Michael Rum­me­nigge, Samstag um 18:30 Uhr steigt das große Duell zwi­schen dem FC Bayern Mün­chen und Borussia Dort­mund. Was ist anders als in den letzten Jahren?
Der Punk­te­ab­stand ist anders. Die Bayern waren im letzten Jahr auch weit vorne, aber nicht so weit, wie sie es jetzt sind. Das sind immerhin schon elf Punkte oder: drei­ein­halb Spiele, die der FC Bayern ver­lieren müsste, um nicht Deut­scher Meister zu werden. Das kann ich mir in dieser Saison beim besten Willen nicht vor­stellen.

Die Borussia hat bei der Gene­ral­probe gegen For­tuna Düs­sel­dorf gepatzt. Wie wichtig war die Begeg­nung?
Das war ein Schlüs­sel­spiel. Die Köpfe der Dort­munder waren offen­sicht­lich schon beim Spiel in Mün­chen. Und sie haben sich gründ­lich damit ver­zockt, einige Spieler draußen zu lassen. Gün­dogan, Götze, Hum­mels – alle, die am Dienstag nicht gespielt haben, werden am Samstag wieder dabei sein. Ich sage: Dann kannst du auch vier Tage vorher spielen. Drei Punkte gegen For­tuna Düs­sel­dorf sind auch drei Punkte. Und so hat man unnötig zwei wei­tere ver­loren. Das Ent­schei­dende ist: Die Bayern gewinnen solche Spiele.

Ist es denn jetzt über­haupt noch das große Spit­zen­spiel, als das es auf allen Kanälen ange­kün­digt wird?
Ja, die beiden Klubs sind nach wie vor das Non­plus­ultra der Liga. Es trennt sie nur noch die wirt­schaft­liche Stärke, obwohl Dort­mund auch hier auf­ge­holt hat. Es gab immer Zyklen, in denen dem FCB ein ernst­hafter Kon­kur­rent erwachsen ist, von Ham­burg über Bremen bis Dort­mund in den 90er Jahren. Die Bayern waren immer unter den ersten fünf, sechs. Und das muss auch das Ziel von Borussia Dort­mund in den nächsten Jahren sein. Es ist extrem wichtig für den Verein, dau­er­haft in der Cham­pions League zu spielen, auch weil die Spie­ler­ge­hälter zuletzt enorm ange­stiegen sind.

Hat sich die Borussia in dieser Saison nicht auch ver­zockt, indem sie sich zu stark auf die Cham­pions League kon­zen­triert hat?
Die Mann­schaft ist die vier­fache Belas­tung erst seit zwei Jahren gewohnt, hat immer mehr Natio­nal­spieler, muss das erst einmal weg­ste­cken lernen. Im letzten Jahr sind sie in der Cham­pions League geschei­tert, konnten aber Erfah­rung sam­meln. In dieser Saison haben sie sich in dieser schwie­rigen Gruppe sen­sa­tio­nell durch­ge­setzt. In den beiden Spielen gegen Real Madrid konnte man sehen, zu wel­chen Leis­tungen diese Mann­schaft imstande ist. Das beste Spiel war aber das in Man­chester City. Nur das hätten sie auch gewinnen müssen.

Warum läuft es bei der Borussia noch nicht so, wie man es aus der letzten Saison gewohnt war?
Die Mann­schaft ist ein­fach noch sehr jung, eigent­lich bis auf zwei Spieler: Roman Wei­den­feller und Sebas­tian Kehl. Die anderen BVB-Profis sind fast alle unter 25. Die kör­per­liche und psy­chi­sche Belas­tung für die Spieler ist nicht zu unter­schätzen.

Wird vor einem sol­chen Spit­zen­spiel eigent­lich noch beim Gegner spio­niert?
Nein, heute weiß man auf diesem Niveau alles, ohne Bot­schafter aus­zu­senden: System, Stan­dard­si­tua­tionen und wer für wen spielen könnte, wenn jemand aus­fällt. Es gibt für die Spieler bei sol­chen Gip­fel­treffen keine Über­ra­schungen mehr. Wenn sie gegen unbe­kannte Mann­schaften wie Fürth oder Augs­burg spielen, müssen sie sich viel inten­siver vor­be­reiten.

