Hin­weis: Der Text erschien erst­mals 2016. Gio­vanni Simeone spielt mitt­ler­weile bei Cagliari Calcio in Ita­lien.

Im Vicente Cal­derón reißt es die Zuschauer von den Sitzen. Man schreibt den 7.1.2015 und Atlé­tico ist, früher undenkbar, drauf und dran, schon wieder ein Derby gegen Real Madrid zu gewinnen. José Maria Giménez hat soeben per Kopf das zweite Tor des Abends und damit den Sieg per­fekt gemacht. Freu­den­sprünge und Jubel im weiten Rund. Spieler, Trainer, Betreuer, Fans, Ball­jungen. Diego El Cholo Simeone, schwarzer Anzug, schwarze Kra­watte, schwarze Schuhe, schwarzes, zurück­ge­geltes Haar, ballt die Fäuste. Von hinten kommt ein Ball­junge in Kapuze und weißem Leib­chen ange­rannt und springt ihm aus­ge­lassen in die Arme. Der Ball­junge ist Simeones Sohn Giu­liano.

Giu­liano ist zehn Jahre alt und in letzter Zeit ziem­lich oft im Sta­dion gewesen. Beim ersten Derby der Saison im San­tiago Ber­nabéu war er eben­falls dabei und saß hoch über dem Feld in einer Loge neben seinem Vater, der Anwei­sungen rief, die seine Spieler nicht hören konnten und mit den Händen Zei­chen gab, die sie nicht sehen konnten. Hin und wieder griff Simeone zum Telefon und gab die Wechsel durch. Zumin­dest diese Direk­tiven wurden gehört, trotzdem fühlte er sich, wie er später zugab, ziem­lich ohn­mächtig. Gleich­wohl nahm auch dieser Abend ein gutes Ende. Simeone sah durch die Glas­scheibe, wie Arda Turan auf der Nord­seite des Sta­dions locker ein­schoss. Vater und Sohn fielen sich in die Arme und ver­ließen nach dem Schluss­pfiff glück­lich die Loge. Giu­liano trug ein rot-weiß gestreiftes Atlé­tico-Trikot, Diego natür­lich schwarz.

Loya­lität, Ver­bind­lich­keit, Zusam­men­ge­hö­rig­keit


Die Familie ist Simeone wichtig. Er esse jeden Tag mit seinen Kin­dern, sagt er. Was nicht weiter bemer­kens­wert wäre, würde nicht ein Groß­teil der Familie in Argen­ti­nien leben. Doch wenn es Zeit fürs Abend­essen ist, sitzt Simeone per Skype mit am Tisch. Ein iPad als Vater. Kurze Momente, die umso mehr wert­ge­schätzt werden. Als Simeone Atlé­tico Madrid über­nahm, warnte er die Spieler, dass es keinen Müßig­gang geben werde, er würde sie jede Minute des Tages im Auge haben. Meine Familie ist schließ­lich nicht hier“, sagte er. Ich habe also nichts Bes­seres zu tun.“

Ande­rer­seits ist es gut so, wie es ist. Ich liebe Fuß­ball, und ich liebe meinen Beruf“, sagt Simeone. Selbst wenn seine Familie mit nach Madrid gezogen wäre, so hätte er ver­mut­lich weder abschalten können noch wollen. Ich schaue einen Film, und plötz­lich fällt mir etwas fürs nächste Wochen­ende ein und ich muss ans Telefon.“ Atlé­tico zu trai­nieren sei etwas, das ihn 24 Stunden am Tag“ beschäf­tige. Auch in den Tele­fo­naten mit der Familie geht es früher oder später unwei­ger­lich um Fuß­ball. Beides gehört zusammen, zumal Simeone das Spiel in fami­liären Begriffen inter­pre­tiert. Er redet von Loya­lität, Ver­bind­lich­keit, Zusam­men­ge­hö­rig­keit. Der erste Anruf, den Simeone nach Atlé­ticos Europa-League-Tri­umph 2012 tätigte, galt seinem Sohn. Wäh­rend die Spieler auf dem Rasen fei­erten, fingen ihn die Kameras mit dem Telefon am Ohr ein, auf der Suche nach ein wenig Ruhe in all dem Lärm in eine Ecke der Ersatz­bank gekauert. Hast du Fal­caos Tor gesehen?“ Natür­lich hatte er es gesehen.

