müller wird der jüngste WM-Tor­schüt­zen­könig über­haupt.

Heinze redet nur gut über Müller, sie sind Kum­pels von früher, er bewun­dert ihn für seine Art, die er schi­zo­phren“ nennt. Damit meint er: dass Müller, der intel­li­gente, beredte Kerl, auf dem Platz ein anderer wird, wie auf Knopf­druck. Die Last der Gedanken weg­wischt, die ver­ge­benen Chancen, die Erwar­tung der Zuschauer. Das ist Mül­lers größte Gabe. Er hat es geschafft, obwohl er viel zu dünn ist, eigent­lich, und viel zu höl­zern. Doch Müller ist ein Gewinner, er öffnet Türen nicht, er tritt sie ein.

Auch Heinze ist lange ein Gewinner im Sinne des Sys­tems, er spricht ein biss­chen so wie Müller, hat das gleiche breite Grinsen. Mit zwölf Jahren wird er von den Bayern-Scouts ent­deckt, er durch­läuft alle Jugend­teams, absol­viert zwei Dut­zend Län­der­spiele bis zur A‑Jugend. Dann, das Abitur gerade gepackt: der erste Knick. Leis­ten­bruch, es gibt Kom­pli­ka­tionen, eine Not-OP, ein Jahr Pause. Heinze kämpft sich zurück, spielt bald für die Bayern-Reserve und wird von Trainer Her­mann Ger­land schließ­lich sogar zum Kapitän gemacht. Es scheint nur noch ein ganz kleiner Schritt zu sein. Der Traum ist fast Wirk­lich­keit. Und dann geht alles binnen weniger Wochen dahin. Warum?

Viele Fragen aber keine Ant­worten

Es gibt keine Ant­worten, nur Fak­toren. Zum einen ist da die Erin­ne­rung an die Ver­let­zung, die erste Begeg­nung mit dem mög­li­chen Schei­tern. Zum anderen wird Heinze vom Coach auf die Bank gesetzt, plötz­lich, ohne große Begrün­dung. Das ist nicht gut, aber das pas­siert. Ger­land ist alte Schule, ein grim­miger Schweiger, aber ein abso­luter Fach­mann. Heinze sagt: Die Ent­schei­dung war hart, aber sie hat mich extrem aus der Bahn geworfen. Ich konnte das nicht mehr aus­blenden.“

Das Schei­tern ist jetzt immer prä­sent, der Kopf ist Timo Heinzes größter Feind. Warum er, warum schon wieder solch ein Rück­schlag? Wozu ist das gut, was hat das Schicksal mit ihm vor? Fragen über Fragen, die ihn lähmen. Selbst wenn er mal wieder spielen darf: Was geht im Kopf des Trai­ners jetzt vor? Wird er mich gleich aus­wech­seln? Sitze ich dann in nächster Zeit wieder nur auf der Bank? Und wie soll ich dann einen guten Verein finden?“ Unnütze Fragen, weil es keine Ant­worten gibt. Heinze hat den Glauben an sich selbst ver­loren.

Müller spielt Cham­pions-League-Finale, Heinze kickt Tou­risten

Es geht, fast zwangs­läufig, bergab. Die Bayern ver­län­gern seinen Ver­trag nicht. Heinze fällt nun doch noch durchs Sieb, wie so viele vor ihm. Am letzten Trai­ningstag läuft er mit einer Video­ka­mera noch einmal die Gänge an der Säbener Straße ab. Als müsse er sich selbst über­zeugen, dass dies alles Wirk­lich­keit war. Dass er, der Bayern-Fan, elf Jahre bei seinem Lieb­lings­klub hatte spielen dürfen.

Es folgt noch ein ent­täu­schendes Jahr beim Münchner Vor­ort­klub Unter­ha­ching, dann beendet Timo Heinze seine Kar­riere, mit 24. Als Thomas Müller sein erstes Cham­pions-League-Finale spielt, ist Heinze gerade auf Bali, seinen Ruck­sack hat er dabei. Eine Flucht vor den Gedanken, eine Flucht ins Selbst. End­lich eine Reise ohne Trai­nings­plan. Eines Tages spielt er wieder Fuß­ball, am Strand, mit Eng­län­dern, Hol­län­dern, Spa­niern. Back­pa­cker-Welt­aus­wahl. Sie spielen wieder wie früher, wie die Kinder, nur aus Spaß, nur für sich. Für Heinze ein wun­der­barer Moment. Er sagt: Das Spiel an sich ist wun­der­schön.“

Heinzes neues, zweites Leben: Sport­stu­dium in Köln, sechstes Semester. Viel­leicht wird er danach Sport­psy­cho­loge, sagt er, ich kann da sicher einiges wei­ter­geben“. Timo Heinze sagt: Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden.“ Viel­leicht hat er am Ende doch gewonnen.