Seite 2: Die Fans übersäuerten mit Klopp

Man muss das nicht als Ana­logie auf die moderne Exis­tenz lesen, die viele Fuß­ball­fans selbst führen. Aber man kann: Auch sie befinden sich in einer Pres­sing­ma­schine. Im BVB beju­belten sie sich lange auch selbst. Auch sie wollen Echte Liebe“ emp­finden bei dem, was sie tun, und sei es das Pro­gram­mieren einer sinn­losen App. Sie wollen von ihren Kol­legen geliebt werden und den­noch besser sein als sie. Sie wollen von ihrem Chef geliebt werden und hoffen, dass er sie statt mit einer chrom­glän­zenden Espres­so­ma­schine mit echtem Geld belohnt. Sie arbeiten, als gäbe es kein Morgen, in der vagen Hoff­nung, eines Tages in ruhi­gere Fahr­wasser zu wech­seln. Zu einer Art FC Bayern ihrer Branche. Statt­dessen kommt allzu oft der Tag, an dem es ein­fach nicht mehr geht. Man nennt das Bur­nout.

Ein Fuß­ball­verein erhält keine medi­zi­ni­sche Dia­gnose. Er kann sich nicht krank­schreiben lassen, der Spiel­plan duldet keine Ruhe­pause. Er holt statt­dessen einen neuen Trainer. Thomas Tuchel soll nun Jürgen Klopps Nach­folger werden, wie schon in Mainz. Klopp selbst wollte es so.

Seinen Abschied hat er am ver­gan­genen Wochen­ende mit Hans-Joa­chim Watzke und Michael Zorc in aller Freund­schaft beschlossen, ver­kündet werden sollte er jedoch erst nach dem Spiel gegen Pader­born am kom­menden Samstag. Doch dann hätte Tuchel schon vom Markt sein können, also schuf man Fakten. Tuchel ist ein Typ wie Klopp, ein Typ, der im roten Bereich arbeitet, redet, denkt, lebt, duscht, schläft. Man sieht den Tag kommen, an dem es auch bei ihm nicht mehr geht. Über­rascht sein wird man natür­lich trotzdem. 

Jürgen Klopp will sich jetzt erst einmal frei nehmen. Er hat es sich ver­dient. Sein Hurra-Fuß­ball, sein Hurra-Coa­ching, seine ganze Hurra-Art haben die Liga berei­chert. Dass man mit ihm über­säu­erte, als im Laufe des letzten halben Jahres seine Schwie­rig­keiten, mit Nie­der­lagen umzu­gehen, allzu augen­fällig wurden und sein Humor ins Bra­chiale oszil­lierte – geschenkt!

Wird Tuchel das Feuer noch einmal ent­fa­chen können? 

Es wird span­nend sein zu sehen, wie der BVB ohne Klopp fort­lebt. Wird Tuchel das Feuer noch einmal ent­fa­chen können? Findet er die Spieler, die mit ihm durch dieses Feuer gehen wollen und können? Oder ist die Stra­tegie der anderen Borussia aus Mön­chen­glad­bach lang­fristig erfolg­rei­cher: lieber den Ball laufen zu lassen als die Spieler, lieber aufs Hirn zu hören als aufs Herz, lieber eine grund­so­lide Ehe zu führen als sich an echter Liebe“ zu berau­schen?

Am ver­gan­genen Wochen­ende verlor der BVB in Glad­bach mit 1:3. Als Ciro Immo­bile in der 87. Minute weit übers Tor schoss, schmun­zelte Jürgen Klopp an der Sei­ten­linie. Er sah sehr müde aus.