Simeone meldet sich vor jedem Spiel. Wenn die Spieler sich warm­ma­chen, sitzt er allein in der Kabine und ruft zu Hause an. Bis Giu­liano nach Madrid kam, erle­digte er drei Anrufe, einen für jedes Kind drüben in Argen­ti­nien. Die Anrufe sind kurz, kaum mehr als ein paar Minuten, und sie sind Teil seines Rituals: die Ruhe vor dem Sturm. Für vier oder fünf Minuten bin ich ein nor­maler Mensch“, sagt er. Dann legt er auf und ist wieder Diego Simeone, Trainer von Atlé­tico Madrid.

Eines Tages komme ich zurück“

Diego Simeone, Trainer von Atlé­tico Madrid. Irgendwie hat er immer gewusst, dass es eines Tages so kommen würde. Einer der Anrufe vor dem Spiel gilt seinem Sohn Gio­vanni. Der ist 19 und spielt als Stürmer bei River Plate in Buenos Aires. Er kam in Madrid zur Welt, als sein Vater dort für Atlé­tico spielte, und begann mit dem Fuß­ball­spielen bei Rayo Maja­da­honda. Die Plätze von Rayo liegen kaum fünfzig Meter vom Trai­nings­ge­lände Cerro de Espino ent­fernt. Heute sind sie mit Kunst­rasen aus­ge­legt, aber damals war der Belag Schotter, und bei jedem Schuss wurden Staub und Stein­chen auf­ge­wir­belt. Es gibt noch Video­auf­nahmen von jenem Tag, als der neun­jäh­rige Gio­vanni das Team ver­ließ und ver­ab­schiedet wurde, der­weil Diego von der Tri­büne aus mit einem Kloß im Hals zusah. Am nächsten Tag waren die Rollen ver­tauscht. Gio­vanni stand neben seinem Vater auf dem Rasen des Cal­derón, das El Cholo mit Tränen, Ban­nern und Gesängen Lebe­wohl sagte.

Es war bereits Simeones zweiter Abschied von Atlé­tico. Er hatte für andere Ver­eine gespielt, sieben ins­ge­samt, doch nir­gendwo hatte er eine solche Ver­bun­den­heit gespürt wie hier. Jetzt ist er zum dritten Mal bei diesem Klub und das Band ist fester als je zuvor. Als er den Verein sei­ner­zeit als Spieler ver­ließ, sagte er, er wisse, dass er eines Tages zurück­kommen werde. Am 3. Januar 2012 war es soweit.

Atlé­tico machte gerade wieder eine Krise durch, war Tabel­len­zehnter und soeben vom Dritt­li­gisten Alba­cete aus dem Pokal geworfen worden. Miguel-Angel Gil Marin, der Prä­si­dent, Mehr­heits­eigner und Sohn des berüch­tigten, 2004 gestor­benen Jesús Gil y Gil, hatte seit 1996 sech­zehn Trainer ange­heuert und im Schnitt vier­zehn neue Spieler pro Saison ver­pflichtet. Vom Vor­stand über die Profis bis zu den Fans war der Klub tief zer­stritten. Oder wie Kapitän Gabi es aus­drückt: Wir waren mental am Ende.“

Es konnte nur einen für diesen Job geben


Ich weiß nicht, ob Simeone der Ein­zige war, der uns hätte retten können“, sagt Gabi weiter, aber er brachte die besten Vor­aus­set­zungen mit.“ Nie­mand sonst hätte den Verein so zusam­men­führen können, wie Simeone es tat. Nie­mand sonst brachte die mora­li­sche Auto­rität dafür mit. Es war eine popu­läre und auch eine popu­lis­ti­sche Wahl. Wir brauchten jemanden, der die Spieler an die Kan­dare nahm und den Fans den Glauben zurückgab“, räumt Sport­di­rektor José Luis Cami­nero ein. Sie brauchten auch jemanden, der den Druck vom Prä­si­dium nahm, auf das sich die Wut der Anhänger kon­zen­trierte. Nie­mand hätte das so ver­mocht wie Diego Simeone.

