Einmal, im Herbst 2003, trat Oliver Kahn ziem­lich wütend vor das Mikrofon eines Repor­ters und ver­suchte eine 0:2‑Niederlage gegen den FC Schalke 04 zu erklären. Damals fand er jenes berühmte Resümee, das heute in jede Kreis­liga-Kabine oder Bun­des­liga-Sprü­che­samm­lung gehört: Eier“, sagte Kahn, wir brau­chen Eier.“ Er dachte dabei ver­mut­lich an sich und an Stefan Effen­berg, bel­lende Brust-raus-Kämpfer, Männer mit Nah­kampf­erfah­rung und einem Selbst­be­wusst­sein bis zum Mond – Typen mit Eiern eben. Die Sache war nur: Effen­berg spielte mitt­ler­weile in Doha, und er selbst, nun ja, alles konnte er auch nicht richten.
 
Der FC Bayern hatte danach eine Menge Spieler aus jener Eier-Kate­gorie in seinen Reihen: Mark van Bommel zum Bei­spiel. Michael Bal­lack, auch der. Und heute? Klar, eine Menge! Oder? Moment! Heute ist irgendwie alles anders. Denn Bay­erns Vor­zeige-Eier­mann ist nun­mehr ein fili­graner, zarter Junge, unauf­ge­regt, zurück­hal­tend, 20 Jahre jung, 1,80 Meter groß, Öster­rei­cher. Er heißt David Alaba. Hätte Kahn damals an einen sol­chen Spieler gedacht?
 
Alaba ist immer der Erste
 
Eine Szene aus dem März 2012. DFB-Pokal, Halb­fi­nale, Bayern gegen Mön­chen­glad­bach, Elf­me­ter­schießen. David Alaba legt den Ball auf den Punkt und nimmt Anlauf. Er ist der erste Schütze seines Teams. Ein kurzer Blick, ein strammer Schuss mit links ins rechte untere Eck, Marc-André ter Stegen hat keine Chance, 1:0.
 
Eine andere Szene, eben­falls 2012, drei Wochen später. Wieder ein Halb­fi­nale, dieses Mal Cham­pions League, Bayern gegen Real Madrid. Alaba ist wieder der erste Schütze seines Teams, wieder der­je­nige, der die erste Ansage macht. Ein kurzer Anlauf, ein Blick, Iker Cas­illas fliegt nach links, Alaba legt den Ball rechts rein.
 
David Alaba ist bei diesen Spielen 19 Jahre alt. Einer, der sich eigent­lich bei den Platz­hir­schen hinten anstellen müsste. Doch er ist der Spieler, der vor­neweg mar­schiert. Alaba ist und war immer der Erste.
 
Das fing schon in der Jugend an. Mit 14 Jahren durfte er für die öster­rei­chi­sche U19 auf­laufen, mit 15 stand er im Pro­fi­kader von Aus­tria Wien, mit 17 Jahren und 232 Tagen war er der jüngste Spieler, der jemals für den FC Bayern in einem Pflicht­spiel auf­lief. Im Dezember 2011 wurde er von den Trai­nern der öster­rei­chi­schen Bun­des­liga als bisher jüngster Spieler zu Öster­reichs Fuß­baller des Jahres“ gewählt. Und am 25. Mai wird er der erste öster­rei­chi­sche Fuß­baller sein, der in einem Cham­pions-League-Finale mit­spielt.
 
Die Angst vor der Rück­kehr
 
Viel­leicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn Jupp Heynckes nicht gewesen wäre. Viel­leicht würde David Alaba in diesen Tagen in irgend­einem Sins­heimer oder Zuzen­hau­sener Café mit Platz­deck­chen und Blick auf die Elsenz sitzen und sich ein biss­chen über den Rele­ga­ti­ons­platz freuen. Viel­leicht hockte er jetzt neben Daniel Wil­liams, Sven Schipp­lock oder Tobias Weis und würde dar­über nach­denken, wie man gegen Kai­sers­lau­tern gewinnen kann.
 
Denn damals, im Sommer 2011, wollte der nach Hof­fen­heim ver­lie­hene Alaba eigent­lich gar nicht zurück nach Mün­chen. Bei der TSG hatte er immerhin einen Stamm­platz, und mehr noch, er war so was wie ein Füh­rungs­spieler geworden, einer, auf den man sich ver­lassen konnte.
 
Und beim FC Bayern? Da war­tete das Super­star-Ensemble um Franck Ribery, Arjen Robben, Manuel Neuer, Philipp Lahm, Bas­tian Schwein­s­teiger, Thomas Müller und all die anderen. Wer war er schon?
 
Er war David Alaba, der Nach­wuchs­ki­cker aus Öster­reich, geboren und auf­ge­wachsen in Wien. Seine Mutter, eine Fili­pina, arbei­tete als Kran­ken­schwester. Wie sie war auch sein Vater George, ein Nige­rianer, 1984 nach Deutsch­land gekommen. Er fing an, Wirt­schafts­wis­sen­schaften zu stu­dieren. Später wurde oft behauptet, er lebe in poli­ti­schem Asyl, was aber nicht stimmte. Viel­mehr ver­dingte er sich als Musiker und lan­dete mit der Gruppe Two in One“ sogar einen öster­rei­chi­schen Chart-Hit.

Eines Tages nahm ihn sein Vater mit zum lokalen Klub SV Aspern, dort standen sie am Zaun und sahen den anderen Jungs beim Kicken zu, bis sein Vater irgend­wann fragte, ob sein Sohn nicht auch mal mit­spielen dürfe.
 
