Am Tag, als Justin Fas­hanu sterben wollte, spa­zierte er ein letztes Mal durch das Lon­doner East End. Viel­leicht blickte er auf die Hin­terhof-Werk­stätten, den still­ge­legten Bahn­damm, in kaputte Fenster, in kaputte Leben. Sicher ist, dass er im Stadt­teil Shoreditch von der Great Eas­tern in die Fair­child Street einbog, dann ein paar Meter ging und die Tür zur Nummer 1 öff­nete. Hier befand sich damals die Gay-Sauna Cha­riots“. Zeugen berich­teten später, er sei gut gelaunt gewesen. Das war am 2. Mai 1998.

Justin Fas­hanu, 37, Ex-Fuß­ball­profi, Sohn nige­ria­ni­scher Eltern, hatte drei Wochen zuvor über­stürzt seine Woh­nung in Maryland/​USA ver­lassen. Er nannte sich mitt­ler­weile nach dem Mäd­chen­namen seiner Mutter: Justin Law­rence. Er wollte seine Spuren ver­wi­schen, denn es hieß, er habe in Mary­land einen 17-jäh­rigen Jungen sexuell miss­braucht. Er wusste, dass die US-ame­ri­ka­ni­sche Polizei nach ihm suchte. Am Morgen des 2. Mai 1998 berich­tete die eng­li­sche Presse außerdem, dass Scot­land Yard ein­ge­schaltet wurde. Eine Falsch­mel­dung, wie sich später her­aus­stellte.

An diesem letzten Tag gab sein Bruder, John Fas­hanu, ein Inter­view. Ich bete, dass die Anschul­di­gungen nicht wahr sind“, sagte er. Doch wir haben seit Jahren nicht mehr gespro­chen, und daher berührt es mich nicht mehr so stark.“ Am nächsten Morgen fand die Polizei Justin Fas­hanu in einer Garage unweit des Cha­riots“, um seinen Hals zog sich ein Elek­tro­kabel, er bau­melte von einem Holz­balken.

Justin Fas­hanu war 19 Jahre alt, als ihn ein Tor über Nacht zum Super­star machte. Der Mit­tel­stürmer, damals in Diensten von Nor­wich City, schoss das Tor in der Saison 1979/80 gegen den FC Liver­pool, und es war tat­säch­lich phä­no­menal. Fas­hanu stand in halb­rechter Posi­tion etwa 20 Meter vor dem geg­ne­ri­schen Keeper, er erwar­tete den Pass eines Mit­spie­lers. Mit dem rechten Außen­rist ließ er den Ball geschickt auf Hüft­höhe abtropfen, dann drehte er sich und schoss den Ball volley mit links in den Winkel. Oh, what a goal!“, japste BBC-Kom­men­tator Barry Davies. Fas­hanu verzog keine Miene, er streckte nur den Zei­ge­finger in die Luft. 

Brian Clough beschimpfte Fas­hanu als Schwuchtel“

Eines Tages fand der Trainer heraus, dass Fas­hanu in Not­ting­hams Schwulen-Bars ver­kehrte. Vor ver­sam­melter Mann­schaft beschimpfte Clough seinen Stürmer als Poof“ (dt. Schwuchtel), später warf er ihn aus dem Kader. Als Fas­hanu trotzdem beim nächsten Trai­ning erschien, ver­suchten Spieler und Trainer ihn vom Platz zu drängen. Clough soll ihn sogar getreten haben. Doch weil auch das nicht half, rief der Trainer die Polizei und ließ Fas­hanu vom Ver­eins­ge­lände führen.

In seiner 2004 erschienen Bio­grafie Wal­king on Water“ räumte Clough ein, eine Mit­schuld am Tod von Fas­hanu zu tragen. Er schrieb: Ich war für ihn ver­ant­wort­lich, denn er fiel in meinen Zustän­dig­keits­be­reich als Trainer, aber ich habe ihm nicht geholfen.“ Die ehe­ma­ligen Mit­spieler werten die Aus­ein­an­der­set­zungen mit Fas­hanu aller­dings noch viele Jahre später als Lap­palie. John McGo­vern, damals Kapitän von Not­tingham Forest, sagte 2012 in einem TV-Inter­view: In einer Fuß­ball­mann­schaft pie­sackt man sich eben. Das Wort Schwuchtel wurde sicher­lich nicht benutzt, um den Spieler per­sön­lich anzu­greifen.“

Fas­hanu pre­digte gegen sexu­elle Lust

Für Fas­hanu bedeu­teten die Vor­fälle von Not­tingham eine Zäsur. Sein Leben geriet aus der Bahn. Zu allem Über­fluss ver­letzte er sich 1983 schwer am Knie, die Ope­ra­ti­ons­kosten waren immens hoch. Jah­re­lang trai­nierte er in Reha-Zen­tren und Fit­ness­stu­dios. So gut wie einst sollte er aber nie mehr spielen. Fas­hanu ver­suchte Neu­an­fänge in den USA und Kanada, oft bei unter­klas­sigen Ver­einen, dort, wo nie jemand von Brian Clough oder Not­tingham Forest gehört hatte. Glück­lich wurde er nicht.

