Seite 2: Ein spektakuläres Spiel – ohne Publikum

Doch das spek­ta­ku­lärste Spiel seiner Schieds­rich­ter­kar­riere fand in gewisser Weise erst statt, nachdem Blan­ken­stein offi­ziell in den Ruhe­stand getreten war. Besagte Partie ging auf den hol­län­di­schen Trainer Jan Rekers zurück, dessen größter Erfolg der Meis­ter­titel 1985 mit PSV Eind­hoven gewesen war. Im Jahre 1996 schlug jener Rekers dem Ver­band vor, ein ganz beson­deres Test­spiel abzu­halten. Getestet werden sollten dabei nicht Spieler oder Trainer oder Unpar­tei­ische – son­dern die moderne Tech­no­logie.

Die Partie wurde im Winter 1996 in Eind­hoven aus­ge­tragen. Unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit trat ein Team mit hol­län­di­schen Profis aus den drei Top­klubs Ajax, PSV und Feye­noord gegen eine Aus­wahl von aus­län­di­schen Spie­lern der Ehren­di­vi­sion an. Zwar waren keine Zuschauer zugegen, trotzdem wurde jeder Schritt der Sportler beäugt. Ins­ge­samt 18 Kameras filmten das Geschehen und schickten die Bilder in einen Regie­raum auf der Tri­büne. Dort saß John Blan­ken­stein und über­prüfte als erster VAR der Geschichte das Geschehen auf dem Rasen. Er konnte jeder­zeit mit Haupt­schieds­richter Jaap Uilen­berg in Kon­takt treten, denn dieser war kom­plett ver­ka­belt.

Kick aus der Zukunft

Das ist in diesem Fall wört­lich zu ver­stehen, denn die von der hol­län­di­schen Trai­ner­ver­ei­ni­gung als Weds­trijd van de toe­komst“ ange­kün­digte Partie würde selbst heute noch als Wett­kampf der Zukunft“ durch­gehen. So war Uilen­bergs Stoppuhr mit der Sta­di­onuhr gekop­pelt, die bei jeder län­geren Unter­bre­chung ange­halten wurde. Im Gürtel des Referee befand sich ein Laser, der bei Frei­stößen den Abstand der Mauer auf den Zen­ti­meter genau anzeigte. Selbst den Ball kann man auch ein Vier­tel­jahr­hun­dert später noch futu­ris­tisch nennen, denn er war infrarot-reflek­tie­rend.

Dazu gab es – man möchte sagen: natür­lich – auch all die Dinge, an die wir uns inzwi­schen gewöhnen mussten. Als Alter­na­tive zur heu­tigen Tor­li­ni­en­technik waren kleine Objek­tive in Latte und Pfosten ein­ge­lassen, die Uilen­berg sofort Mel­dung machten, wenn der Ball die Linie über­querte. Und dank spe­zi­eller Kameras, die von aus­ge­bil­deten Bal­lis­ti­kern per­fekt posi­tio­niert worden waren, hatte VAR Blan­ken­stein bei Abseits­ent­schei­dungen jene weißen Hilfs­striche zur Ver­fü­gung, die wir kali­brierte Linien nennen.

Wir spre­chen hier doch schon noch über Fuß­ball, oder?“

Johan Cruyff

Zehn Tage vor Weih­nachten wurden die Ergeb­nisse des Expe­ri­ments auf einer Tagung in Brüssel prä­sen­tiert. Louis van Gaal äußerte sich begeis­tert über das Spiel, das die aus­län­di­schen Kicker 4:3 gewonnen hatten. Viel­leicht hat jetzt die Revo­lu­tion begonnen“, sagte er. Das Spiel ist zu schnell für das mensch­liche Auge geworden. Es werden immer mehr Spiele durch Fehler der Schieds­richter ent­schieden. Ich sage nicht, dass sie unfehlbar sein müssen. Aber neun von zehn Mal müssen sie schon recht haben.“ Auch Ronald Koeman, der bei der Partie mit­ge­spielt hatte, äußerte sich durchaus positiv, beson­ders gut gefiel ihm der Abstands­messer bei Frei­stößen. Ich ver­spreche mir so mehr Tore“, sagte er. Die Trai­ner­ver­ei­ni­gung for­derte der­weil, tech­ni­sche Hilfs­mittel schon zur EM 2000 zuzu­lassen, um für mehr Gerech­tig­keit zu sorgen.

Wenn 1996 alle so angetan waren, warum dau­erte es dann noch rund zwei Jahr­zehnte, bis Blan­ken­stein einen Nach­folger bekam? Nun, weil eben nicht alle so über­zeugt von der Zukunft waren. Vor allem ein Mann, dessen Wort sehr viel Gewicht hatte, sah die Sache kri­tisch. Ronald, du brauchst doch keinen Abstands­messer!“, rief Johan Cruyff. Rhe­to­risch fragte er in die Runde: Wir spre­chen hier doch schon noch über Fuß­ball, oder?“ Wie Falk Madeja in der Frank­furter All­ge­meinen Zei­tung“ schrieb: Cruyff, der die meiste Zeit den Kopf schüt­telte, hatte schon zur Hälfte der Ver­an­stal­tung genug gehört und ver­ließ seinen Platz im Podium.“ Im Grunde war damit jede Dis­kus­sion über den Video­be­weis beendet. Zumin­dest für eine ganze Weile.