Die Bilder haben sich ein­ge­brannt ins kol­lek­tive Gedächtnis deut­scher Fuß­ball­fans. Wie Bas­tian Schwein­s­teiger nach seinem ver­schos­senen Elf­meter gegen den FC Chelsea das Trikot über Kinn, Mund, Nase, Augen zieht, die Fäuste ver­krampft. Und: Wie Bas­tian Schwein­s­teiger nach dem ver­lo­renen Cham­pions-League-Finale ins Leere blickt, die Wangen ein­ge­fallen, die jah­re­lang so kind­lich gepols­terten Gesichts­züge hart und kantig. Das war im Mai 2012. Damals gab es nicht wenige, die dachten: Seinen Zenit hat Bas­tian Schwein­s­teiger, damals 27, über­schritten.

Zwi­schen jenem Elf­me­ter­schießen und dem heu­tigen Grup­pen­spiel der Bayern gegen BATE Baryssau liegen knapp vier­ein­halb Monate, eine Euro­pa­meis­ter­schaft und der Auf­takt in die Saison 2012/13. Zeit, um Wunden zu lecken. Zeit, um wieder ganz der Alte“ zu werden, wie es in der höl­zernen Fuß­bal­ler­sprache heißt? Im Falle von Bas­tian Schwein­s­teiger darf man das nach den ersten Auf­tritten in der neuen Spiel­zeit durchaus behaupten. Die Befürch­tungen, Schwein­s­teiger, heute 28, habe die beste Zeit seiner Lauf­bahn bereits hinter sich, wirken inzwi­schen jeden­falls ziem­lich lächer­lich.

Wie sehr seine Mann­schaften von Schwein­s­teiger abhängig sind, konnte man bei der EM beob­achten. Schwein­s­teiger, nicht in Top­form nach Polen und Ukraine gereist, ver­suchte der DFB-Aus­wahl Halt zu geben, Kon­trolle und Sicher­heit. Grund­pfeiler für die Genie­streiche von Mesut Özil, Thomas Müller oder Lukas Podolski. Doch Schwein­s­teiger fehlte dafür ein­fach die Kraft und die Gesund­heit, Deutsch­land spielte nicht schlecht, aber doch merk­lich unstruk­tu­riert. Weil mit Schwein­s­teiger das Fun­da­ment rissig war, fiel das Gesamt­kon­strukt Natio­nal­mann­schaft schließ­lich im Halb­fi­nale gegen Ita­lien in sich zusammen. Es ist zwar müßig dar­über zu dis­ku­tieren, ob Deutsch­land mit einem fitten Schwein­s­teiger ins Finale ein­ge­zogen wäre, aber dass man daran über­haupt einen Gedanken ver­schwendet, zeigt schon die Rolle des Mit­tel­feld­spie­lers. In der Mann­schaft von Joa­chim Löw ist ver­mut­lich jeder Spieler auf lange Sicht gleich­wertig zu ersetzen. Schwein­s­teiger nicht.

Glei­ches gilt für den FC Bayern, der zwar über einen der luxu­riö­sesten Kader der Cham­pions League ver­fügt, der aber trotzdem auf die Klasse Schwein­s­tei­gers nicht ver­zichten kann. Ohne Herz und Hirn ist selbst der beste Körper unbrauchbar. Um diese Gefahr zumin­dest zu mini­mieren, haben die Bayern unglaub­liche 40 Mil­lionen Euro für Javi Mar­tinez aus­ge­geben. Im Ide­al­fall soll er gemeinsam mit Schwein­s­teiger die Mün­chener noch besser machen, im Not­fall dafür sorgen, dass Schwein­s­tei­gers Absti­nenz nicht allzu sehr ins Gewicht fällt.

