Seite 2: „Auswärts triffste alle Leute“

Walli sitzt mit dickem Pull­over und Lese­brille auf ihrer Couch und lacht ver­gnügt in sich hinein. Auch im gesetzten Alter hat sie sich ein Stück lie­be­voller Reso­lut­heit bewahrt, aus ihren Tagen als Kell­nerin in der Ver­eins­kneipe. Ganz früher, sagt sie, ver­ehrte sie Albert Brülls, Borus­sias Helden aus den Sech­zi­gern. Ich war Groupie, steh ich zu.“ Lockere Sprüche hat sie mehr auf Lager als Auf­näher auf ihrer Kutte. Vor einigen Monaten sagte sie in einer TV-Doku über den UEFA-Pokal­sieg: Dat war supper, dat Spiel. Vier Tage besoffen.“ Der Radio­sender 1 Live ver­brei­tete den Audio­schnipsel in seinen O‑Ton-Charts, wo sonst Fehl­tritte aus Rea­lity-Soaps aus­ge­kostet werden. Da hatten einige lang­jäh­rige Borussen-Fans die Sorge, ihre Walli werde der all­ge­meinen Belus­ti­gung preis­ge­geben. Dabei ist sie viel­mehr als die Frau mit den lus­tigen Sätzen.

200 Fans kommen zum 80. Geburtstag

Walli hat das Fan­pro­jekt in Glad­bach mit auf­ge­baut und im Laufe der Jahr­zehnte vielen Jugend­li­chen mit unge­raden Bio­gra­fien auf ihre direkte Art geholfen. Sie ist die­je­nige, die aus­nahmslos von allen Grup­pie­rungen der Fan­szene respek­tiert wird. An ihrer Wohn­zim­mer­wand hängen etliche Urkunden sowie Gruß­karten von Fan­klubs. Eine ist über­schrieben mit: Zum 70. für Walli – Engel der Chaoten.“ Direkt daneben prangt ein gerahmtes Trikot mit der Rücken­nummer 80. Zu ihrem 80. Geburtstag standen 200 Leute am Fan­haus für sie Spa­lier, zün­deten Wun­der­kerzen und auch das in Fan­kreisen etwas gebräuch­li­chere Leucht­mittel. Allein diese Party zeigte ihren beson­deren Stel­len­wert. Denn ihr Geburtstag fand nicht an einem x‑beliebigem Tag statt, son­dern an Hei­lig­abend. Wenn Borussia aus­wärts spielt, kennt Walli den halben Block. Aus­wärts“, sagt sie, is schön. Da triffst de alle Leute wieder.“

Damit könnte man sich von ihr ver­ab­schieden. Aber eine Sache ist da noch. Walli sagt: Det kanns rin schreiben.“ Alle seien zu feige, mal öffent­lich Uwe Kamps und Max Eberl anzu­zählen. Ihre Freunde von den Aus­wärts­touren sagten: Jetzt, wo sie von einem Fuß­ball­ma­gazin besucht werde, solle sie das mal sagen. Traust dich nicht“, meinte einer. Das sollte mal einer über Walli sagen.

Gerade des­wegen soll die Kritik unbe­dingt in den Bericht rein. Manager Max Eberl habe ver­gessen, Ersatz für Oscar Wendt ein­zu­kaufen. Der arme Kerl müsse die ganze Saison durch­spielen. Und Tor­wart­trainer Kamps habe schon als Spieler zu lange auf der Linie ver­harrt, sein Schütz­ling Yann Sommer würde nun den glei­chen Fehler machen. Der kann nich raus­laufen! Nie!“ So. Ist notiert. Aber soll das wirk­lich geschrieben werden? Immerhin ist Uwe Kamps eine Legende bei Borussia … Walli wirft die Hände durch die Luft. Lejende, Lejende. Wir sind Borussia Mön­chen­glad­bach. Wir habe hun­derte Lejenden!“ Das stimmt. Und manche standen sogar gar nie auf dem Platz. Son­dern fahren hun­derte Kilo­meter auf Aus­wärts­reise. Mit 82 Jahren.