Wie wird die Borussia in das Spiel gehen?
Bei Dort­mund läuft zumin­dest eine Sache immer sehr anschau­lich über die­selbe Achse. Hum­mels, Gün­dogan, Reus, Götze und Lewan­dowski ver­su­chen bei Bal­ler­obe­rung immer, inner­halb von 15 Sekunden zum Tor­schuss zu kommen. Das ist ekla­tant, wie in sol­chen Momenten Tempo auf­ge­nommen wird. Und dass man bei einem sol­chen Gegen­an­griff zum Schuss kommt, ist auch des­halb so wichtig, weil sich die Mann­schaft danach leichter neu for­mieren kann.

Was ist bei den Bayern beson­ders inter­es­sant?
Das Thema fal­scher Fuß“. Was Bayern mit Ribery und Robben macht, die ja eigent­lich auf der fal­schen Seite spielen, ist sehr gefähr­lich für den Gegner. Sie können jeder­zeit mit dem rich­tigen Fuß von außen in die Mitte gehen und Philipp Lahm und David Alaba rücken dann auf – und werden im System mit einem Stürmer zu Außen­stür­mern. Bei Dort­mund trai­niert Jürgen Klopp das auch gezielt, mit Łukasz Pisz­czek und Marcel Schmelzer.

Es werden fast aus­schließ­lich Natio­nal­spieler über den Platz laufen. Welche Spieler werden das Spiel prägen?
Ich bin gespannt auf das Duell von Lewan­dowski gegen Dante und Bad­stuber, wie Götze im Mit­tel­feld nach einem Spiel Pause zurück­kommt und wie Reus sich in diesem Spiel zeigen wird. Er hat in der Cham­pions League gegen Real und Ajax wirk­lich toll gespielt. Das spie­gelte seine Klasse wider. Jetzt muss er es auch noch gegen die Besten aus der Bun­des­liga zeigen.

Mit wem werden die Bayern im Sturm spielen? Mit Gomez, Pizarro oder Mandzukic?
Gomez hat am Mitt­woch in Frei­burg wieder von Anfang gespielt, aber das heißt nicht, dass er auch gegen Dort­mund auf­läuft. Ich glaube eher, dass man Mandzukic geschont hat, der in Mün­chen sen­sa­tio­nell ein­ge­schlagen hat. Wie Mandzukic gegen Hum­mels und Subotic zurecht­kommt, das ist sicher eines der Duelle, die das Spiel ent­scheiden werden.

War es eigent­lich richtig, Bas­tian Schwein­s­teiger in Frei­burg zu schonen?
Er selbst schien ja nicht so glück­lich, wie er da mit dem Kaf­fee­be­cher auf der Bank saß. Ich kann das ver­stehen: Als Spieler will man natür­lich immer spielen. Ich glaube aber, dass es tak­tisch sehr klug war, um seine kör­per­liche Fri­sche sicher zu stellen und ihn zu schützen, dass er nicht die fünfte Gelbe Karte bekommt. Schwein­s­teiger ist für das Spiel gegen Dort­mund immens wichtig im Mit­tel­feld.

Wer ist denn ansonsten für seinen Klub wich­tiger: Ribery für Bayern oder Götze für Dort­mund?
Ribery für Bayern, was man an den Ergeb­nissen ablesen kann. Wenn er ver­letzt war, haben die Bayern nicht so erfolg­reich gespielt. Sie waren nicht so kreativ, haben nicht so viele Chancen her­aus­ge­ar­beitet. In Dort­mund ist die Zustän­dig­keit, das Spiel zu gestalten, noch auf ein paar anderen Schul­tern ver­teilt. Gün­dogan hat sich super ent­wi­ckelt, Lewan­dowski kann ein Spiel alleine ent­scheiden. Der Krea­tiv­be­reich des BVB ist etwas breiter auf­ge­stellt, wäh­rend die Bayern von der Form Riberys abhängig sind.

Für die Fern­seh­an­stalten ist der deut­sche Cla­sico“ auch immer eine Stand­ort­be­stim­mung, eine Halb­jah­res­prü­fung. Wie finden Sie die aktu­elle Prä­sen­ta­tion von Live-Spielen im Fern­sehen?
Ich schaue die Bun­des­liga-Spiele meis­tens auf Sky“, ent­weder zu Hause oder in meiner Soc­cer­halle, und finde die Bericht­erstat­tung schon ganz gut: kom­pri­miert in der Kon­fe­renz und hin­terher in der Zusam­men­fas­sung. Wolff-Chris­toph Fuss halte ich dar­über hinaus für den besten Kom­men­tator der letzten Jahre. Er muss sich wirk­lich sehr akri­bisch vor­be­reiten. Er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, ist kein Zyniker und hat eine sonore Stimme.

