Der Hol­länder Johan Cruyff wurde eher unfrei­willig zum kata­la­ni­schen Volks­helden. Im Früh­jahr 1974, nur wenige Monate nach seinem Umzug nach Bar­ce­lona, stellte sich heraus, dass seine hoch­schwan­gere Frau Danny einen Kai­ser­schnitt brau­chen würde. Sie ver­traute den ört­li­chen Kran­ken­häu­sern jedoch nicht und kehrte des­halb nach Ams­terdam zurück, wo sie einen gesunden Jungen zur Welt brachte. Die Cruyffs gaben ihm einen Namen, den sie in Spa­nien auf­ge­schnappt hatten und der ihnen gefiel: Jordi. Erst bei ihrer Rück­kehr nach Bar­ce­lona wurde ihnen klar, welche Bedeu­tung diesem ver­meint­lich unschul­digen Akt bei­gemessen wurde.

Es waren die letzten Tage von Francos faschis­ti­scher Dik­tatur. In Bar­ce­lonas zen­tralem Gefängnis Modelo wurde nur drei Wochen nach Jordi Cruyffs Geburt der kata­la­ni­sche Anar­chist Puig Antich mit einer Gar­rotte hin­ge­richtet, einem mit­tel­al­ter­li­chen Würg­eisen, das sich wäh­rend der Inqui­si­tion unter Scharf­rich­tern beson­derer Beliebt­heit erfreut hatte. Franco hatte sich inter­na­tio­nalen Auf­rufen zu einer Begna­di­gung stur ent­ge­gen­ge­stellt. Kata­la­ni­sche Par­teien waren in diesen fins­teren Zeiten ebenso ver­boten wie die rot-gelbe Fahne und die Sprache der Kata­lanen. Und nicht zuletzt war es bei Strafe ver­boten, ein Kind nach ihrem Schutz­pa­tron Sant Jordi zu benennen.

Zu domi­nant für Ajax

Unter Francos Schre­ckens­herr­schaft war der FC Bar­ce­lona zum Asyl für die kata­la­ni­sche Iden­tität geworden. Johan Cruyff dürfte davon jedoch wenig geahnt haben, als er im Herbst 1973 als teu­erster und bester Spieler der Welt von Ajax Ams­terdam kam. Iro­ni­scher­weise war es jedoch gerade ein Übermaß an Demo­kratie, das den Wechsel erst bewirkt hatte: Cruyffs Domi­nanz miss­fiel vielen seiner Mit­spieler, und sie setzten ihn schließ­lich im August 1973 als Ajax-Kapitän ab. Tief getroffen ent­schloss er sich, den Klub zu ver­lassen.

Schon allein die Tat­sache, dass Cruyff bei Bar­ce­lona unter­schrieb, wurde als ein Zei­chen des Wan­dels gedeutet: Die Domi­nanz Real Madrids, das eben­falls um das Genie gebuhlt hatte, schien zu brö­ckeln. Bei seiner Ankunft begrüßten ihn am Flug­hafen Tau­sende von Fans in rot-blauen Shirts mit seiner Nummer 14. Sofort beein­flusste er auch das Geschehen auf dem Feld. Er inspi­rierte Mit­spieler wie Juan Manuel Asensi und Carles Rexach zu Höchst­leis­tungen, und Barca, das lange Jahre höl­zern und sta­tisch gespielt hatte, wurde plötz­lich unwi­der­steh­lich. Am 17. Februar 1974, acht Tage nach Jordis Geburt, spielte Cruyff seinen ersten und besten Cla­sico und führte die Kata­lanen zu einem umju­belten 5:0‑Auswärtssieg beim Erz­ri­valen Real. Das Spiel wird bis heute als das Ende von Bar­ce­lonas Min­der­wer­tig­keits­ge­fühlen gegen­über den Madri­lenen gewertet. Am Ende dieser denk­wür­digen Saison wurde der Verein zum ersten Mal seit 14 Jahren wieder spa­ni­scher Meister.

