Seite 2: „Zugehörigkeit ist wichtig, und ich gehöre zu Atlético“

Simeone war Kapitän und spi­ri­tu­eller Führer jener Mann­schaft gewesen, die 1996 das Double aus Meis­ter­schaft und Pokal gewann. Er war schon als Spieler über die Maßen ehr­geizig, von harter Arbeit und der Idee des Leis­tungs­prin­zips besessen und zudem von einer fast patho­lo­gi­schen Sucht nach Her­aus­for­de­rungen beseelt. Je härter desto besser. Seine Kol­legen staunten nicht schlecht, als er sich damals wünschte, der direkte Kon­kur­rent um den Titel möge am vor­letzten Spieltag siegen. Eine Nie­der­lage von Valencia hätte Atlé­tico die vor­zei­tige Meis­ter­schaft beschert, doch Simeone war der Gedanke zuwider, kampflos zu gewinnen. Lieber ris­kierte er es zu schei­tern, als um die Chance gebracht zu werden, den Titel eigen­händig unter Dach und Fach zu bringen.

Die Atlé­tico-Fans iden­ti­fi­zierten sich mit ihm, und er iden­ti­fi­zierte sich mit ihnen. Auf dem Flug von Argen­ti­nien nach Madrid im Dezember 2011, als der Moment der Rück­kehr gekommen war, spürte er, wie die Energie in ihm floss. Er wusste, alles würde gut werden. Zuge­hö­rig­keit ist wichtig, und ich gehöre zu Atlé­tico“, sagt er. Als ich ging, wusste ich, dass ich den Verein ver­ließ, um eines Tages zurück­kehren zu können. Ich wusste, ich würde wie­der­kommen, ich wusste es. Ich habe das Gefühl, immer hier gewesen zu sein, mein ganzes Leben. Ich weiß, was die Leute wollen und was der Klub will, und wenn man das Gefühl hat, hierher zu gehören, macht das alles ein­fa­cher.“

Diego Simeones erste Ent­schei­dung nach seiner Ankunft war, die Netze im Cal­derón aus­zu­tau­schen. Von nun an sollten sie wieder rot und weiß sein, in den Klub­farben, so wie 1996. Und damit begann die Arbeit, unauf­hör­lich. Simeone ist eine Flut­welle, die einen ent­weder trägt oder unter sich begräbt, ein Trainer, der sich daran machte, eine Mann­schaft nach seinem Bild zu formen. Sein frü­herer Team­kol­lege Kiko erin­nert sich, wie Simeone ihnen einmal vor einem wich­tigen Spiel das Nicker­chen ver­wei­gerte, weil er nicht begreifen konnte, wie man zu diesem Zeit­punkt über­haupt schlafen konnte. Das ist der Ehr­geiz, der ihn auch als Trainer antreibt.

Der Simeone-Effekt“

Atlé­tico spielt, wie Simeone gespielt hat: hart, kon­zen­triert und tak­tisch per­fekt“, hat Real-Coach Carlo Ance­lotti einmal gesagt. Levantes Trainer Joa­quin Caparrós beschrieb Simeones Mann­schaft voller Bewun­de­rung als einen Hammer, der unab­lässig auf dich ein­schlägt“. Schon in den ersten Tagen ver­riet Simeone, was er mit seiner Elf vor­hatte: Ich will gewinnen. Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich hinein. Arbeit ist alles. Ich glaube nicht, dass nur gute Spieler eine Mann­schaft ver­bes­sern. Ich glaube, dass Spieler, die gewinnen wollen, eine Mann­schaft ver­bes­sern.“

Atlé­tico wurde besser. Gleich nach dem ersten Spiel, einem Sieg gegen Vil­lar­real, war in den Schlag­zeilen vom Simeone-Effekt“ die Rede. Was nie­mand ahnen konnte, war indes, dass die Reise den Verein bis ganz an die Spitze der Tabelle führen würde.