Am Morgen seines ersten Tages wurde in den Zei­tungen der Tag des Cholo“ aus­ge­rufen. Vor dem Anpfiff war Simeone von einer ganzen Meute Foto­grafen umringt und das ganze Sta­dion sang: Olé, olé, olé, Cholo Simeone!“

Simeone war Kapitän und spi­ri­tu­eller Führer jener Mann­schaft gewesen, die 1996 das Double aus Meis­ter­schaft und Pokal gewann. Er war schon als Spieler über die Maßen ehr­geizig, von harter Arbeit und der Idee des Leis­tungs­prin­zips besessen und zudem von einer fast patho­lo­gi­schen Sucht nach Her­aus­for­de­rungen beseelt. Je härter desto besser. Seine Kol­legen staunten nicht schlecht, als er sich damals wünschte, der direkte Kon­kur­rent um den Titel möge am vor­letzten Spieltag siegen. Eine Nie­der­lage von Valencia hätte Atlé­tico die vor­zei­tige Meis­ter­schaft beschert, doch Simeone war der Gedanke zuwider, kampflos zu gewinnen. Lieber ris­kierte er es zu schei­tern, als um die Chance gebracht zu werden, den Titel eigen­händig unter Dach und Fach zu bringen.

Die Atlé­tico-Fans iden­ti­fi­zierten sich mit ihm, und er iden­ti­fi­zierte sich mit ihnen. Auf dem Flug von Argen­ti­nien nach Madrid im Dezember 2011, als der Moment der Rück­kehr gekommen war, spürte er, wie die Energie in ihm floss. Er wusste, alles würde gut werden. Zuge­hö­rig­keit ist wichtig, und ich gehöre zu Atlé­tico“, sagt er. Als ich ging, wusste ich, dass ich den Verein ver­ließ, um eines Tages zurück­kehren zu können. Ich wusste, ich würde wie­der­kommen, ich wusste es. Ich habe das Gefühl, immer hier gewesen zu sein, mein ganzes Leben. Ich weiß, was die Leute wollen und was der Klub will, und wenn man das Gefühl hat, hierher zu gehören, macht das alles ein­fa­cher.“

Diego Simeones erste Ent­schei­dung nach seiner Ankunft war, die Netze im Cal­derón aus­zu­tau­schen. Von nun an sollten sie wieder rot und weiß sein, in den Klub­farben, so wie 1996. Und damit begann die Arbeit, unauf­hör­lich. Simeone ist eine Flut­welle, die einen ent­weder trägt oder unter sich begräbt, ein Trainer, der sich daran machte, eine Mann­schaft nach seinem Bild zu formen. Sein frü­herer Team­kol­lege Kiko erin­nert sich, wie Simeone ihnen einmal vor einem wich­tigen Spiel das Nicker­chen ver­wei­gerte, weil er nicht begreifen konnte, wie man zu diesem Zeit­punkt über­haupt schlafen konnte. Das ist der Ehr­geiz, der ihn auch als Trainer antreibt.

Der Simeone-Effekt“

Atlé­tico spielt, wie Simeone gespielt hat: hart, kon­zen­triert und tak­tisch per­fekt“, hat Real-Coach Carlo Ance­lotti einmal gesagt. Levantes Trainer Joa­quin Caparrós beschrieb Simeones Mann­schaft voller Bewun­de­rung als einen Hammer, der unab­lässig auf dich ein­schlägt“. Schon in den ersten Tagen ver­riet Simeone, was er mit seiner Elf vor­hatte: Ich will gewinnen. Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich hinein. Arbeit ist alles. Ich glaube nicht, dass nur gute Spieler eine Mann­schaft ver­bes­sern. Ich glaube, dass Spieler, die gewinnen wollen, eine Mann­schaft ver­bes­sern.“

Atlé­tico wurde besser. Gleich nach dem ersten Spiel, einem Sieg gegen Vil­lar­real, war in den Schlag­zeilen vom Simeone-Effekt“ die Rede. Was nie­mand ahnen konnte, war indes, dass die Reise den Verein bis ganz an die Spitze der Tabelle führen würde.

Zunächst mal reichte es aus, dass sie an ihn glaubten. Anfangs viel­leicht, weil ihnen in der dama­ligen Situa­tion nichts anderes übrig­blieb. Schon bald aber taten sie es aus voller Über­zeu­gung. Wir reden hier von einem Trainer, der die Stern­zei­chen der Spieler prüft, bevor er sie unter Ver­trag nimmt, und bei dem jede simple Erklä­rung zum Glau­bens­be­kenntnis wird. Atlé­tico war fortan nicht mehr nur ein Fuß­ball­verein, son­dern wurde zu einem Anliegen. Was Simeone sagte, war oft bewusst popu­lis­tisch. Er war der Auf­rührer, er war einer von ihnen. Es ging um ein Gemein­schafts­er­lebnis, eine Art Hei­lige Kom­mu­nion. Beob­achtet man ihn wäh­rend eines Spiels, so diri­giert er nicht nur die Spieler, son­dern auch die Fans. Einer für alle, alle für einen! Doch führen würde sie, daran besteht kein Zweifel, Diego Simeone.

