Was hatten sie in Nürn­berg die Ente ver­misst. Die Fans am Valz­ner­weiher atmeten auf, als sie aus der Ent­fer­nung den unver­wech­sel­baren Wat­schel­gang am Trai­nings­platz erblickten. Ente“, so nennen Mit­spieler und Zuschauer hier Timothy Chandler. Er hatte sich im Februar mitten im Abstiegs­kampf einen Menis­kus­riss zuge­zogen, mit seinen ersten chap­linesken Schritten zurück auf den grünen Rasen im April ver­brei­tete er Zuver­sicht. Wer hätte gedacht“, sagten sie im Pod­cast der Fans, dass wir Timothy Chandler einmal so schmerz­lich ver­missen würden?“

Doch es waren nicht nur die dyna­mi­schen Flan­ken­läufe auf der rechten Seite, die dem 1. FC Nürn­berg durch das Fehlen von Chandler abgingen. Wenn einer Mann­schaft eta­blierte Stamm­kräfte fehlen, dann ja nicht nur auf dem Platz, son­dern auch in der Kabine. Chandler ist mit einem Gemüt gesegnet, dass selbst seinen Natio­nal­trainer Jürgen Klins­mann wie einen mies gelaunten Zoll­be­amten wirken lässt. Der Abstiegs­kampf hin­gegen ist in der Regel sehr trist und spaß­be­freit, mit stei­gender Beschäf­ti­gungs­rate für Psy­cho­logen und Geist­heiler. Da kann jemand wie Chandler allein mit seinen Sprü­chen und Gri­massen einer Mann­schaft die ver­lo­ren­ge­gan­gene Locker­heit zurück­geben.

Wel­chem Land fühle ich mich zuge­hörig?

Doch Chandler ver­brachte nun mal die meiste Zeit der Rück­runde in der Reha, bei den Heim­spielen saß er immerhin auf der Bank der Ver­letzten. Und weil diese in dieser Spiel­zeit bei den Nürn­ber­gern die per­so­nelle Stärke eines Mini-Fan­blocks ange­nommen hatte, schwang sich Chandler zum Ein­peit­-scher auf. FCN, Liebe, Glaube, Lei­den­schaft“, stimmte er da den Fan­ge­sang an, manchmal mit Krü­cken in der Hand, und rüt­telte an den Jacken seiner Neben­leute. Er ani­mierte sie zum Mit­hüpfen, Mit­klat­schen und Mit­singen. Seine Mit­spieler auf dem Feld feu­erte er an, die Bewe­gungen der geg­ne­ri­schen ahmte er nach, bis diese ihm einen eisigen Blick vom Feld aus zuwarfen. Chandler amü­sierte sich dar­über köst­lich.

Man muss diese Eigen­schaften kennen, um seine Ent­schei­dung zu ver­stehen. Die Ent­schei­dung, für wel­ches Land er spielen soll. Sein Vater ist Ame­ri­kaner, seine Mutter Deut­sche. Es ging bei dieser Ent­schei­dung nicht nur um sport­liche Per­spek­tiven, son­dern um grund­sätz­liche Fragen. Wel­chem Land fühle ich mich zuge­hörig? Und wel­cher Men­ta­lität?

Die USA, ein Land in der Ferne

Wenn man Chandler fragt, was an ihm ame­ri­ka­nisch sei, dann sagt er: Ich esse gerne Burger.“ Er lacht und fügt an: Ich glaube, dass meine Ein­stel­lung zum Leben schon sehr ame­ri­ka­nisch ist. Ich nehme die Dinge locker und genieße ein­fach jeden Tag.“ Schon bei seinen ersten Nomi­nie­rungen für die US-Aus­wahl bemerkte er die Unter­schiede. In den deut­schen Mann­schaften gab es feste Sitz­ord­nungen, bei den Ame­ri­ka­nern nahm jeder irgendwo Platz. Er konnte mit jedem Mit­spieler seine Scherze treiben. Chandler fühlte sich ver­bunden.

Doch er war sich wei­terhin nicht sicher. Da er nur Freund­schafts­spiele für die USA bestritten hatte, war eine Nomi­nie­rung für die deut­sche Aus­wahl immer noch mög­lich. Für Deutsch­land war er in der U17 am Ball gewesen, danach hatte sich der DFB nicht mehr gemeldet. Die USA buhlten um ihn, doch es blieb auch ein Land in weiter Ferne.

Chandler war bis zu seinem siebten Lebens­jahr in einer ame­ri­ka­ni­schen Kaserne in der Nähe von Frank­furt groß geworden, besuchte einen ame­ri­ka­ni­schen Kin­der­garten, spielte Bas­ket­ball statt Fuß­ball. Dann trennten sich seine Eltern, er blieb mit seinen beiden Geschwis­tern bei seiner deut­schen Mutter. Es war sein deut­scher Groß­vater, der ihm das Fuß­ball­spielen bei­brachte, ihn zum Trai­ning und zurück fuhr. Zu seinem ame­ri­ka­ni­schen Vater wollte Chandler keinen Kon­takt mehr. Das ist bis heute so. Mit Ein­tracht Frank­furt war er mal auf einem Nach­wuchs­tur­nier in Texas. Es blieb wäh­rend seiner Jugend Chand­lers ein­ziger Besuch in den Staaten.

Der Ton wurde scharf

Als Jürgen Klins­mann ihn in den ver­gan­genen Jahren für die WM-Qua­li­fi­ka­tion nomi­nierte, sagte er ab. Ich wollte mich damals erst um den FCN küm­mern, dann um die Natio­nal­mann­schaft“, sagt er. Er brauchte Ruhe statt Rei­sestress. Doch in den Augen der Ame­ri­kaner hielt er sie nur hin und war­tete auf einen Anruf vom DFB. Nicht nur Fans, son­dern auch Jour­na­listen fühlten sich in ihrem Stolz ver­letzt.

Sein Name ist fast ein ver­bo­tenes Wort bei den Offi­zi­ellen. Chandler ist der Spieler, der am meisten pola­ri­siert“, urteilte ESPN. Fox­Soccer meinte gar: Wenn er nicht auf­passt, dann hat er bei der WM mehr Ruhe, als er sich je vor­stellen konnte. Dann kann er sowohl Deutsch­land als auch die USA im Fern­sehen schauen.“ Der Ton wurde scharf.

Es ist wie eine Familie!“

Chandler redete mit seiner Familie. Seine Mutter und seine Geschwister rieten ihm zu den USA. Auch sein Mit­spieler Marvin Plat­ten­hardt, mit dem Chandler fast jeden Tag ver­bringt, sah das so. Schließ­lich bemühten sich Klins­mann und sein Vor­gänger sehr um ihn, anders als der DFB. Er hatte mit den USA die Chance auf die WM. Und da war schließ­lich der Umgang der Spieler unter­ein­ander, diese Locker­heit. Chandler sagt: Es ist wie eine Familie.“

Der Ein­peit­scher braucht Ver­trauen. Im Februar 2013 absol­vierte Chandler sein erstes Pflicht­spiel für die USA. Dafür war er vier Tage unter­wegs. Von Nürn­berg nach Mün­chen, dann nach Miami ins Team­hotel und eine Vier­tel­stunde später zum Flieger nach Hon­duras, Spiel, Hotel, das Ganze noch einmal zurück. Ohne viel Schlaf und mit Jetlag kam Chandler zurück. Die Laune hatte das nicht getrübt, sein Kom­mentar: So sieht man eben viel von der Welt.“