Fran­ciszek Smuda blin­zelt in sich gekehrt in die Sonne. Polens Natio­nal­trainer scheint die Ruhe zu genießen, die im Trai­nings­lager im öster­rei­chi­schen Lienz herrscht. Smuda wollte in der Vor­be­rei­tung jeden Trubel ver­meiden, nur ein kleines, unauf­fäl­liges Schild an der West­ein­fahrt zur Stadt durften die Mar­ke­ting-Leute der Gast­ge­ber­stadt auf­hängen. Wel­come Polska Lienz Pre­pa­ra­tion Camp Uefa Euro 2012 steht darauf.

Smuda hat guten Grund dazu, sich und seine Mann­schaft so lange wie mög­lich in größt­mög­li­cher Abge­schie­den­heit auf diesen Sommer vor­zu­be­reiten. Spä­tes­tens mit dem Anpfiff des Eröff­nungs­spiels am heu­tigen Freitag gegen Grie­chen­land (18 Uhr, live in der ARD und im 11FREUNDE-Live­ti­cker), wird es äußerst tur­bu­lent für ihn zugehen: 2009 hat er den schwie­rigsten Job Polens über­nommen.

Und muss seither damit leben, nicht von allen als ganzer Pole akzep­tiert zu werden.

Abge­schottet für den großen Traum

Der 63-Jäh­rige ist in Ober­schle­sien geboren und Spät­aus­siedler. Man­cher Hard­liner nimmt ihm übel, dass er zwei Pässe besitzt. Einige Polen reagierten pikiert, als er seinen deut­schen Pass kürz­lich ver­län­gern ließ. Da heißt es, ich sei kein pol­ni­scher Trainer, son­dern ein deut­scher, sagt er und schüt­telt den Kopf. Das muss ich als Trainer aus­halten und den Druck dazu. Für mich sind wir alle eins, Polen, Deutsch­land. Für die jungen Men­schen heute bedeuten Grenzen nichts mehr, das gefällt mir.

In der Vor­be­rei­tung wollten die Polen vor allem Ruhe. Die haben sie in Lienz in Ost­tirol gefunden. Weit weg von der großen Erwar­tungs­hal­tung daheim und noch weiter weg von den Schlag­zeilen über das befürch­tete Hoo­ligan-Pro­blem und Kor­rup­ti­ons­skan­dale aus der Ver­gan­gen­heit. Nach dem Trubel der acht Tage im tür­ki­schen Belek, als die Fami­lien der Spieler in einem Ent­span­nungs-Trai­nings­lager dabei waren, schot­tete man sich im Grand-Hotel der 12 000-Ein­wohner-Stadt Lienz von der Außen­welt ab. So gut es ging.

Dass auch rund 50 Jour­na­listen und viele Fans aus Polen anreisten, ließ sich nicht ver­hin­dern. Jede andere Form der Ablen­kung hatte Fran­ciszek Smuda unmiss­ver­ständ­lich unter­sagt. Erst kurz vor dem Spiel gegen Grie­chen­land kehrte das Team mit den Bun­des­li­ga­spie­lern Lukas Piszczek, Jakub Blaszc­zy­kowski, Robert Lewan­dowski aus Dort­mund und dem Mainzer Eugen Polanski in die Haupt­stadt nach War­schau zurück. Es hatte durchaus Dis­kus­sionen gegeben, warum sich der Mit­gast­geber der EM nicht daheim vor­be­reitet. Smuda aber ließ sich nicht beirren.

Als Abwehr­spieler spielte Smuda zwi­schen 1979 und 1989 in Deutsch­land, die Klub­namen VfB Coburg, ASV Forch, DJK Ein­tracht Süd Nürn­berg, FC Her­zo­gen­au­rach und FV Wen­del­stein hören sich nicht nach großer Kar­riere an. Inzwi­schen erkennt ihn in Polen auf der Straße aber fast jeder. Seine War­nungen vor zu großen Erwar­tungen wollen viele jedoch nicht ernst nehmen. Im pol­ni­schen Fuß­ball ist es nicht mehr wie in den Sieb­zi­gern, Acht­zi­gern oder Neun­zi­gern. Wir haben eine kleine Krise, was Talente anbe­langt, sagt er. Und die pol­ni­sche Liga lie­fert ihm nicht viele Alter­na­tiven.

Des­halb hat Smuda not­ge­drungen auch Spieler ein­bür­gern lassen, die wenn über­haupt, nur noch geringe Berüh­rungs­punkte mit Polen haben. Dafür gab es Kritik. Auch des­halb wird man es ihm nicht ver­zeihen, falls er in der Vor­runde und damit viel zu früh schei­tert. Die nächste Runde ist Pflicht. Dass es das erste Mal in der pol­ni­schen EM-Fuß­ball­ge­schichte wäre, spielt bei den turm­hohen Erwar­tungen nur eine Neben­rolle. Heute bekommen wir nicht mehr so viele Gegen­tore, sagt Smuda. Seine Mann­schaft ist stark in der Defen­sive, lässt sich aber zu oft den Schneid abkaufen. Das Leis­tungs­ge­fälle im Kader ist groß. Der Natio­nal­coach hofft auf einen Boom durch die EM, der Polens Fuß­ball eine Per­spek­tive gibt. Die neuen Sta­dien und alles, das muss doch Aus­wir­kungen haben, sagt er. Wenn die neue Fuß­ball­schule des FC Bar­ce­lona in War­schau ein Zei­chen ist, geht es dem­nächst los mit dem Hype.

Nicht Favorit, nicht Außen­seiter

Um bei der Euro 2012 für Auf­sehen zu sorgen, muss Smudas Mann­schaft an ihre Grenzen gehen. Wenn wir in War­schau das erste Spiel machen, wird die ganze Welt auf Polen und uns schauen. Darauf werden wir uns vor­be­reiten, sagt er. Grie­chen­land habe gezeigt, was für die Kleinen im Fuß­ball mög­lich sei. Nur spielen wir im eigenen Land, das ist ein gewal­tiger Unter­schied. Für die Polen sind wir kein rich­tiger Außen­seiter, obwohl wir jetzt zwei Jahre lang in Freund­schafts­spielen eine neue Mann­schaft zusam­men­ge­bas­telt haben. Am Tag des Eröff­nungs­spiels sollten die Bas­tel­ar­beiten abge­schlossen sein. Dann dürfen wir alles – nur nicht ver­lieren, sagt Smuda. Er schaut in den Himmel über Lienz und lächelt.