Hin­weis: Der Text erschien erst­mals 2016. Gio­vanni Simeone spielt mitt­ler­weile bei Cagliari Calcio in Ita­lien.

Im Vicente Cal­derón reißt es die Zuschauer von den Sitzen. Man schreibt den 7.1.2015 und Atlé­tico ist, früher undenkbar, drauf und dran, schon wieder ein Derby gegen Real Madrid zu gewinnen. José Maria Giménez hat soeben per Kopf das zweite Tor des Abends und damit den Sieg per­fekt gemacht. Freu­den­sprünge und Jubel im weiten Rund. Spieler, Trainer, Betreuer, Fans, Ball­jungen. Diego El Cholo Simeone, schwarzer Anzug, schwarze Kra­watte, schwarze Schuhe, schwarzes, zurück­ge­geltes Haar, ballt die Fäuste. Von hinten kommt ein Ball­junge in Kapuze und weißem Leib­chen ange­rannt und springt ihm aus­ge­lassen in die Arme. Der Ball­junge ist Simeones Sohn Giu­liano.

Giu­liano ist zehn Jahre alt und in letzter Zeit ziem­lich oft im Sta­dion gewesen. Beim ersten Derby der Saison im San­tiago Ber­nabéu war er eben­falls dabei und saß hoch über dem Feld in einer Loge neben seinem Vater, der Anwei­sungen rief, die seine Spieler nicht hören konnten und mit den Händen Zei­chen gab, die sie nicht sehen konnten. Hin und wieder griff Simeone zum Telefon und gab die Wechsel durch. Zumin­dest diese Direk­tiven wurden gehört, trotzdem fühlte er sich, wie er später zugab, ziem­lich ohn­mächtig. Gleich­wohl nahm auch dieser Abend ein gutes Ende. Simeone sah durch die Glas­scheibe, wie Arda Turan auf der Nord­seite des Sta­dions locker ein­schoss. Vater und Sohn fielen sich in die Arme und ver­ließen nach dem Schluss­pfiff glück­lich die Loge. Giu­liano trug ein rot-weiß gestreiftes Atlé­tico-Trikot, Diego natür­lich schwarz.

Loya­lität, Ver­bind­lich­keit, Zusam­men­ge­hö­rig­keit


Die Familie ist Simeone wichtig. Er esse jeden Tag mit seinen Kin­dern, sagt er. Was nicht weiter bemer­kens­wert wäre, würde nicht ein Groß­teil der Familie in Argen­ti­nien leben. Doch wenn es Zeit fürs Abend­essen ist, sitzt Simeone per Skype mit am Tisch. Ein iPad als Vater. Kurze Momente, die umso mehr wert­ge­schätzt werden. Als Simeone Atlé­tico Madrid über­nahm, warnte er die Spieler, dass es keinen Müßig­gang geben werde, er würde sie jede Minute des Tages im Auge haben. Meine Familie ist schließ­lich nicht hier“, sagte er. Ich habe also nichts Bes­seres zu tun.“

Ande­rer­seits ist es gut so, wie es ist. Ich liebe Fuß­ball, und ich liebe meinen Beruf“, sagt Simeone. Selbst wenn seine Familie mit nach Madrid gezogen wäre, so hätte er ver­mut­lich weder abschalten können noch wollen. Ich schaue einen Film, und plötz­lich fällt mir etwas fürs nächste Wochen­ende ein und ich muss ans Telefon.“ Atlé­tico zu trai­nieren sei etwas, das ihn 24 Stunden am Tag“ beschäf­tige. Auch in den Tele­fo­naten mit der Familie geht es früher oder später unwei­ger­lich um Fuß­ball. Beides gehört zusammen, zumal Simeone das Spiel in fami­liären Begriffen inter­pre­tiert. Er redet von Loya­lität, Ver­bind­lich­keit, Zusam­men­ge­hö­rig­keit. Der erste Anruf, den Simeone nach Atlé­ticos Europa-League-Tri­umph 2012 tätigte, galt seinem Sohn. Wäh­rend die Spieler auf dem Rasen fei­erten, fingen ihn die Kameras mit dem Telefon am Ohr ein, auf der Suche nach ein wenig Ruhe in all dem Lärm in eine Ecke der Ersatz­bank gekauert. Hast du Fal­caos Tor gesehen?“ Natür­lich hatte er es gesehen.