Der Gang zum Stan­desamt

Dies war also in etwa das Klima, in wel­chem Johan Cruyff zum Stan­desamt ging, um die spa­ni­schen Behörden über die Geburt und den Namen seines Sohnes in Kenntnis zu setzen. Wir fanden den Namen Jordi ein­fach schön, weil man ihn in Hol­land nicht kannte“, sagte er später. Doch der Beamte beharrte darauf, dass der Junge so nicht heißen könne, weil dies kein spa­ni­scher Name sei. Ich sagte ihm dar­aufhin: ›Hier sind die hol­län­di­schen Papiere und sein hol­län­di­scher Pass mit dem Namen Jordi drauf. Nehmen Sie sie ein­fach und machen Sie sich eine Kopie! Ihr Pech! Er heißt Jordi, ob es Ihnen gefällt oder nicht.‹ Wenn Leute mir sagen wollen, dass ich etwas nicht tun könne, dann bin ich nun mal umso über­zeugter, es zu tun.“ Cruyffs Dick­köp­fig­keit wurde als pro­ka­ta­la­ni­sche Geste inter­pre­tiert – und ging als solche direkt in die Herzen der Barca-Fans.

Nichts, was Cruyff als Barca-Spieler noch errei­chen sollte, kam an die sport­li­chen und mensch­li­chen Tri­umphe dieser ersten Saison heran. Doch die erste Saat jener wun­der­baren Orchidee, die wir heute Tiki-Taka nennen, war aus­ge­bracht. 1988, zehn Jahre nach seinem letzten Spiel für Barca, kehrte Cruyff zu dem Klub und der Stadt zurück, die ihr Herz an ihn ver­loren hatten, diesmal als Trainer. Vieles hatte sich in seiner Abwe­sen­heit ver­än­dert: Nach Francos Tod im November 1975 war die Demo­kra­ti­sie­rung in Spa­nien rasch fort­ge­schritten, und die Barca-Fans holten nach, was ihnen all die Jahre zuvor ver­wehrt gewesen war. Das Euro­pa­po­kal­fi­nale 1979 in Basel gewann die Mann­schaft in einem Sta­dion, in dem überall die einst ver­bo­tenen gelb-roten Flaggen geschwenkt wurden. Hans Krankl, der auf Cruyffs alter Posi­tion spielte, schoss das Siegtor.

In der Fol­ge­zeit kam und ging eine Reihe nam­hafter Trainer und Spieler, ohne jedoch den ganz großen Erfolg zu bewerk­stel­ligen. Dar­unter der alternde Catenaccio-König Helenio Her­rera, der Argen­ti­nier César Luis Menotti, Diego Mara­dona und Bernd Schuster. Wäh­rend­dessen hatte Cruyff einige Jahre in den USA ver­bracht, war zu seinen hol­län­di­schen Wur­zeln zurück­ge­kehrt und hatte sich zu einem radi­kalen Trainer ent­wi­ckelt. Das Muster hierfür war seit 1981 bei Ajax Ams­terdam ent­standen, wo er eine moderne Ver­sion von Rinus Michels’ Totaal­voetbal ent­wi­ckelt und der Jugend­ar­beit seinen Stempel auf­ge­drückt hatte, um Spieler für die erste Elf her­an­zu­ziehen. In dieser Zeit för­derte er Aus­nah­me­könner wie Marco van Basten, Frank Rij­kaard und Dennis Berg­kamp.

Cruyffs Kern­idee gegen Sac­chis Hybriden

Der nie­der­län­di­sche Autor Arthur van den Boo­gaard sagt, dass Cruyffs System die meta­phy­si­sche Lösung des Fuß­balls“ dar­stelle: Ein Team mit intel­li­genten, tech­nisch ver­sierten, räum­lich den­kenden Spie­lern, die passen und Pres­sing spielen können, als wären es kör­per­liche Grund­funk­tionen, sei kaum noch zu besiegen. 1988 brachte Cruyff dieses neu­ar­tige Denken zum FC Bar­ce­lona – just als in Ita­lien Arrigo Sacchi, ein anderer Anhänger der Michels-Schule, aus dem AC Milan einen hol­län­disch-ita­lie­ni­schen Hybriden formte. Sac­chis Mann­schaft wurde um drei von Cruyffs Schütz­lingen herum auf­ge­baut (Van Basten, Rij­kaard und Ruud Gullit, mit dem Cruyff noch zusam­men­ge­spielt hatte). Sie sollte Europa für ein paar Jahre domi­nieren – doch Cruyffs Ver­mächtnis bei Barca würde sich als bestän­diger her­aus­stellen.

