Samstag, 13. August 2011. Die TSG Hof­fen­heim emp­fängt im ersten Heim­spiel der neuen Saison den Deut­schen Meister Borussia Dort­mund im Rhein-Neckar-Sta­dion. Nach neun Minuten schießt Hof­fen­heims Sejad Sali­hovic das 1:0. Die Reak­tionen einiger Dort­munder Zuschauer sind deut­lich zu hören: Alt­be­kannte Schmäh­ge­sänge auf TSG-Mäzen Dietmar Hopp. Plötz­lich stört ein schrilles Geräusch, dass erst dann nach­lässt, als auch die Belei­di­gungen ver­stummen. Noch mehr­fach klin­gelt es in den Ohren der Aus­wärts­fans- Stör­ge­räu­sche gegen Schmäh­ge­sänge? Das hat es auch im deut­schen Fuß­ball in dieser Form noch nicht gegeben.

Am Tag nach dem Spiel tau­chen Videos und Fotos auf, die nicht nur das schrille Piepen doku­men­tieren, son­dern auch einen offenbar selbst gebauten Apparat mit zwei Laut­spre­chern zeigen, der, ver­deckt von einer Wer­be­plane, in einem kleinen Zugang unter­halb des Aus­wärts­blocks pos­tiert ist. Ein Vor­wurf wird laut: Hof­fen­heim und vor allem Dietmar Hopp ver­su­chen die Anfein­dungen aus der geg­ne­ri­schen Kurve akus­tisch zu über­tönen. Und zwar sys­te­ma­tisch. Die Medien stürzen sich auf das Thema, Hof­fen­heim beschneide die Mei­nungs­frei­heit im Sta­dion. So laut und uner­träg­lich sei das Geräusch gewesen, dass gleich meh­rere Per­sonen anschlie­ßend über Ohren­schmerzen klagen. Thilo Dani­els­meyer, Mit­ar­beiter im Fan­pro­jekt Dort­mund e.V.“ sagt in einem Video-Inter­view mit bild​.de“: Einer hat defi­nitiv einen Hör­sturz erlitten.“

Die Staats­an­walt­schaft hat das Ver­fahren ein­ge­stellt“

Den Klub aus Sins­heim errei­chen erste Beschwer­de­schreiben, in denen offenbar hör­ge­schä­digte Dort­mund-Fans Schmer­zens­gelder ein­for­dern. Über seinen Anwalt Johannes Knorz lehnt der Verein jeg­liche Ansprüche ab. Drei Fans schalten ihre Anwälte ein, jetzt muss sich die Staats­an­walt­schaft Hei­del­berg mit dem Vor­fall befassen. Doch schon bald ver­sackt der Stör­fall von Hof­fen­heim im Treib­sand der täg­li­chen Mel­dungen. Der Fall Pieeep“ inter­es­siert bald nie­manden mehr.

Bis ges­tern. Da ver­schickte die Staats­an­walt­schaft Hei­del­berg eine kurze Pres­se­mit­tei­lung. Inhalt: Die Staats­an­walt­schaft Hei­del­berg hat das Ermitt­lungs­ver­fahren […] wegen erwie­sener Unschuld ein­ge­stellt. Ein von der Staats­an­walt­schaft ein­ge­holtes Sach­ver­stän­di­gen­gut­achten hat ergeben, dass die von ver­schie­denen Zuschauern berich­teten gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gungen nicht auf dem Ein­satz der Anlage beruhen können.“ Damit ist der Fall eigent­lich abge­schlossen. Wenn es nicht noch so viele offene Fragen geben würde. 11FREUNDE ver­sucht, Ant­worten zu geben.

Wer ist für die Akustik-Attacke“ über­haupt ver­ant­wort­lich?

