End­lich, im November 2012 ist er wieder in aller Munde. Nach den Traum­toren von Zlatan Ibra­hi­movic und Phil­ippe Mexès erlebt der schönste Kunst­schuss im Fuß­ball, der Fall­rück­zieher, seine längst über­fäl­lige Renais­sance. Fans, Spieler, Trainer, Ver­ant­wort­liche. Alle zeigen sich nach dem Come­back zufrieden. Und sparen nicht an Lobes­hymnen. So schwärmte Milan-Boss Adriano Gal­liano nach dem zwi­schen­zeit­li­chen 2:0 seines fran­zö­si­schen Abwehr­re­cken Mexès im Grup­pen­spiel der Cham­pions League gegen Ander­lecht: Das Tor war eines der besten, das ich jemals gesehen habe“. Und die Sport­jour­na­listen pro­du­zierten dank des Zau­ber­tref­fers von Ibra­hi­movic gegen Eng­land beden­kenlos wie nie zuvor Super­la­tiven am Fließ­band.

Super, ein­zig­artig, spek­ta­kulär. Es fehlen die Worte, um die Dar­bie­tung von Super-Ibra zu beschreiben“, titelte die Marca“ in Spa­nien. Die Ita­liener fragten sich: Ibra­cadabra. Was war denn das für ein Tor?“. Und die fran­zö­si­schen Kol­legen der L´équipe“ setzten noch einen drauf: Ibrahi­ma­gisch! Zlatan holt zehn von zehn mög­li­chen Punkten. Mit seinen Toren kata­pul­tiert er sich in die vierte Dimen­sion“.

In deut­schen Sta­dien kommen die Zuschauer leider nur selten in den Genuss, solche Flug­ein­lagen zu bewun­dern. Ein­hei­mi­sche Ball­künstler, die zum Fahr­rad­tritt, wie die Bra­si­lianer ihn nennen, ansetzen, sind eher Man­gel­ware. Zu kom­pli­ziert scheint der Fall­rück­zieher, oft­mals unef­fektiv und nicht den ein­hei­mi­schen, nach prag­ma­ti­schen Richt­li­nien funk­tio­nie­renden Tugenden ent­spre­chend. Viel­leicht ein amü­santes Schau­spiel einiger ver­spielter Süd­ame­ri­kaner, aber nicht das Instru­ment für ziel­stre­bige Wert­ar­beit. Daher stiegen in jüngster Ver­gan­gen­heit nur die Mutigsten in die Lüfte, um, was pro Dekade nur ein Mal zu pas­sieren scheint, dank des akro­ba­ti­schen Kunst­schusses als Held vom Rasen getragen und in den Ver­eins­chro­niken ver­ewigt zu werden. Die Gewinn­chancen glei­chen denen eines zwei­ma­ligen Lotto-Gewinns. Der mög­liche Miss­erfolg, ver­bunden mit einer Bruch­lan­dung, schreckt ab. Die Gefahr, als Grö­ßen­wahn­sin­niger von den eigenen Fans geschmäht oder von Geg­nern ver­höhnt zu werden, ein­fach zu hoch.

Klaus Fischer, dessen 1977 in einem Län­der­spiel gegen die Schweiz erzielter Treffer per Fall­rück­zieher zum Tor des Jahres, Jahr­zehnts und Jahr­hun­derts gekürt wurde, ein Experte für kom­pli­zierte Schuss­ma­növer, trotzte dieser Gefahr des Hohn­ge­läch­ters und ver­ewigte sich gleich mehr­fach. Er fand den­noch nur wenige Nach­ahmer.

In der Liste der Tore des Jahres befinden sich neben Fischer noch Stefan Kohn (1986) und Jürgen Klins­mann (1987) mit sehens­werten Fall­rück­zie­hern. Daneben domi­nieren eher ful­mi­nante Fern­schüsse und trick­reiche Soli. Wie kommt´s? Fehlt deut­schen Spie­lern das gewisse Maß an geschmei­diger Akro­batik? Wer erin­nert sich in diesem Zusam­men­hang nicht an den Lat­ten­treffer von Carsten Jancker im CL-Finale 1999, als der bul­lige Stürmer den Ball mit dem Rücken zum Tor ste­hend mehr an den Quer­balken hebelte, als ihn mit­tels eines gekonnten Sche­ren­schlags im Winkel zu ver­senken? Tut man effek­tiven und erfolg­rei­chen Stür­mern wie Klose und Gomez unrecht, ihnen trotz ihrer hohen Tref­fer­quote man­gelnde Show beim Abschluss vor­zu­werfen? Und vor allem: Was macht einen per­fekten Fall­rück­zieher über­haupt aus, ist es mög­lich, ihn zu erlernen? Fragen wir den Spe­zia­listen.

Ibra­hi­movic, sonst nicht gerade der schlich­teste Zeit­ge­nosse, gab sich nach seinem Jahr­hun­dert­treffer unge­wöhn­lich bescheiden. Der Star von Paris St. Ger­main erkannte rück­bli­ckend zwei Fak­toren: Als ich gesehen habe, dass der Keeper aus dem Tor raus war, habe ich ein­fach ver­sucht, den Ball irgendwie in die Rich­tung zu bringen und dann war er drin. Man braucht dazu beides: Glück und Können.“

Ob Ibra­hi­movic und Mexès wissen, dass sie ihren momen­tanen Ruhm nicht nur Glück und Können“ ver­danken, son­dern vor allem dem Pio­nier­geist eines Bra­si­lia­ners? Eher unwahr­schein­lich. Liegt die Pre­miere dieses fuß­bal­le­ri­schen Kunst­werks doch bereits über 80 Jahre zurück. Geschehen am 24. November 1932 in Rio de Janeiro, so heißt es. Denn die Fakten über den ersten Fall­rück­zieher auf Gottes grünem Rasen beruhen auf den Aus­sagen seines Erfin­ders. Eines gewissen Leô­nidas da Silva, der auf­grund seiner dunklen Haut­farbe sowie seiner extremen Beweg­lich­keit vor allem als Schwarzer Dia­mant“ oder Gum­mi­mann“ in die Geschichts­bü­cher ein­ging ist. Und als Tor­schüt­zen­könig und bester Spieler der WM 1938; wobei er beim 6:5‑Sieg über Polen zeit­weise sogar barfuß gespielt haben soll.

Leider hielt sich auch Leô­nidas in Bezug auf seine Wun­dertat Zeit seines Lebens sehr bedeckt. Denn wer glaubt, der ver­meint­liche Fall­rück­zieher-Erschaffer habe mehr Bestand­teile als For­tune und Talent für eine hilf­reiche Anlei­tung preis­ge­geben, wird ent­täuscht. Auf die Frage, wie es zu diesem Genie­streich kam, ant­wor­tete der 2004 ver­stor­bene Stürmer geheim­nis­voll: Keine Ahnung. Absprung, Schuss, der Fall­rück­zieher pas­sierte ein­fach. Es geschah alles in einer Bewe­gung, wie aus einem Guss.“