Es ist nicht über­lie­fert, wie Thomas Schaaf und Klaus Allofs den Abend des 26. März ver­bracht haben. Zunächst geneh­migten sich die Macher des SV Werder Bremen ver­mut­lich genüss­lich ein Bier, weil sie beob­achten durften, wie ihr neu­ester Fang sich gerade auf inter­na­tio­naler Bühne einen Namen machte. Mehr noch: Wie Sebas­tian Prödl auf dem besten Weg war, Hoff­nungs­träger einer Nation zu werden.

Das war in der ersten Halb­zeit des Freund­schafts­spiels Öster­reich gegen die Nie­der­lande in Wien. Abwehr­mann Prödl war zweimal am ersten Pfosten in einen Eck­ball des Kol­legen Ivan­schitz geflogen und hatte den Ball zweimal ins Tor geköpft. Er schraubte damit das Ergebnis auf ein unglaub­li­ches 3:0 für den EM-Gast­geber, der zum viel­leicht ersten Mal außer­halb Cor­dobas nar­ri­schen Fuß­ball spielte.

Doch der letzte Schluck aus den beiden Bremer Pullen musste dann helfen, den Schre­cken zu lin­dern. Denn Schaaf und Allofs sahen dann auch, wie dieser Sebas­tian Prödl derart gro­tesk im eigenen Straf­raum irr­lich­terte, dass ihr Scheck über 2,5 Mil­lionen Euro an Sturm Graz wie ein über­teu­erter Witz wirkte.

Halb­ver­hun­gertes Äff­chen

Der 20-Jäh­rige schlug einmal am Fünf­me­ter­raum ein solch rie­siges Luft­loch, dass Gegen­spieler Hei­tinga ver­mut­lich nach Sauer­stoff schnappen musste, bevor er den an Prödl vor­bei­kul­lernden Ball ins Tor lenkte. Und am Ende hing Prödl hilflos wie ein halb­ver­hun­gertes Äff­chen an Klaas Jan Hun­telaar. Der Stürmer musste den Grazer nicht einmal abschüt­teln, son­dern schob locker zum End­stand ein: 4:3 für die Nie­der­lande.

Dieses Spiel war wie gemalt für die These, jungen Spie­lern fehle die Kon­stanz in ihrer Leis­tung. Nicht nur Sebas­tian Prödl baute wäh­rend der Partie stark ab. Auch der Rest der öster­rei­chi­schen Mann­schaft – Tor­wart Helge Payer war in der Startelf mit 28 Jahren der Älteste – hielt sich in der Schluss­phase mehr am Gegner fest als ihn zu stören.

Eine Stunde lang mit­ge­halten

Es domi­nieren gemischte Gefühle“, sagte Prödl nach diesem Spiel zwi­schen Euphorie und Ernüch­te­rung. Mit diesem Bonmot drückt er die Stim­mungs­lage seines ganzen Landes aus. Einer­seits freuen sich viele Öster­rei­cher, zum ersten mal Gast­geber einer Fuß­ball-Groß­ver­an­stal­tung zu sein. Ande­rer­seits befürchten viele, dass sich ihre Spieler bei dieser EM gran­dios bla­mieren. Ange­sichts trau­riger Vor­stel­lungen in den Test­spielen gab es sogar eine auf­se­hen­er­re­gende Pri­vat­in­itia­tive, die rot-weiß-rote Mann­schaft zurück­zu­ziehen.

Doch zuletzt hielt Öster­reich gegen die Fuß­ball-Größen Deutsch­land und Nie­der­lande bemer­kens­wert gut mit. Wenn auch nur eine Stunde lang. Den­noch gaben die Auf­tritte in der Alpen­re­pu­blik Anlass zur Hoff­nung, es könnte doch nicht so schlimm kommen. Diese Hoff­nung hat auch mit Sebas­tian Prödl zu tun.

Der Auf­tritt gegen die Nie­der­lande war erst Prödls achtes Län­der­spiel. Bekannt wurde er indes als Kapitän seiner U20-Aus­wahl bei der WM in Kanada, die den vierten Platz belegte. In Öster­reich ent­fachten die Auf­tritte der Junioren eine wahre Euphorie, die U20 wurde zur Mann­schaft des Jahres 2007 gewählt. Der Gedanke kam auf, dass diese Talente auch die Heim-EM retten könnten.

Die Offen­siven Martin Harnik (Werder Bremen), Veli Kavlak und Erwin Hoffer (beide Rapid Wien) und eben der Ver­tei­diger Prödl sind nun im vor­läu­figen Auf­gebot von Josef Hickers­berger. Prödl dürfte sogar einen Platz in der Startelf sicher haben. Und außer dem Team­chef haben die Scouts des SV Werder in Kanada genau hin­ge­schaut. Denn kurz darauf wurden die Ver­hand­lungen mit Prödl auf­ge­nommen.

Ich wollte zu Werder“

Der 20-Jäh­rige schwärmte später davon, wie sehr sich Trainer Schaaf um ihn bemüht habe. Ein Wechsel zur Win­ter­pause schei­terte noch, weil Sturm Graz eine zu hohe Ablöse for­derte. Anschlie­ßend waren Rosen­borg Trond­heim und Hertha BSC Berlin an Prödl dran, auch Flo­renz und Milan sollen Inter­esse gezeigt haben. Doch Prödl hatte sich ent­schieden: Ich wollte zu Werder gehen. Am Anfang konnte ich es gar nicht fassen, dass sie mich anrufen und mich wollen.“

Und gegen Prödls Willen geht in seinem Leben nichts. Der Öster­rei­cher lässt sich nur dezent von einem Berater unter­stützen, die wich­tigen Ent­schei­dungen trifft er allein. Ich will selbst ein Mann sein“, sagt er. Dazu gehört auch eine rea­lis­ti­sche bis defen­sive Ein­schät­zung seiner selbst.

Vor­bild Mer­te­sa­cker

Der 1,92 Meter große und 85 Kilo­gramm schwere Öster­rei­cher wird sich in Bremen als dritter Turm zu den Twin-Towers Mertesacker/​Naldo gesellen. Von diesem Duo spricht er als Non­plus­ultra“, Per Mer­te­sa­cker bezeichnet er sogar als Vor­bild. Tat­säch­lich ähnelt er in Spiel­weise und Auf­treten dem deut­schen Natio­nal­ver­tei­diger. Prödl ver­liert kaum einmal die Ruhe, agiert sehr dis­zi­pli­niert und spielt den Ball mit Über­sicht aus der Abwehr. Dazu fürchten sich die Gegner vor seiner Kopf­ball­stärke, die er nicht zuletzt gegen die Nie­der­lande zeigte.

Den­noch betont Prödl stets, dass er sich erst bei 60 bis 70 Pro­zent seiner Leis­tungs­fä­hig­keit sehe. Dieser Satz dürfte den Machern in Bremen beson­ders gut gefallen haben, sie sind ja immer auf der Suche nach ent­wick­lungs­fä­higen und ‑wil­ligen Spie­lern. Und am Abend des 26. März durfte Thomas Schaaf beides sehen: Wel­ches Poten­tial er sich da in den Kader holt. Aber auch, dass es bei Sebas­tian Prödl noch viel Luft nach oben gibt.