Der Haus­meister der Rhein-Neckar-Arena. Laut Hof­fen­heim hat der Mann, ohne das Wissen der Ver­eins­füh­rung, die selbst­ge­baute Kon­struk­tion (siehe Foto) eigen­händig ins Sta­di­on­in­nere geschafft und unter­halb der Dort­munder Kurve auf­ge­baut. Der Haus­meister, so TSG-Geschäfts­führer Frank Briel in der Rhein-Neckar-Zei­tung“ (RNZ), habe in einer Art Not­wehr“ gehan­delt, um gegen die Schmäh­ge­sänge vor­zu­gehen. Es war ein Alt­herren-Streich“, wird Hof­fen­heims Anwalt Johannes Knorz zitiert.

Welche Kon­se­quenzen muss der Haus­meister jetzt fürchten?

Zunächst keine. Man sei noch nicht dazu gekommen, über mög­li­cher­weise arbeits­recht­liche Kon­se­quenzen des Haus­meister zu spre­chen. Das etwas pas­sieren wird, ist offenbar klar. Da hat jemand Mist gebaut, also wird er dafür auch gerade stehen müssen“, heißt es aus dem Hof­fen­heimer Umfeld.

Gab es tat­säch­lich Klagen von Dort­munder Fans?

Nein, Klagen im eigent­li­chen Sinne gab es nicht. Dafür ins­ge­samt min­des­tens 13 Beschwer­de­schreiben an die TSG Hof­fen­heim, teil­weise mit Schmer­zens­geld­for­de­rungen. Ein Fall ist der eines BVB-Fans, der laut seines Anwaltes bereits seit März 2011 unter einem Tinitus leide, sich jedoch bis zum Spiel in Hof­fen­heim an die Hin­ter­grund­ge­räu­sche gewöhnt“ habe. Auf­grund neuer Beschwerden habe er am Montag nach dem Spiel seine HNO-Ärztin auf­ge­sucht, diese habe bei ihm ein Knall­trauma attes­tiert. Über seinen Anwalt ver­schickte der Mann eine Scha­dens­er­satz­for­de­rung: 4.000 Euro plus Arzt- und Anwalts­kosten. Aus straf­recht­li­cher Sicht ist diese For­de­rung nun hin­fällig.

Also hat die Akustik-Attacke“ keine Hör­schäden ver­ur­sacht?

Nein“, sagt Hof­fen­heims Anwalt Knorz und bezieht Stel­lung zu dem Fall des Fans aus Pforz­heim. Der Mann geht nach eigenen Angaben regel­mäßig zu sämt­li­chen Dort­munder Spielen. Dort ist es sicher­lich häufig lauter als 100 Dezibel, also deut­lich lauter als besagtes Gerät. Ein mög­li­cher Hör­schaden kann nicht durch das Gerät aus­ge­löst worden sein.“ Chris­tian Sørensen, Anwalt des BVB-Fans, ver­weist im Gegenzug auf das kurz nach dem Spiel erstellte ärzt­liche Attest: Die Schäden kann er nur beim Aus­wärts­spiel in Hof­fen­heim erlitten haben.“

Was genau sagt das Gut­achten?

Erstellt wurde es von Dr.-Ing. Jürgen Maue. Refe­rats­leiter Lärm“ vom Institut für Arbeits­schutz der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung (IFA). Gemeinsam mit dem beschul­digten Hof­fen­heimer Haus­meister, hat Maue die Szene im Sins­heimer Rhein-Neckar-Sta­dion nach­ge­stellt. Ergebnis: Auf Grund­lage der gewon­nenen Ergeb­nisse kann die ein­ge­setzte Beschal­lungs­an­lage keine gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gungen ver­ur­sacht haben. Dafür war das jeweils nur kurz­zeitig erzeugte Schall­si­gnal mit Schall­druck­pe­geln im Bereich von 90 Dezibel zu schwach.“ 90 Dezibel“, so wird Maue in der RNZ“ zitiert, werden schon durch einen Hand­bohrer im Leer­lauf erzeugt.“ Jens Volke, Fan­be­auf­tragter vom BVB, sagt: Ich stand bei dem Spiel ganz oben unter dem Tri­bü­nen­dach, den Ton habe ich deut­lich gehört. Einen Hand­bohrer im Leer­lauf hätte ich sicher­lich nicht wahr­ge­nommen.“

Hat das schrille Geräusch aus dem selbst gebauten Apparat des Haus­meis­ters also gar keine Hör­schä­di­gungen ver­ur­sa­chen können?