Er spricht über die Unmög­lich­keit, mit Giganten wie Real Madrid und dem FC Bar­ce­lona zu kon­kur­rieren, wäh­rend er gleich­zeitig ver­langt, genau dies zu tun. Er spricht davon, was es heißt, boden­ständig zu sein, von harter Arbeit, Blut, Schweiß und Tränen – eine Bot­schaft, die kei­nes­wegs abge­hoben ist, aber so uner­müd­lich und mit sol­chem Eifer vor­ge­tragen wird, dass ihr etwas absolut Mys­ti­sches anhaftet.

Die zen­tralen Lehren des Cho­lismo

Par­tido a par­tido, von Spiel zu Spiel, wie­der­holt er gebets­müh­len­artig. Er ist weiß Gott nicht der erste Trainer, der das sagt, und es ist ja auch nicht beson­ders ori­gi­nell, doch es wurde zum Mantra. Simeone erhob ein Kli­schee zu einer Phi­lo­so­phie, und zwar zu einer, die ideal zum Selbst­bild der Atlé­tico-Fans passt, die sich als Verein der Arbei­ter­klasse sehen, der gegen alle Wider­stände kämpft und im Schatten des über­mäch­tigen, rei­chen Nach­barn Real Madrid lebt, der, so heißt es jeden­falls, Macht, Geld und Politik hinter sich weiß. Atlé­tico ist gleich­be­deu­tend mit der Arbei­ter­schaft“, sagt Co-Trainer Germán Burgos. Unsere Fans sind Maurer, Taxi­fahrer und Churro-Ver­käufer.“ Sie nennen es Cho­lismo: eine Lebens­weise, wie sie von El Cholo pro­pa­giert wurde. Man über­legte sogar, den Begriff ins spa­ni­sche Wör­ter­buch auf­zu­nehmen.

Ange­sichts der Beto­nung von Leis­tung und Ein­satz­willen werden das tak­ti­sche Geschick der Mann­schaft und ihre tech­ni­schen Fähig­keiten bis­weilen außer Acht gelassen. Aber natür­lich drehen sich die zen­tralen Lehren des Cho­lismo um kol­lek­tive Ziele und den Mann­schafts­geist. Hier ver­lieh Simeone seinem Mantra eine tie­fere Bedeu­tung. Par­tido a par­tido ist das Leben des Mannes auf der Straße, der von Tag zu Tag lebt“, sagt er. Wir spie­geln uns in der Gesell­schaft, in der Men­schen jeden Tag kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen. Sobald wir auf­hören zu kämpfen, haben wir keine Chance mehr. Die Leute iden­ti­fi­zieren sich mit uns, wir sind eine Quelle der Hoff­nung für sie. Mit unseren Mit­teln haben wir es geschafft, grö­ßeren Geg­nern die Stirn zu bieten.“ Die Fans von Atlé­tico Madrid ver­ehren ihn – und wie könnte es auch anders sein? Er ist ihre Ideo­logie, ihre Reli­gion gar. Davon abge­sehen sind seine Wunder wahr, sie sind greifbar. Die Erfolge sind gera­dezu absurd.

Als Atlé­tico im Mai 2014 die spa­ni­sche Meis­ter­schaft gewann, fei­erten über 100 000 Fans auf den Straßen der Stadt. Eine Poli­zei­ab­sper­rung schuf eine Insel auf dem Platz, an dem sich die Statue des Gottes Neptun befindet, den Drei­zack in der Hand. Als die Spieler auf der eigens ein­ge­rich­teten Tri­büne einer nach dem anderen der Menge prä­sen­tiert wurden und Kapitän Gabi auf die Statue klet­terte, stand irgendwo hinter dem Gerüst, still und stolz, Simeones Vater. Dies war anders“, sagte er. Dies war etwas Grö­ßeres.“ Auf der Bühne schnappte sich sein Sohn das Mikrofon. Dies ist nicht nur ein Titel!“, rief er. Was dieser Sieg ver­mit­telt, ist viel wich­tiger als das. Wenn du daran glaubst und wenn du dafür arbei­test, dann kannst du es schaffen.“

