Herr Keser, bei der EM sind nur noch zwei Spieler im tür­ki­schen Kader in Deutsch­land geboren. Das waren ja schon mal mehr, zu Ihren Zeiten als Späher, oder?

Ja, das leidet ein biss­chen, seitdem ich das nicht mehr mache. Das ist schade, denn in den nächsten fünf bis zehn Jahren gibt es sehr viele gute Spieler in Europa mit tür­ki­schen Wur­zeln.



Wie haben Sie es über­haupt geschafft, Spieler wie die Alt­intop-Zwil­linge zu moti­vieren, für die Türkei zu spielen?

Natür­lich haben wir uns für die Spieler schon inter­es­siert, bevor sie in der Bun­des­liga den Durch­bruch geschafft haben. Und dann haben wir an die Fami­lien, an den Stolz der Eltern appel­liert. Denen war das schon wichtig, für wen ihre Söhne spielen. Aber letzt­lich ist es doch immer die Ent­schei­dung des Ein­zelnen. Wir haben da eben die rich­tigen Spieler ent­deckt, der Deut­sche Fuß­ball-Bund hat sich damals eben zu wenig darum geküm­mert. Dann waren die Talente eben weg. Aber das hat sich geän­dert. Und außerdem: Inzwi­schen hat doch auch fast jedes­Team seinen Bra­si­lianer. Wir haben einen, die Polen, die Deut­schen…

Die Natio­nal­teams ver­pflichten ihre Spieler nach dem Muster von Klub­mann­schaften…

Stimmt. Wenn das so wei­ter­geht, wird sich der Welt­ver­band wohl etwas ein­fallen lassen. Aber das inter­na­tio­nale Denken setzt sich durch.

Bei den in Deutsch­land gebo­renen Türken scheint das aber nicht der Fall zu sein. Die wollen nicht für Deutsch­land spielen, oder?

Oft noch nicht. Aber Kinder aus der dritten oder vierten Genera­tion könnten als Eltern anders denken als ihre Eltern heute. Außerdem ändert sich ja schon etwas. In der Schweiz sind inzwi­schen drei tür­kisch­stäm­mige Spieler die Leis­tungs­träger im Natio­nal­team, in der öster­rei­chi­schen Mann­schaft spielt mit Ümit Korkmaz ein ganz großes Talent. In Deutsch­land gab es ja auch schon einen tür­kisch­stäm­migen Natio­nal­spieler, den Mus­tafa Dogan.

Aber das ist neun Jahre her und Dogan hat nur zwei Län­der­spiele gemacht.

Stimmt, dann nehmen wir halt Mehmet Scholl als Bei­spiel (lacht).

Der ist ein Schei­dungs­kind. Scholl hat eine deut­sche Mutter und hat seinen leib­li­chen Vater erst vor wenigen Jahren ken­nen­ge­lernt.

Dann hat er eben tür­ki­sche Gene. Nein im Ernst: Ich glaube schon, dass es bald in Deutsch­land auch einen Spieler mit tür­ki­schen Wur­zeln geben kann. Der Erdal Kili­caslan war ja auf dem besten Wege dahin. Er war sogar Kapitän des deut­schen U21-Teams und wurde bei Bayern Mün­chen schon als großes Talent hoch­ge­lobt. Schade, dass er es nicht geschafft hat. Nun wird eben ein anderer zum Vor­bild.

Der Fall Kili­caslan zeigt aber auch, dass es nicht ein­fach ist, den Sprung von Nach­wuchs­teams bis nach oben zu schaffen. oder?

Das mag sein. Auf der anderen Seite spielt die Türkei nun auf viel höherem Niveau als noch vor einigen Jahren. Da bleiben viele viel­leicht doch in ihrem Geburts­land. Es ist ja jetzt schon schwerer in die tür­ki­sche Nach­wuchs­na­tio­nal­mann­schaften hin­ein­zu­kommen als in die Schweizer oder öster­rei­chi­schen Teams. Die Ent­wick­lung in der Türkei ist sehr positiv. Ich rechne mit einem offenen Spiel am Mitt­woch gegen Deutsch­land.