Zwi­schen­zeit­lich reiste er nach Nigeria, in die Heimat seiner Eltern, er eröff­nete eine Schwu­lenbar in Los Angeles, und als ein Freund ihm sagte, dass nur Jesus ihm helfen könne, schloss sich Fas­hanu den Born-again Chris­tians“ an, einer pro­tes­tan­ti­schen Fun­da­men­ta­lis­ten­gruppe. Er pre­digte gegen die sexu­elle Lust, hielt sich aber wei­terhin in Nacht­clubs auf, geplagt von Gewis­sens­bissen und dem Glauben, dass eine gleich­ge­schlecht­liche Bezie­hung eine Sünde sei.

Dann kam der 22. Oktober 1990, ein Tag, der ganz Eng­land in Wal­lung ver­setzte. Die eng­li­sche Bou­le­vard­zei­tung Sun“ ver­öf­fent­lichte eine Geschichte über Justin Fas­hanu. Auf der Titel­seite prangte sein Foto, daneben in fetten Buch­staben die Schlag­zeile: Eine Mil­lion teurer Fuß­ball­star: Ich bin schwul!‘“ Er habe schon länger mit dem Gedanken eines Coming-outs gespielt, sagte er später. Im Oktober 1990 fasste er den Ent­schluss, weil sich ein Freund umge­bracht hatte, nachdem er auf­grund seiner Homo­se­xua­lität von der eigenen Familie aus­ge­schlossen worden war. Ich dachte, wenn ich mich in der schlimmsten Zei­tung oute und dann stark bleibe, gäbe es nichts mehr, was noch zu sagen wäre“, sagte er. Die Zei­tung zahlte aller­dings auch gutes Geld für die Geschichte, Fas­hanu erhielt 80.000 Pfund.

Mein schwuler Bruder ist ein Aus­ge­sto­ßener!“
 
Sein Bruder John hatte ihn zuvor ange­fleht, seine Homo­se­xua­lität nicht öffent­lich zu machen. Er bot ihm eben­falls 80.000 Pfund dafür, wenn er die Geschichte bei der Sun“ zurück­ziehen würde. Nach der Story äußerte er sich auch öffent­lich. In einem Inter­view mit The Voice“, einer Wochen­zei­tung der afri­ka­nisch-kari­bi­schen Com­mu­nity Eng­lands, sagte er: Mein schwuler Bruder ist ein Aus­ge­sto­ßener!“
 
Fas­hanu irrte, wenn er glaubte, dass nichts mehr zu sagen wäre. Es folgte eine schier end­lose Serie in der Sun“. Der Spieler berich­tete in langen O‑Tönen von Sex mit Pop­stars, Schau­spie­lern, Mit­spie­lern oder Abge­ord­neten des bri­ti­schen Par­la­ments. Dafür ließ er sich sogar vor dem House of Com­mons ablichten. Er sagte Sätze wie 25 Pro­zent meiner Fuß­ball-Kol­legen sind schwul“ oder Im Fuß­ball ist einer AIDS-Infek­tion Tür und Tor geöffnet“. Er äußerte sich im Radio, in TV-Talk­shows, er posierte für Frauen- und für Schwu­len­ma­ga­zine, überall.
 
Er ver­diente gut, denn für jede neue Story gab es Geld. Doch das Schloss ist auf Sand gebaut“, sagte sein Bruder. Er meinte damit einer­seits die finan­zi­elle Unsi­cher­heit, denn Justin dachte nicht daran, sein Geld anzu­legen. Er meinte damit auch die Selbst­wahr­neh­mung.

Ich habe gelogen, um an leichtes Geld zu kommen“
 
Justin Fas­hanu genoss es – wie damals nach seinem Tor – im Ram­pen­licht zu stehen. Er genoss es, denn er ver­mu­tete, dass ihn die Leute als Pio­nier und Kämpfer sahen, als jemand der die ver­krus­teten Denk­muster der eng­li­schen Gesell­schaft auf­brach. Tat­säch­lich war dafür kaum jemand bereit. Vielen miss­fiel sein Drang nach Öffent­lich­keit. Sogar die afro­bri­ti­sche Com­mu­nity kri­ti­sierte ihn für sein Auf­treten, und Mit­spieler spra­chen offen davon, dass Homo­se­xua­lität nicht zum Team­sport passe.