Zunächst mal reichte es aus, dass sie an ihn glaubten. Anfangs viel­leicht, weil ihnen in der dama­ligen Situa­tion nichts anderes übrig­blieb. Schon bald aber taten sie es aus voller Über­zeu­gung. Wir reden hier von einem Trainer, der die Stern­zei­chen der Spieler prüft, bevor er sie unter Ver­trag nimmt, und bei dem jede simple Erklä­rung zum Glau­bens­be­kenntnis wird. Atlé­tico war fortan nicht mehr nur ein Fuß­ball­verein, son­dern wurde zu einem Anliegen. Was Simeone sagte, war oft bewusst popu­lis­tisch. Er war der Auf­rührer, er war einer von ihnen. Es ging um ein Gemein­schafts­er­lebnis, eine Art Hei­lige Kom­mu­nion. Beob­achtet man ihn wäh­rend eines Spiels, so diri­giert er nicht nur die Spieler, son­dern auch die Fans. Einer für alle, alle für einen! Doch führen würde sie, daran besteht kein Zweifel, Diego Simeone.

Er spricht über die Unmög­lich­keit, mit Giganten wie Real Madrid und dem FC Bar­ce­lona zu kon­kur­rieren, wäh­rend er gleich­zeitig ver­langt, genau dies zu tun. Er spricht davon, was es heißt, boden­ständig zu sein, von harter Arbeit, Blut, Schweiß und Tränen – eine Bot­schaft, die kei­nes­wegs abge­hoben ist, aber so uner­müd­lich und mit sol­chem Eifer vor­ge­tragen wird, dass ihr etwas absolut Mys­ti­sches anhaftet.

Die zen­tralen Lehren des Cho­lismo

Par­tido a par­tido, von Spiel zu Spiel, wie­der­holt er gebets­müh­len­artig. Er ist weiß Gott nicht der erste Trainer, der das sagt, und es ist ja auch nicht beson­ders ori­gi­nell, doch es wurde zum Mantra. Simeone erhob ein Kli­schee zu einer Phi­lo­so­phie, und zwar zu einer, die ideal zum Selbst­bild der Atlé­tico-Fans passt, die sich als Verein der Arbei­ter­klasse sehen, der gegen alle Wider­stände kämpft und im Schatten des über­mäch­tigen, rei­chen Nach­barn Real Madrid lebt, der, so heißt es jeden­falls, Macht, Geld und Politik hinter sich weiß. Atlé­tico ist gleich­be­deu­tend mit der Arbei­ter­schaft“, sagt Co-Trainer Germán Burgos. Unsere Fans sind Maurer, Taxi­fahrer und Churro-Ver­käufer.“ Sie nennen es Cho­lismo: eine Lebens­weise, wie sie von El Cholo pro­pa­giert wurde. Man über­legte sogar, den Begriff ins spa­ni­sche Wör­ter­buch auf­zu­nehmen.

Ange­sichts der Beto­nung von Leis­tung und Ein­satz­willen werden das tak­ti­sche Geschick der Mann­schaft und ihre tech­ni­schen Fähig­keiten bis­weilen außer Acht gelassen. Aber natür­lich drehen sich die zen­tralen Lehren des Cho­lismo um kol­lek­tive Ziele und den Mann­schafts­geist. Hier ver­lieh Simeone seinem Mantra eine tie­fere Bedeu­tung. Par­tido a par­tido ist das Leben des Mannes auf der Straße, der von Tag zu Tag lebt“, sagt er. Wir spie­geln uns in der Gesell­schaft, in der Men­schen jeden Tag kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen. Sobald wir auf­hören zu kämpfen, haben wir keine Chance mehr. Die Leute iden­ti­fi­zieren sich mit uns, wir sind eine Quelle der Hoff­nung für sie. Mit unseren Mit­teln haben wir es geschafft, grö­ßeren Geg­nern die Stirn zu bieten.“ Die Fans von Atlé­tico Madrid ver­ehren ihn – und wie könnte es auch anders sein? Er ist ihre Ideo­logie, ihre Reli­gion gar. Davon abge­sehen sind seine Wunder wahr, sie sind greifbar. Die Erfolge sind gera­dezu absurd.