Offenbar nicht. Der Experte Jürgen Maue sagt: Schon nach kurzer Zeit habe ich den Gehör­schutz abge­nommen – ich brauchte ihn ein­fach nicht mehr.“ Und weiter: Fuß­ball­fans, die nach dem Spiel Hof­fen­heim gegen Dort­mund Hör­min­de­rungen fest­ge­stellt haben, werden diese nicht durch die unter­suchte Beschal­lungs­an­lage bekommen haben.“

Also ist der Fall damit vom Tisch?

Hof­fen­heims Anwalt Knorz sagt: Aus straf­recht­li­cher und zivil­recht­li­cher Sicht ist dieser Fall für uns abge­schlossen.“ Der Pforz­heimer Opfer-Anwalt Sørensen wider­spricht und äußert Zweifel am Gut­achten: Da mir das Gut­achten noch nicht vor­liegt, kann ich auch nicht beur­teilen, ob das Gut­achten nach den erfor­der­li­chen Stan­dards und in gebüh­render Distanz zu dem ein oder anderen Mäzen ent­standen ist. Wenn ich Zweifel an dem Gut­achten habe, wird mein Man­dant auf zivil­recht­li­cher Ebene klagen und ein zweites Gut­achten ein­for­dern.“

Warum hat das DFB-Sport­ge­richt noch kein Urteil über den Vor­fall vom 2. Spieltag gefällt?

Weil der Fall noch nicht beim DFB-Sport­ge­richt ange­langt ist. Dar­über ent­scheidet der DFB-Kon­troll­aus­schuss, ein eigen­stän­diges Gre­mium von Juristen, das eben­falls im Fall Hof­fen­heim ermit­telt. Diese Ermitt­lungen, so der DFB, seien aller­dings noch nicht abge­schlossen.

Wird der DFB die TSG Hof­fen­heim für die Akustik-Attacke“ bestrafen?

Schwer zu sagen. Eigent­lich steht der DFB-Kon­troll­aus­schuss in der Pflicht, diesen Vor­fall in irgend­einer Form abzu­strafen. Was ich mir wün­schen würde“, so Dort­munds Volke, ist, dass der DFB ein Zei­chen setzt und die TSG für diesen Fehler bestraft.“ Auch die Dort­munder und andere Klubs, so Volke, müssten ja für das Fehl­ver­halten ihrer Fans gerade stehen.

Und was macht jetzt die TSG Hof­fen­heim?

Der durch den Vor­fall ent­stan­dene Image­schaden dürfte auch nach diesen Ermitt­lungs­er­geb­nissen nicht wieder gut zu machen sein. Schon gar nicht durch Zitate, wie die von Dietmar Hopp: Ich hoffe, dass es eine Lehre für die­je­nigen ist, die uns vor­schnell ver­ur­teilt haben.“ Hof­fen­heims Pres­se­stelle reagiert wesent­lich behut­samer. Bei der TSG wolle man unab­hängig von einem DFB-Urteil in den kom­menden Wochen noch­mals auf den Vor­fall reagieren, heißt es. In wel­cher Form auch immer. Aber: Wir haben uns bereits mehr­fach ent­schul­digt. Auch bei Borussia Dort­mund.“ Immerhin: Der Vor­fall ist für uns wei­terhin sehr unan­ge­nehm.“

Was bedeutet das für den Fuß­ball?

Laut Staats­an­walt­schaft ist die TSG Hof­fen­heim, und damit der Haus­meister samt Laut­spre­cher, unschuldig. Der DFB lässt mit seiner Beur­tei­lung, mehr als vier Monate nach dem Vor­fall, auf sich warten. Bleibt auch die Bestra­fung durch das Sport­ge­richt aus, würde das im Umkehr­schluss bedeuten, dass in Zukunft jeder deut­sche Verein uner­wünschte Gesänge von der Tri­büne selbst­ständig über­tönen darf – so denn das dafür ver­wen­dete Geräusch nicht die zuläs­sigen 90 Dezibel über­schreitet.