Warum eigent­lich Fern­sehen – und nicht Sta­dion?
Das Schöne am Fern­sehen ist, dass man die Tore x‑fach in der Zeit­lupe sehen kann. Mich stört es gewaltig, dass die Tore im Sta­dion nicht auf der Lein­wand gezeigt werden. Bei strit­tigen Szenen ist das etwas anderes, aber die Tore müsste man doch auch im Sta­dion zeigen können.

Und: Warum am Ende doch lieber ins Sta­dion?
Ich bin oft im Sta­dion – in Dort­mund und Mün­chen. Es geht natür­lich nichts über das Live-Erlebnis, weil man die ganze Stim­mung anders auf­saugt. Ich gehe immer schon ganz früh auf meinen Platz, weil ich sehen will, wie sich die Spieler warm machen. Ich glaube tat­säch­lich, dass man an der jewei­ligen Kör­per­span­nung immer schon etwas ablesen kann.

Die Spiele werden inzwi­schen von aber­tau­senden Experten kom­men­tiert. Bei wel­chen Ex-Profis hören Sie auf­merksam zu?
Man kann über Stefan Effen­berg denken, was man will. Was er als Fern­seh­ex­perte sagt, hat immer Hand und Fuß. Und: Lothar Mat­thäus, der für Sky“ das Sams­tag­abend­spiel macht, hat – trotz aller pri­vater Kapriolen – wirk­lich Ahnung von Fuß­ball und erklärt das auch sehr gut. Zumin­dest, wenn man sein Frän­kisch ver­steht (lacht). Sonst kann man eigent­lich nur noch Markus Merk nennen.

Am Samstag wird Marcel Reif für Sky“ kom­men­tieren und Hansi Küpper für Liga Total“. Für wen würden Sie sich ent­scheiden, wenn Sie die Wahl hätten?
Hansi Küpper bringt das Spiel ganz gut rüber. Bei ihm merkt man aller­dings manchmal, dass er BVB-ori­en­tiert ist. Das wie­derum kann man Marcel Reif nicht vor­werfen. Er ist ja auch schon mal von der Süd­kurve aus dem Sta­dion geschimpft worden. Er ist, sagen wir es mal so, etwas mehr Bayern-ori­en­tiert. So als Urge­stein des Pay-TV höre ich ihn aber auch ganz gerne.

Wie sollte ein Spit­zen­spiel wie das am Samstag ein­ge­läutet werden?
Ich würde es mir wün­schen, dass Sky“ bei großen Spielen schon ein paar Stunden früher anfängt. Bayern gegen Dort­mund ist so wie Real gegen Bar­ce­lona oder Man­chester gegen Chelsea. Da will ich auch wissen, wie die ganze Woche ver­laufen ist, was auf dem Trai­nings­platz los war, und will sehen, wie die Spieler vor dem Sta­dion vor­fahren. Ja, aus der Vor­be­richt­erstat­tung könnte man noch mehr her­aus­holen. Es müssen nicht drei Stunden sein, aber andert­halb wären schon ganz gut.

Was erwarten Sie am Samstag für einen Spiel­ver­lauf?
Die Dort­munder werden wieder in Best­be­set­zung antreten und ihr Spiel­system durch­ziehen, ver­su­chen, von hinten blitz­schnell nach vorne zu spielen. Die Frage ist: Wie können die Bayern mit Mar­tinez gegen­halten? Seine unbe­strit­tene Klasse ist gerade gegen die Borussia gefragt. Genau für solche Spiele ist der 40-Mil­lionen-Mann gekauft worden.

Wenn Borussia Dort­mund gewinnen würde, …
…wäre das diesmal eine große Über­ra­schung. Bayern Mün­chen ist zu Hause immer Favorit, egal gegen wen sie spielen. Sie haben zwar die letzten beiden Heim­spiele gegen den BVB ver­loren, aber diesmal ist Bayern ange­sichts des Sai­son­ver­laufs ganz klar favo­ri­siert.

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Das Inter­view erscheint mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von BOLZEN – FUSS­BALL IN DER FREI­ZEIT. Ihr wisst noch nicht, wo ihr das Spiel gucken könnt? BOLZEN hat für euch die ulti­ma­tiven Knei­pen­tipps: