Seite 3: El Pupas - die Verhexten

Als Atlé­tico im Mai 2014 die spa­ni­sche Meis­ter­schaft gewann, fei­erten über 100 000 Fans auf den Straßen der Stadt. Eine Poli­zei­ab­sper­rung schuf eine Insel auf dem Platz, an dem sich die Statue des Gottes Neptun befindet, den Drei­zack in der Hand. Als die Spieler auf der eigens ein­ge­rich­teten Tri­büne einer nach dem anderen der Menge prä­sen­tiert wurden und Kapitän Gabi auf die Statue klet­terte, stand irgendwo hinter dem Gerüst, still und stolz, Simeones Vater. Dies war anders“, sagte er. Dies war etwas Grö­ßeres.“ Auf der Bühne schnappte sich sein Sohn das Mikrofon. Dies ist nicht nur ein Titel!“, rief er. Was dieser Sieg ver­mit­telt, ist viel wich­tiger als das. Wenn du daran glaubst und wenn du dafür arbei­test, dann kannst du es schaffen.“

Es gab eine Facette in Atlé­ticos Iden­tität, die Simeone nicht akzep­tieren mochte, also beschloss er, sie zu exor­zieren. Dies ist der Klub, den sie früher El Pupas nannten, die Ver­hexten. Der Klub, der es irgendwie immer schaffte, die Sache zu ver­mas­seln. Der Klub, in dessen Hymne zum hun­dertsten Geburtstag – vor­ge­tragen vom Lie­der­ma­cher Joa­quin Sabina mit seiner dunklen, rauen Stimme – es heißt: Welch eine Art zu leiden! Welch eine Art zu ver­lieren!“ Der Klub, der diese Hymne am Tag des Jubi­läums wegen eines Streits um die Rechte dann nicht einmal ver­wenden konnte und auf You Can’t Always Get What You Want“ von den Rol­ling Stones aus­wich. Der Klub, der eine berühmte Anzeige schal­tete, in der ein Sohn seinen Vater fragt: Papa, warum sind wir für Atlé­tico?“ Der Vater weiß keine Ant­wort.

Simeone schon. Sie wollen wissen, warum wir für Atlé­tico sind?“, fragte er einmal. Wegen des Pokal­end­spiels.“ Im Mai 2013 gewann Atlé­tico die Copa del Rey, den spa­ni­schen Pokal­wett­be­werb. In der Ver­län­ge­rung. Gegen Real Madrid. Im San­tiago Ber­nabéu. Es war der erste Sieg gegen den Stadt­ri­valen seit vier­zehn Jahren. Seit damals waren sie ab- und wieder auf­ge­stiegen, aber Real Madrid hatten sie ein­fach nicht schlagen können. 25 Ver­suche, es war hoff­nungslos. Jetzt hatten sie den Rivalen plötz­lich im Pokal­fi­nale und noch dazu in deren Sta­dion besiegt. Hätten sie den Leuten 1999 gesagt, dass es vier­zehn Jahre dauern, aber so enden würde, hätten sie das sofort unter­schrieben“, sagte Simeone.

Real Madrid? FC Bar­ce­lona? Atle­tico Madrid!

Jah­re­lang war Atlé­tico aus­ge­lacht, als irrele­vant und eigent­lich nicht exis­tent, als nicht des Mit­leids, geschweige denn der Ach­tung oder gar Furcht würdig abgetan worden. Ein paar Jahre zuvor war im Ber­nabéu ein Banner ent­rollt worden, das im Gewand einer Anzeige daherkam. Gesucht: ein anstän­diger Gegner für ein wür­diges Derby!“ Gesucht, gefunden. Joao Miranda erzielte das Siegtor im Pokal­fi­nale. Sein Kom­mentar: Dieses Tor ist für all die Kinder, die meinen Sohn jeden Tag aus­la­chen, weil er Atlé­tico-Fan ist.“

Am Ende von Simeones erster Saison als Trainer hatte sich Atlé­tico immerhin noch auf den fünften Platz vor­ge­ar­beitet, außerdem gewann der Verein die Europa League. In der zweiten Saison holten sie gegen Chelsea den euro­päi­schen Supercup, qua­li­fi­zierten sich für die Cham­pions League und gewannen die Copa del Rey. Simeone hätte am nächsten Tag ein­fach seinen Hut nehmen und als Held abtreten können. Was er natür­lich nicht tat.

Als Atlé­tico im Mai 2014 die spa­ni­sche Meis­ter­schaft gewann“, heißt es etwas lapidar an anderer Stelle in dieser Geschichte. Dabei ist Jahre danach kaum zu glauben, was damals pas­sierte. Im Grunde gewann Atlé­tico einen Titel, der nicht zu gewinnen war. Diese Meis­ter­schaft ist die wohl erstaun­lichste Leis­tung in der Geschichte der Pri­mera Divi­sion. Atlé­tico war nach zehn Jahren die erste Mann­schaft, der es gelang, Real und Bar­ce­lona den Titel zu ent­reißen. Und man ist ver­sucht zu sagen, dass sie wohl auch die letzte sein wird, der dies gelingt.