Es gab eine Facette in Atlé­ticos Iden­tität, die Simeone nicht akzep­tieren mochte, also beschloss er, sie zu exor­zieren. Dies ist der Klub, den sie früher El Pupas nannten, die Ver­hexten. Der Klub, der es irgendwie immer schaffte, die Sache zu ver­mas­seln. Der Klub, in dessen Hymne zum hun­dertsten Geburtstag – vor­ge­tragen vom Lie­der­ma­cher Joa­quin Sabina mit seiner dunklen, rauen Stimme – es heißt: Welch eine Art zu leiden! Welch eine Art zu ver­lieren!“ Der Klub, der diese Hymne am Tag des Jubi­läums wegen eines Streits um die Rechte dann nicht einmal ver­wenden konnte und auf You Can’t Always Get What You Want“ von den Rol­ling Stones aus­wich. Der Klub, der eine berühmte Anzeige schal­tete, in der ein Sohn seinen Vater fragt: Papa, warum sind wir für Atlé­tico?“ Der Vater weiß keine Ant­wort.

Simeone schon. Sie wollen wissen, warum wir für Atlé­tico sind?“, fragte er einmal. Wegen des Pokal­end­spiels.“ Im Mai 2013 gewann Atlé­tico die Copa del Rey, den spa­ni­schen Pokal­wett­be­werb. In der Ver­län­ge­rung. Gegen Real Madrid. Im San­tiago Ber­nabéu. Es war der erste Sieg gegen den Stadt­ri­valen seit vier­zehn Jahren. Seit damals waren sie ab- und wieder auf­ge­stiegen, aber Real Madrid hatten sie ein­fach nicht schlagen können. 25 Ver­suche, es war hoff­nungslos. Jetzt hatten sie den Rivalen plötz­lich im Pokal­fi­nale und noch dazu in deren Sta­dion besiegt. Hätten sie den Leuten 1999 gesagt, dass es vier­zehn Jahre dauern, aber so enden würde, hätten sie das sofort unter­schrieben“, sagte Simeone.

Real Madrid? FC Bar­ce­lona? Atle­tico Madrid!

Jah­re­lang war Atlé­tico aus­ge­lacht, als irrele­vant und eigent­lich nicht exis­tent, als nicht des Mit­leids, geschweige denn der Ach­tung oder gar Furcht würdig abgetan worden. Ein paar Jahre zuvor war im Ber­nabéu ein Banner ent­rollt worden, das im Gewand einer Anzeige daherkam. Gesucht: ein anstän­diger Gegner für ein wür­diges Derby!“ Gesucht, gefunden. Joao Miranda erzielte das Siegtor im Pokal­fi­nale. Sein Kom­mentar: Dieses Tor ist für all die Kinder, die meinen Sohn jeden Tag aus­la­chen, weil er Atlé­tico-Fan ist.“

Am Ende von Simeones erster Saison als Trainer hatte sich Atlé­tico immerhin noch auf den fünften Platz vor­ge­ar­beitet, außerdem gewann der Verein die Europa League. In der zweiten Saison holten sie gegen Chelsea den euro­päi­schen Supercup, qua­li­fi­zierten sich für die Cham­pions League und gewannen die Copa del Rey. Simeone hätte am nächsten Tag ein­fach seinen Hut nehmen und als Held abtreten können. Was er natür­lich nicht tat.

Als Atlé­tico im Mai 2014 die spa­ni­sche Meis­ter­schaft gewann“, heißt es etwas lapidar an anderer Stelle in dieser Geschichte. Dabei ist Jahre danach kaum zu glauben, was damals pas­sierte. Im Grunde gewann Atlé­tico einen Titel, der nicht zu gewinnen war. Diese Meis­ter­schaft ist die wohl erstaun­lichste Leis­tung in der Geschichte der Pri­mera Divi­sion. Atlé­tico war nach zehn Jahren die erste Mann­schaft, der es gelang, Real und Bar­ce­lona den Titel zu ent­reißen. Und man ist ver­sucht zu sagen, dass sie wohl auch die letzte sein wird, der dies gelingt.