Freunde, Bekannte und sein Bruder wandten sich spä­tes­tens zu dem Zeit­punkt ab, als sich ver­schie­dene Geschichten als Lüge ent­puppten. 1994 musste Justin Fas­hanu etwa öffent­lich zugeben, dass er den Abge­ord­neten Ste­phen Mil­ligan, mit dem er angeb­lich ein Ver­hältnis gehabt habe, gar nicht kannte. Ich habe gelogen, um an leichtes Geld zu kommen“, sagte Fas­hanu. Danach ließ das Inter­esse an seiner Person nach.
 
Fas­hanu wech­selte wieder Wohn­sitze und Ver­eine, er spielte in Neu­see­land, Schweden und Schott­land. Nir­gendwo blieb er länger. Die Hearts of Mid­lothian ent­ließen ihn, weil Fas­hanu dem Ver­halten eines pro­fes­sio­nelles Fuß­bal­lers nicht würdig“ gewesen sei. So ver­mel­deten es jeden­falls die Nach­rich­ten­agen­turen. Der Verein infor­mierte hin­gegen, dass der Spieler gefeuert wurde, weil er zwei Tage nicht zum Trai­ning erschienen sei.

Fas­hanu flüch­tete erneut in die USA, er spielte bei Atlanta Ruckus und heu­erte 1998 als Trainer bei dem neu­ge­grün­deten Team Mary­land Mania in der zweiten US-ame­ri­ka­ni­schen Ama­teur­liga an. Bekannten erzählte er, dass er Besitzer des Klubs sei. Einer davon war Donald H., ein 17-jäh­riger Junge, DJ genannt, der eines Abends zu einer kleinen Party in Jus­tins Woh­nung erschien. Sie tranken Bier, rauchten Mari­huana. Zwei Tage später stand ein Poli­zist vor Fas­hanus Tür und fragte, ob er homo­se­xuell sei und in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1998 sexu­ellen Kon­takt zu Donald H. gehabt habe. Fas­hanu ver­neinte beide Fragen. Wenige Tage später ver­ließ er die USA in Rich­tung London.
 
Monate nach seinem Tod fand man diesen Abschieds­brief:
 
Wenn irgend­je­mand diese Notiz findet, bin ich hof­fent­lich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffent­li­chen Lebens zu sein, ist hart. Ich will sagen, dass ich den Jungen nicht ver­ge­wal­tigt habe. Er hatte bereit­willig Sex mit mir, doch am nächsten Tag ver­langte er Geld. Als ich nein sagte, sagte er: ›Warte nur ab!‹ Wenn das so ist, höre ich euch sagen, warum bin ich dann weg­ge­rannt? Nun, nicht immer ist die Justiz gerecht. Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homo­se­xua­lität kein faires Ver­fahren bekommen würde. Ihr wisst, wie das ist, wenn man in Panik gerät. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie wei­teres Unglück zufüge, will ich lieber sterben. Ich hoffe, der Jesus, den ich liebe, heißt mich will­kommen. Ich werde zumin­dest Frieden finden.“

John Fas­hanu: Ich musste unseren Namen schützen“
 
Ende Januar 2012 strahlte die BBC eine Doku­men­ta­tion mit dem Titel Britain’s Gay Foot­bal­lers“ aus. Die Autorin ist Amal Fas­hanu, Tochter von John und Nichte von Justin Fas­hanu. In einer Szene fragt Amal Fas­hanu ihren Vater, warum er sich von seinem Bruder abwen­dete. John ant­wortet: Justin war selbst­süchtig. Ich musste unseren Namen schützen.“
 
Einige Wochen später mel­dete sich John Fas­hanu noch einmal zu Wort. In der Radio­sen­dung talk­SPORT“ wurde er gefragt, was er von dem Film seiner Tochter hält. Er sagte: Ich denke nicht, dass mein Bruder schwul war. Das ist doch Non­sens! Showbiz!“

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Dieser Text erschien Anfang 2013 im 11FREUNDE SPE­ZIAL Rebellen“. Mitt­ler­weile hat John Fas­hanu akzep­tiert, dass sein Bruder homo­se­xuell war. In der bri­ti­schen TV-Show Cele­brity SAS sagte er vor wenigen Tagen: Er war schwul, aber wir wollten es als Familie nicht wahr­haben.“ Er fühle sich bis heute schuldig am Selbst­mord seines Bru­ders. Auf Net­flix ist momentan die Doku­men­ta­tion For­bidden Games: The Justin Fas­hanu Story“ zu sehen.