Warum ist das so? Warum funk­tio­niert eine Aus­wahl wie die deut­sche Natio­nal­mann­schaft nicht richtig, wenn Schwein­s­teiger fehlt? Warum wird der FC Bayern dreimal Zweiter, wenn Schwein­s­teiger ver­letzt ist oder nur mit Ver­let­zungen spielen kann? Wie ist die Abhän­gig­keit von einem ein­zelnen Spieler in einer Zeit, da indi­vi­duell deut­lich limi­tierte Mann­schaften mit der rich­tigen Taktik in den oberen Tabel­len­re­gionen mit­mi­schen können, zu erklären?

Natür­lich können Natio­nal­mann­schaft und der FC Bayern auch ohne Schwein­s­teiger Spiele gewinnen. Sein Fehlen, bzw. die ver­let­zungs­be­dingte Limi­tie­rung seiner Klasse wirkt sich nicht unbe­dingt unmit­telbar aus, wie viel­leicht der Aus­fall des Tor­jä­gers oder Tor­hü­ters. Schwein­s­tei­gers feh­lende Qua­lität wirkt dann eher wie schlei­chendes Gift. Wenn seine Ball­kon­trolle, seine Über­sicht, seine Pässe und seine Auto­rität nicht zur Ver­fü­gung stehen, lähmt das seine Mann­schaften von Spiel zu Spiel. Ihnen fehlt dann der Rat­geber des eigenen Spiels, wie Fahr­schüler ohne Fahr­lehrer steuern sie einige Zeit recht erfolg­reich durch die Gegend, irgend­wann werden sie aber die Kon­trolle ver­lieren und einen Unfall bauen.

Mit 32 dürfte er mehr Pro­bleme bei der Rück­kehr bekommen

Schwein­s­teiger hat die Pause zwi­schen EM und Sai­son­start nach eigener Aus­sage end­lich zur voll­stän­digen Rege­ne­rie­rung nutzen können. Der Süd­deut­schen Zei­tung“ ver­riet er in einem aus­führ­li­chen Inter­view, wie glück­lich er sich am Tag des DFB-Pokal­spiels gegen Jahn Regens­burg gefühlt habe, dem Tag an dem erst­mals nach langer Zeit keine Schmerzen mehr im Körper ver­spürte: Auf dem Weg zum Trai­nings­platz habe ich jeden umarmt!“ Die Fol­ge­schäden der Knö­chel- und Schlüs­sel­bein­ver­let­zung scheint Schwein­s­teiger über­standen zu haben, dass er aller­dings so schnell wieder so gute Leis­tungen zeigen kann, über­rascht viele. Ver­mut­lich liegt es an seinem Alter. In vier Jahren dürfte sein Körper wesent­lich mehr Pro­bleme mit der Rege­ne­ra­tion bekommen.

Was es bedeutet, wenn Bas­tian Schwein­s­teiger den Kopf frei von mög­li­chen Elf­me­ter­sorgen hat und sein Körper diesem Kopf wieder schmerz­frei und aus­trai­niert zur Ver­fü­gung steht, zeigt der fan­tas­ti­sche Sai­son­start der Bayern: Sechs Spiele, sechs Siege in der Bun­des­liga, ein sou­ve­räner 2:1‑Erfolg im ersten Cham­pions-League-Grup­pen­spiel gegen den FC Valencia. Und vor allem eine domi­nante Spiel­weise, die keinen Zweifel daran lässt, wer in dieser Saison um den natio­nalen und inter­na­tio­nalen Titel mit­spielen wird. Sowohl in der Bun­des­liga, als auch in der Cham­pions League gehören die Bayern zu den Top­fa­vo­riten.

Es wäre Bas­tian Schwein­s­teiger zu wün­schen, dass er noch einmal die Gele­gen­heit bekommt, in einem großen Finale die Ent­schei­dung auf dem Fuß zu haben. Bleibt er gesund, hält sich der kör­per­liche Ver­schleiß über die Saison hinweg in Grenzen, dürften sich ganz andere Bilder in die Köpfe der Zuschauer ein­brennen.