Atle­tico ver­schiebt die Kräf­te­ver­hält­nisse

Nicht weniger sen­sa­tio­nell erreichte Atlé­tico außerdem erst­mals seit vierzig Jahren das Finale der Cham­pions League in Lis­sabon. Ein Tor in der dritten Minute der Nach­spiel­zeit brachte sie um den Titel. Schlimmer noch, es war Real, das ihnen den Pokal aus den Händen riss. War damit die Rück­kehr der Pupas ein­ge­läutet? Es sieht nicht so aus. Atlé­tico schlug Real zu Beginn der darauf fol­genden Saison erneut und gewann den spa­ni­schen Supercup. Die Nie­der­lage von Lis­sabon wird für immer schmerzen, aber sie hat sie nicht umge­worfen, im Gegen­teil. In der Meis­ter­schaft besiegten sie Real wieder im Ber­nabéu. Dann warfen sie sie aus dem Pokal. Und dann trafen sie erneut in der Meis­ter­schaft auf sie, diesmal im Cal­derón. Und dort gewann Atlé­tico 4:0.

Nur ein ein­ziges Mal hatte der Verein das madri­le­ni­sche Derby noch deut­li­cher gewonnen, und das war 1947. Zum Ende des Spiels machten die Fans Auf­nahmen von der Anzei­ge­tafel, als müssten sie sich selbst davon über­zeugen, dass das gerade wirk­lich pas­siert war. Beim Schluss­pfiff stand es nach Tor­chancen zehn zu eins, und sogar Real-Ikone Iker Cas­illas musste ein­ge­stehen, dass Atlé­tico bril­lant gewesen sei. Zum ersten Mal seit mehr als sechzig Jahren hat Atlé­tico beide Liga­spiele gegen den Lokal­ri­valen gewonnen und damit die Kräf­te­ver­hält­nisse ent­schei­dend ver­schoben. Mehr noch: Die Partie Anfang Februar 2015 war bereits das sechste Spiel zwi­schen den beiden Klubs in jener Saison, und kein ein­ziges davon hatte Atlé­tico ver­loren. Erst sieglos in 25 Spielen, dann unge­schlagen in sechs. Und noch dazu ein sol­cher Tri­umph.

Der ver­lo­rene Sohn kehrt zurück

Das vierte Tor hatte Fer­nando Torres vor­be­reitet, was fol­ge­richtig erschien. Nichts hätte Simeones erstaun­li­chen Ein­fluss auf den Verein und die Ideen, die ihn umtreiben, besser zum Aus­druck bringen können als dieses Tor. Als Torres sie­ben­ein­halb zuvor Jahren Atlé­tico ver­lassen hatte, tat er dies im Gefühl, er gehe in die eine Rich­tung und der Klub in eine andere“. Torres, Atlé­tico-Fan, Eigen­ge­wächs, Idol der Massen und seit seinem Debüt als gerade 17-Jäh­riger fünf Jahre lang bester Spieler des Klubs, war dazu bestimmt, ein Star zu werden. Aber nicht, wenn er bei Atlé­tico blieb, das damals von Krise zu Krise stol­perte. Als El Niño im Januar 2015 zurück­kehrte, hatten sich die Rollen ein biss­chen ver­tauscht. Die Fans aber hatten sich nie von ihm abge­wendet, 40 000 kamen zur Vor­stel­lung des ver­lo­renen Sohns. Als Sah­ne­häub­chen hatte Simeone nun auch noch jenen Spieler heim­ge­holt, den sie am meisten liebten. Ein Geschenk an die Fans.

Torres war damals noch Team­kol­lege von Simeone und Germán Burgos gewesen. Bei seinem zweiten Debüt lief er neben Lucas Her­nandez auf, mit dessen Vater Jean-Fran­cois er einst zusammen­gespielt hatte. Der junge Torres war bei Simeones zweitem Atlé­tico-Gast­spiel dessen Kapitän gewesen; nun war Simeone Torres’ Trainer. Von allen lebenden Men­schen auf der Welt wird wohl nur Torres noch mehr mit Atlé­tico iden­ti­fi­ziert als Simeone. Als Ant­wort auf die Frage, warum er Torres zurück­ge­holt habe, sprach Simeone über die fun­da­men­tale Bedeu­tung der Inte­grität. Von dem, was er per­te­nencia nennt. Zuge­hö­rig­keit. Torres gehört dazu. So wie Simeone.

Der Klub wurde revo­lu­tio­niert und das ist Simeone zu ver­danken“, sagte Torres nach seiner Rück­kehr. Atlé­tico habe sich voll­kommen gewan­delt“.

Am 7. Januar, bei jenem 2:0 im Pokal, saß er nach einem soliden Debüt auf der Aus­wech­sel­bank, als der ent­schei­dende Treffer fiel. Nachdem der Ball ein­schlagen war, lief er jubelnd an die Sei­ten­linie. Ein paar Meter weiter sprang ein Ball­junge auf und fiel in die Arme von Diego Simeone.