Atle­tico ver­schiebt die Kräf­te­ver­hält­nisse

Nicht weniger sen­sa­tio­nell erreichte Atlé­tico außerdem erst­mals seit vierzig Jahren das Finale der Cham­pions League in Lis­sabon. Ein Tor in der dritten Minute der Nach­spiel­zeit brachte sie um den Titel. Schlimmer noch, es war Real, das ihnen den Pokal aus den Händen riss. War damit die Rück­kehr der Pupas ein­ge­läutet? Es sieht nicht so aus. Atlé­tico schlug Real zu Beginn der darauf fol­genden Saison erneut und gewann den spa­ni­schen Supercup. Die Nie­der­lage von Lis­sabon wird für immer schmerzen, aber sie hat sie nicht umge­worfen, im Gegen­teil. In der Meis­ter­schaft besiegten sie Real wieder im Ber­nabéu. Dann warfen sie sie aus dem Pokal. Und dann trafen sie erneut in der Meis­ter­schaft auf sie, diesmal im Cal­derón. Und dort gewann Atlé­tico 4:0.

Nur ein ein­ziges Mal hatte der Verein das madri­le­ni­sche Derby noch deut­li­cher gewonnen, und das war 1947. Zum Ende des Spiels machten die Fans Auf­nahmen von der Anzei­ge­tafel, als müssten sie sich selbst davon über­zeugen, dass das gerade wirk­lich pas­siert war. Beim Schluss­pfiff stand es nach Tor­chancen zehn zu eins, und sogar Real-Ikone Iker Cas­illas musste ein­ge­stehen, dass Atlé­tico bril­lant gewesen sei. Zum ersten Mal seit mehr als sechzig Jahren hat Atlé­tico beide Liga­spiele gegen den Lokal­ri­valen gewonnen und damit die Kräf­te­ver­hält­nisse ent­schei­dend ver­schoben. Mehr noch: Die Partie Anfang Februar 2015 war bereits das sechste Spiel zwi­schen den beiden Klubs in jener Saison, und kein ein­ziges davon hatte Atlé­tico ver­loren. Erst sieglos in 25 Spielen, dann unge­schlagen in sechs. Und noch dazu ein sol­cher Tri­umph.

Der ver­lo­rene Sohn kehrt zurück

Das vierte Tor hatte Fer­nando Torres vor­be­reitet, was fol­ge­richtig erschien. Nichts hätte Simeones erstaun­li­chen Ein­fluss auf den Verein und die Ideen, die ihn umtreiben, besser zum Aus­druck bringen können als dieses Tor. Als Torres sie­ben­ein­halb zuvor Jahren Atlé­tico ver­lassen hatte, tat er dies im Gefühl, er gehe in die eine Rich­tung und der Klub in eine andere“. Torres, Atlé­tico-Fan, Eigen­ge­wächs, Idol der Massen und seit seinem Debüt als gerade 17-Jäh­riger fünf Jahre lang bester Spieler des Klubs, war dazu bestimmt, ein Star zu werden. Aber nicht, wenn er bei Atlé­tico blieb, das damals von Krise zu Krise stol­perte. Als El Niño im Januar 2015 zurück­kehrte, hatten sich die Rollen ein biss­chen ver­tauscht. Die Fans aber hatten sich nie von ihm abge­wendet, 40 000 kamen zur Vor­stel­lung des ver­lo­renen Sohns. Als Sah­ne­häub­chen hatte Simeone nun auch noch jenen Spieler heim­ge­holt, den sie am meisten liebten. Ein Geschenk an die Fans.

Torres war damals noch Team­kol­lege von Simeone und Germán Burgos gewesen. Bei seinem zweiten Debüt lief er neben Lucas Her­nandez auf, mit dessen Vater Jean-Fran­cois er einst zusammen­gespielt hatte. Der junge Torres war bei Simeones zweitem Atlé­tico-Gast­spiel dessen Kapitän gewesen; nun war Simeone Torres’ Trainer. Von allen lebenden Men­schen auf der Welt wird wohl nur Torres noch mehr mit Atlé­tico iden­ti­fi­ziert als Simeone. Als Ant­wort auf die Frage, warum er Torres zurück­ge­holt habe, sprach Simeone über die fun­da­men­tale Bedeu­tung der Inte­grität. Von dem, was er per­te­nencia nennt. Zuge­hö­rig­keit. Torres gehört dazu. So wie Simeone.

Der Klub wurde revo­lu­tio­niert und das ist Simeone zu ver­danken“, sagte Torres nach seiner Rück­kehr. Atlé­tico habe sich voll­kommen gewan­delt“.

Am 7. Januar, bei jenem 2:0 im Pokal, saß er nach einem soliden Debüt auf der Aus­wech­sel­bank, als der ent­schei­dende Treffer fiel. Nachdem der Ball ein­schlagen war, lief er jubelnd an die Sei­ten­linie. Ein paar Meter weiter sprang ein Ball­junge auf und fiel in die Arme von Diego Simeone.