Maß­geb­lich war seine Umstruk­tu­rie­rung der Jugend­aka­demie La Masia“ nach dem Vor­bild des Ajax-Inter­nats. Danach wid­mete er sich dem Aufbau eines neuen Teams, dessen tra­gende Säule ein ein­hei­mi­scher Junge namens Pep Guar­diola war. Zwar gab es nur zwei Kata­lanen in der Elf, die 1992 den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister gewann, Guar­diola und Albert Ferrer. Doch der Tri­umph löste trotzdem unbän­dige Freude in ganz Kata­lo­nien aus. Die Zei­tung El Periodico“ ver­kün­dete: Es gibt einen Gott, und Johan Cruyff ist sein Pro­phet, sein Bote, sein Kol­lege – oder in jedem Fall sein Freund.“

Der Spi­ritus Rector

Auch nach dem Ende seiner Trai­ner­tä­tig­keit im Jahre 1996 blieb Cruyff in der Stadt und wurde hinter den Kulissen des Ver­eins zu einem ein­fluss­rei­chen Spi­ritus Rector. Er ist noch immer ein Volks­held, beson­ders für die Älteren unter den Fans – nicht zuletzt, weil er sich immer wieder als äußerst geschickt darin erweist, die kata­la­ni­schen Fuß­ball­be­find­lich­keiten zu arti­ku­lieren, und in seinen Zei­tungs­ko­lumnen vir­tuos über den Wider­sa­cher Real Madrid schimpft. Auf der anderen Seite ist er erstaun­lich ent­spannt, was den kata­la­ni­schen Stolz angeht. 2006 wurde ihm für seine Ver­dienste die renom­mierte Medaille Creu de Sant Jordi“ ver­liehen, doch dem Festakt blieb er zur Ent­täu­schung des Komi­tees fern.

Was ihn wirk­lich inter­es­siert, ist und bleibt der Fuß­ball. Er unter­stützte und beriet den Rechts­an­walt Joan Laporta und half ihm 2003 dabei, zum Barca-Prä­si­denten gewählt zu werden. Zudem über­zeugte er den Klub davon, seinen alten Schüler Frank Rij­kaard als Trainer ein­zu­stellen. Dieser stellte ein Dream Team nach Cruyff­schem Muster zusammen und gewann 2006 die Cham­pions League.

2009 über­nahm Johan Cruyff als Trainer die kata­la­ni­sche Fuß­ball­aus­wahl, die in unre­gel­mä­ßigen Abständen Freund­schafts­spiele bestreitet. Die Beru­fung in das sym­bol­träch­tige Amt erregte große öffent­liche Auf­merk­sam­keit, es gab neben allem Wohl­wollen gegen­über Cruyff auch den einen oder anderen leisen Pro­test, dass einem Mann, der auch nach Jahr­zehnten immer noch kein Katalan spricht, eine solche Ehre eigent­lich nicht zuteil werden dürfe. Das Spiel gegen Nigeria im Januar 2013 war ohnehin sein letztes. Viel­leicht beruht seine Ent­schei­dung auf dem Bewusst­sein, dass die Musik längst woan­ders spielt: Das eigent­liche Natio­nal­team Kata­lo­niens ist heute der FC Bar­ce­lona, der meist­be­wun­derte Klub der Welt, dessen Taktik und Spieler die Basis für den welt­be­herr­schenden spa­ni­schen Fuß­ball stellen.

Cruyff hat uns die Kathe­drale erbaut“

In Zeiten des Tiki-Taka ver­ehren die Barca-Fans heute ihre urei­genen kata­la­ni­schen Helden wie Carles Puyol, Xavi Her­nandez und Andres Iniesta: ein­hei­mi­sche Stars, die ihre Fuß­ball­aus­bil­dung in La Masia“ erhielten, jenem Internat, das Johan Cruyff einst revo­lu­tio­nierte. Der größte und belieb­teste unter ihnen ist immer noch Pep Guar­diola, geboren in Sant­pedor unweit von Bar­ce­lona, der als Trainer neue Dimen­sionen von Schnel­lig­keit, Inten­sität und Stil erreicht und der besten Barca-Mann­schaft aller Zeiten den Fein­schliff ver­passt hat. Doch Guar­diola selbst, ganz demü­tiger Schüler, legt größten Wert darauf, die Ver­dienste seines hol­län­di­schen Lehr­meis­ters zu wür­digen – um ihn, den Klub und ganz Kata­lo­nien. Cruyff hat uns die Kathe­drale erbaut“, sagt Pep Guar­diola. Wir erhalten sie nur.“