Seite 2: Das schnelle Geld

Dann kam der 22. Oktober 1990, ein Tag, der ganz Eng­land in Wal­lung ver­setzte. Die eng­li­sche Bou­le­vard­zei­tung Sun“ ver­öf­fent­lichte eine Geschichte über Justin Fas­hanu. Auf der Titel­seite prangte sein Foto, daneben in fetten Buch­staben die Schlag­zeile: Eine Mil­lion teurer Fuß­ball­star: Ich bin schwul!‘“ Er habe schon länger mit dem Gedanken eines Coming-outs gespielt, sagte er später. Im Oktober 1990 fasste er den Ent­schluss, weil sich ein Freund umge­bracht hatte, nachdem er auf­grund seiner Homo­se­xua­lität von der eigenen Familie aus­ge­schlossen worden war. Ich dachte, wenn ich mich in der schlimmsten Zei­tung oute und dann stark bleibe, gäbe es nichts mehr, was noch zu sagen wäre“, sagte er. Die Zei­tung zahlte aller­dings auch gutes Geld für die Geschichte, Fas­hanu erhielt 80.000 Pfund.

Mein schwuler Bruder ist ein Aus­ge­sto­ßener!“
 
Sein Bruder John hatte ihn zuvor ange­fleht, seine Homo­se­xua­lität nicht öffent­lich zu machen. Er bot ihm eben­falls 80.000 Pfund dafür, wenn er die Geschichte bei der Sun“ zurück­ziehen würde. Nach der Story äußerte er sich auch öffent­lich. In einem Inter­view mit The Voice“, einer Wochen­zei­tung der afri­ka­nisch-kari­bi­schen Com­mu­nity Eng­lands, sagte er: Mein schwuler Bruder ist ein Aus­ge­sto­ßener!“
 
Fas­hanu irrte, wenn er glaubte, dass nichts mehr zu sagen wäre. Es folgte eine schier end­lose Serie in der Sun“. Der Spieler berich­tete in langen O‑Tönen von Sex mit Pop­stars, Schau­spie­lern, Mit­spie­lern oder Abge­ord­neten des bri­ti­schen Par­la­ments. Dafür ließ er sich sogar vor dem House of Com­mons ablichten. Er sagte Sätze wie 25 Pro­zent meiner Fuß­ball-Kol­legen sind schwul“ oder Im Fuß­ball ist einer AIDS-Infek­tion Tür und Tor geöffnet“. Er äußerte sich im Radio, in TV-Talk­shows, er posierte für Frauen- und für Schwu­len­ma­ga­zine, überall.
 
Er ver­diente gut, denn für jede neue Story gab es Geld. Doch das Schloss ist auf Sand gebaut“, sagte sein Bruder. Er meinte damit einer­seits die finan­zi­elle Unsi­cher­heit, denn Justin dachte nicht daran, sein Geld anzu­legen. Er meinte damit auch die Selbst­wahr­neh­mung.

Ich habe gelogen, um an leichtes Geld zu kommen“
 
Justin Fas­hanu genoss es – wie damals nach seinem Tor – im Ram­pen­licht zu stehen. Er genoss es, denn er ver­mu­tete, dass ihn die Leute als Pio­nier und Kämpfer sahen, als jemand der die ver­krus­teten Denk­muster der eng­li­schen Gesell­schaft auf­brach. Tat­säch­lich war dafür kaum jemand bereit. Vielen miss­fiel sein Drang nach Öffent­lich­keit. Sogar die afro­bri­ti­sche Com­mu­nity kri­ti­sierte ihn für sein Auf­treten, und Mit­spieler spra­chen offen davon, dass Homo­se­xua­lität nicht zum Team­sport passe.

Freunde, Bekannte und sein Bruder wandten sich spä­tes­tens zu dem Zeit­punkt ab, als sich ver­schie­dene Geschichten als Lüge ent­puppten. 1994 musste Justin Fas­hanu etwa öffent­lich zugeben, dass er den Abge­ord­neten Ste­phen Mil­ligan, mit dem er angeb­lich ein Ver­hältnis gehabt habe, gar nicht kannte. Ich habe gelogen, um an leichtes Geld zu kommen“, sagte Fas­hanu. Danach ließ das Inter­esse an seiner Person nach.
 
Fas­hanu wech­selte wieder Wohn­sitze und Ver­eine, er spielte in Neu­see­land, Schweden und Schott­land. Nir­gendwo blieb er länger. Die Hearts of Mid­lothian ent­ließen ihn, weil Fas­hanu dem Ver­halten eines pro­fes­sio­nelles Fuß­bal­lers nicht würdig“ gewesen sei. So ver­mel­deten es jeden­falls die Nach­rich­ten­agen­turen. Der Verein infor­mierte hin­gegen, dass der Spieler gefeuert wurde, weil er zwei Tage nicht zum Trai­ning erschienen sei.