Seite 2: Als bröckle ihm ein Ytong aus der Fontanelle

Er nahm es hin. Sto­isch. Spielte sein Spiel. Machte seine Tore. Als 1994 im Angriff der Natio­nalelf Not am Mann war, sprang er ein. Als sich nach der kläg­li­chen EM 2000 alle DFB-Bosse fra­gend anschauten, wer in der blei­ernen Zeit im Hand­streich bes­sere Stim­mung in und um die Mann­schaft ver­breiten könne, blickten alle Augen­paare plötz­lich auf ihn – und wieder quatschte er nicht lang, son­dern machte. 

Seine Amts­zeit als DFB-Team­chef schärfte Völ­lers öffent­li­ches Profil. Nach einem Remis in Island 2003 fuhr er im ARD-Studio aus der Haut. Er hatte dabei die­selben Zor­nes­falten auf der Stirn, die­selbe vor Wut schnau­bende hoch­ge­zo­gene Nase wie damals 1990 im San Siro, als Rij­kaard ihn bespuckt hatte. Doch diesmal ließ er uns daran teil­haben, wie es klingt und vor allem was es bedeutet, wenn ein’n Rudi Völler mal so richtig sauer ist. Am Ende aber ent­schul­digte er sich brav bei Wal­demar Hart­mann, den er soeben unab­sicht­lich zur Weiß­bie­rikone beför­dert hatte – und nuschelte sich char­mant aus dem cho­le­ri­schen Anfall. 

Heute haut er auch mal auf den Tisch

Der Zwi­schen­fall jedoch machte jedem deut­lich, dass hinter der son­nigen Fas­sade des Hoch­an­stän­digen doch ein ehr­gei­ziger Sportler und erfolgs­ver­wöhnter Frei­geist lauert. Als in die Jahre gekom­mener Sport­di­rektor bei Bayer 04 kas­teit er sich inzwi­schen nicht mehr ganz so mön­chisch wie zu frü­heren Zeiten. Wenn seinem Klub Unrecht wie­der­fährt, haut Völler heute auch mal so heftig auf den Tisch, dass der Betrachter vor dem TV fürchtet, der längst natur­graue Minipli könne ihm wie ein Ytong-Stein aus der Fon­ta­nelle brö­ckeln.

Ansonsten aber bietet er in Inter­views nach wie vor nur über­schaubar Angriffs­fläche. Als der Kicker“ den Jubilar ver­gan­gene Woche nach Bon­mots aus seiner Kar­riere löcherte, gab er die gewohnt aus­wei­chenden Ant­worten à la Früher haben wir auch mal ein Späß­chen mehr gemacht als die Jungs heute!“ Als der Autor dieses Bei­trags ihn im Jahr 2001 als Bun­des­trainer zum Inter­view traf, lau­tete seine häu­figste Ant­wort, egal, ob es um Rot­wein, um das erste Date mit seiner heu­tigen Gattin oder die lus­tigste Party im Natio­nal­elf­kon­text ging: Sorry, hab’ ich ver­gessen!“

Im kleinen Kreis eine berüch­tigte Anek­do­ten­ma­schine

Dabei weiß jeder Jour­na­list, der ihn im infor­mellen Kreis erlebt hat, dass Völler eine berüch­tigte Anek­do­ten­ma­schine sein kann, die mit foto­gra­fi­scher Genau­ig­keit vom Trai­nings­lager in Mexiko 1986, von den Tagen nach dem ver­schos­senen Kutzop-Elfer in Bremen oder von Ita­lien 1990 erzählen kann, als der Franz, frisch­ver­liebt wie er war, die Frauen im Team­hotel zuließ. Wer ihm in diesen Momenten zuhört, erlebt kein Natio­nal­hei­ligtum und auch keinen harm­losen Bau­sparer-Nach­barn, son­dern einen Men­schen, der mit großer Zufrie­den­heit auf ein erfülltes Berufs­leben zurück­schaut und sich sehr wohl bewusst ist, dass es sich um Erleb­nisse und Ereig­nisse han­delt, die für viele Men­schen von großer Trag­weite und von his­to­ri­scher Bedeu­tung sind. Nicht von unge­fähr lautet einer der bekann­testen Völler-Sätze: Welt­meister – das bist du für immer.“

Was also wünscht man einem wie ihm zum 60. Geburtstag? Einem, der auf den ersten Blick alles hat, was man sich wün­schen kann?

In bei­nahe zwanzig Jahren als Sport­di­rektor bei Bayer 04 hat der Klub fast immer im inter­na­tio­nalen Geschäft mit­ge­mischt. In Völ­lers Ägide sind viele Profis zu Natio­nal­spie­lern gereift. Einen Titel indes konnte der Klub, mit dem er längst ver­schmolzen ist, in dieser Zeit nie gewinnen. Vize­kusen halt. Wäre nicht die Corona-Krise dazwi­schen gekommen, hätte Bayer 04 mit einem Sieg über den Viert­li­gisten 1. FC Saar­brü­cken den Sprung ins DFB-Pokal­fi­nale schaffen können.

Unser Vor­schlag: Sollte der Cup in dieser Saison noch irgendwie zu Ende gespielt werden, wäre es doch eine irgendwie roman­ti­sche Vor­stel­lung, wenn das Olym­pia­sta­dion nach dem Schluss­pfiff im Finale in der Manier der Fischer-Chöre (nein, nicht Helene) für den beharr­lichsten Rotz­bremsen­träger der Nation anstimmen würde: Ein’n Rudi Völler, es gibt nur ein’n Rudi Völler. Ein’n Rudi Vööööölller…“ Es wäre kein Ständ­chen für irgendwen, es wäre eins für Rudi Völler. Und wer, wenn nicht er, hätte es sich ver­dient. Schließ­lich haben wir nur den Einen.