Simeone meldet sich vor jedem Spiel. Wenn die Spieler sich warm­ma­chen, sitzt er allein in der Kabine und ruft zu Hause an. Bis Giu­liano nach Madrid kam, erle­digte er drei Anrufe, einen für jedes Kind drüben in Argen­ti­nien. Die Anrufe sind kurz, kaum mehr als ein paar Minuten, und sie sind Teil seines Rituals: die Ruhe vor dem Sturm. Für vier oder fünf Minuten bin ich ein nor­maler Mensch“, sagt er. Dann legt er auf und ist wieder Diego Simeone, Trainer von Atlé­tico Madrid.

Eines Tages komme ich zurück“

Diego Simeone, Trainer von Atlé­tico Madrid. Irgendwie hat er immer gewusst, dass es eines Tages so kommen würde. Einer der Anrufe vor dem Spiel gilt seinem Sohn Gio­vanni. Der ist 19 und spielt als Stürmer bei River Plate in Buenos Aires. Er kam in Madrid zur Welt, als sein Vater dort für Atlé­tico spielte, und begann mit dem Fuß­ball­spielen bei Rayo Maja­da­honda. Die Plätze von Rayo liegen kaum fünfzig Meter vom Trai­nings­ge­lände Cerro de Espino ent­fernt. Heute sind sie mit Kunst­rasen aus­ge­legt, aber damals war der Belag Schotter, und bei jedem Schuss wurden Staub und Stein­chen auf­ge­wir­belt. Es gibt noch Video­auf­nahmen von jenem Tag, als der neun­jäh­rige Gio­vanni das Team ver­ließ und ver­ab­schiedet wurde, der­weil Diego von der Tri­büne aus mit einem Kloß im Hals zusah. Am nächsten Tag waren die Rollen ver­tauscht. Gio­vanni stand neben seinem Vater auf dem Rasen des Cal­derón, das El Cholo mit Tränen, Ban­nern und Gesängen Lebe­wohl sagte.

Es war bereits Simeones zweiter Abschied von Atlé­tico. Er hatte für andere Ver­eine gespielt, sieben ins­ge­samt, doch nir­gendwo hatte er eine solche Ver­bun­den­heit gespürt wie hier. Jetzt ist er zum dritten Mal bei diesem Klub und das Band ist fester als je zuvor. Als er den Verein sei­ner­zeit als Spieler ver­ließ, sagte er, er wisse, dass er eines Tages zurück­kommen werde. Am 3. Januar 2012 war es soweit.

Atlé­tico machte gerade wieder eine Krise durch, war Tabel­len­zehnter und soeben vom Dritt­li­gisten Alba­cete aus dem Pokal geworfen worden. Miguel-Angel Gil Marin, der Prä­si­dent, Mehr­heits­eigner und Sohn des berüch­tigten, 2004 gestor­benen Jesús Gil y Gil, hatte seit 1996 sech­zehn Trainer ange­heuert und im Schnitt vier­zehn neue Spieler pro Saison ver­pflichtet. Vom Vor­stand über die Profis bis zu den Fans war der Klub tief zer­stritten. Oder wie Kapitän Gabi es aus­drückt: Wir waren mental am Ende.“

Es konnte nur einen für diesen Job geben


Ich weiß nicht, ob Simeone der Ein­zige war, der uns hätte retten können“, sagt Gabi weiter, aber er brachte die besten Vor­aus­set­zungen mit.“ Nie­mand sonst hätte den Verein so zusam­men­führen können, wie Simeone es tat. Nie­mand sonst brachte die mora­li­sche Auto­rität dafür mit. Es war eine popu­läre und auch eine popu­lis­ti­sche Wahl. Wir brauchten jemanden, der die Spieler an die Kan­dare nahm und den Fans den Glauben zurückgab“, räumt Sport­di­rektor José Luis Cami­nero ein. Sie brauchten auch jemanden, der den Druck vom Prä­si­dium nahm, auf das sich die Wut der Anhänger kon­zen­trierte. Nie­mand hätte das so ver­mocht wie Diego Simeone.

Am Morgen seines ersten Tages wurde in den Zei­tungen der Tag des Cholo“ aus­ge­rufen. Vor dem Anpfiff war Simeone von einer ganzen Meute Foto­grafen umringt und das ganze Sta­dion sang: Olé, olé, olé, Cholo Simeone!“