Er durfte. Und Ema­nuel Dahner, sein erster Jugend­trainer, war so begeis­tert, dass er den Jungen sofort beim Verein und dann beim Ver­band anmel­dete. Es gab Tage, da gab es in der F‑Jugend des SV Aspern nur eine Anwei­sung, und die lau­tete: Alle Bälle zu David!“ In seiner ersten Saison soll der Acht­jäh­rige über 90 Tore geschossen haben, und als er zwei Jahre später zu Aus­tria Wien wech­selte, weinte Dahner, denn er wusste, dass so einer nie wie­der­kommen würde.
 
Bei Aus­tria Wien traf Alaba seine nächsten För­derer. Da war Ralf Muhr, Leiter der Jugend­ab­tei­lung, der einmal im Focus“ sagte: Mir gefiel dieser Junge, der immer alles richtig machte.“ Das dachte sich auch Thomas Jane­schitz, zwi­schen 2002 und 2005 Trainer der zweiten Aus­tria-Mann­schaft. Er setzte Alaba erst­mals 2008 bei einem Zweit­li­ga­spiel gegen Red Bull Salz­burg II ein. Alaba war 15 Jahre alt. Die Partie ging ver­loren, trotzdem befand Jane­schitz die Leis­tung von Alaba als gut und das sagte er ihm nach dem Schluss­pfiff. Doch das wollte er nicht hören. Wir hatten ver­loren, und David will eben immer gewinnen.“

Er weiß nicht, dass er Ver­tei­diger ist“
 
Alaba machte fünf Spiele, und dann ging es nach Mün­chen. Hier traf er auf Louis van Gaal, noch so ein Fan von ihm. Zwi­schen­zeit­lich bügelte der General sogar Dis­kus­sionen um mög­liche Neu­ver­pflich­tungen mit dem Hin­weis ab: Wir haben Alaba“. Denn Alaba, dieser Wun­der­knabe, konnte vier Posi­tionen spielen. Er selbst sagte einmal, dass er am liebsten im Mit­tel­feld spiele. Louis van Gaal sah ihn aller­dings auf einer anderen Posi­tion: Er ist ein linker Ver­tei­diger, er weiß es nur noch nicht.“ Wie konnte er auch, er hatte diese Posi­tion noch nie zuvor gespielt.
 
Unter Van Gaal debü­tierte David Alaba am 10. Februar 2010 in einem Pokal­spiel gegen Greu­ther Fürth, bei dem ihm eine sehens­werte Vor­lage und auch sonst sehr viel gelang. Weiter ging es am 6. März 2010 in der Bun­des­liga. Der Gegner hieß 1. FC Köln, ein unspek­ta­ku­läres 1:1, Alaba durfte 18 Minuten ran. Van Gaal reichte das aller­dings, um ihn drei Tage später in der Cham­pions League über die kom­plette Spiel­zeit zu bringen, 90 Minuten gegen den AC Flo­renz. 17 Jahre alt war er da.
 
In der Saison folgten noch zwei Bun­des­li­ga­spiele und ein Kurz­ein­satz in der Cham­pions League. Und dann das Leih­ge­schäft mit Hof­fen­heim. Es ging nur um eines: spielen, spielen, spielen. So hatte es ja auch Philipp Lahm gemacht, als er einst als 19-Jäh­riger zum VfB Stutt­gart gewech­selt war, um zwei Jahre später als gestan­dener Bun­des­li­ga­spieler zurück­zu­kehren.

Doch froh, wieder hier zu sein.“
 
Und als er dort im Sommer 2011 saß, sah es zunächst nicht so aus, als würde er heim­kehren wollen. Bis, ja, bis Jupp Heynckes anrief. Was ihm der neue Trainer des FC Bayern ver­sprach, ist nicht über­lie­fert. Doch es über­zeugte Alaba. Schon nach wenigen Wochen sagte er: Jetzt bin ich doch froh, wieder hier zu sein.“
 
In Mün­chen staunen sie seitdem, wie viel ein so junger Spieler richtig machen kann, mit wel­cher Kon­stanz und Ver­bes­se­rungs­willen er agiert. In der Saison 2011/12 hat Alaba 30 Spiele gemacht, in der abge­lau­fenen Spiel­zeit, nach seiner Ver­let­zungs­pause zu Beginn, 23 Par­tien bestritten. So eine explo­sive Ent­wick­lung haben sie zuletzt bei Thomas Müller gesehen. Oder viel­leicht ist es noch länger her, bei Philipp Lahm.

Alaba gegen Barca
 
Eine andere Szene, April 2013, Cham­pions League, Halb­final-Rück­spiel, Bayern gegen den FC Bar­ce­lona. Es läuft die 48. Minute. David Alaba führt den Ball in er eigenen Hälfte am Fuß, dann ein Pass – und was für einer. Der Ball ist lange in der Luft, fliegt und fliegt, viel­leicht 50, wahr­schein­lich sogar 60 Meter. Dann nimmt Robben den Pass halb­rechts vor dem Tor auf. Eine typi­sche Robben-Situa­tion, er geht an seinem Gegen­spieler vorbei und drückt den Ball ins linke obere Eck. Bayern steht im Finale der Cham­pions League. Und Alaba?
 
Der jubelt ein biss­chen, dann zieht er sich um, setzt sich Kopf­hörer auf und geht an den Repor­tern vorbei zum Mann­schaftsbus, als wäre nichts gewesen.