Man kann Joa­chim Löw ja für so revo­lu­tionär halten wie man möchte, aber wenn es ums Ein­ge­machte geht, dann ist Löw ein Trainer wie jeder andere. Dann will er genau zwei Dinge: Das Spiel gewinnen und das Spiel kon­trol­lieren. Wir haben nie die Kon­trolle ver­loren“, bemerkte der Aus­wahl­trainer nach dem 2:1‑Erfolg gegen Frank­reich des­halb voller Stolz. Und in der Tat: Lange schon hatte man die deut­sche Mann­schaft nicht mehr so dis­zi­pli­niert und feh­ler­frei erlebt, wie am ver­gan­genen Mitt­woch.

Dass hatte natür­lich elf ver­schie­dene Gründe. Und trotzdem stach Ilkay Gün­dogan mit seiner Dar­bie­tung heraus. Der Dort­munder ist im zen­tralen defen­siven Mit­tel­feld zu Hause, die in den ver­gan­genen Jahren so viel umschrie­bene Sechser-Posi­tion. Auch im Löw­schen System werden hier, in der Mitte, die Strippen für ein kon­trol­liertes Defensiv- und Offen­siv­spiel gezogen. Der Sechser“ wird seinem Pen­dant im Ame­rican Foot­ball, dem Quar­ter­back, immer ähn­li­cher. Was früher die Spiel­ma­cher erle­digten, fällt heute in erster Instanz Spie­lern auf dieser Posi­tion zu: lenken und denken und im rich­tigen Moment den spiel­ent­schei­denden Genie­streich ein­streuen. Ilkay Gün­dogan ist in dieser Saison auf dem besten Wege, der eigent­li­chen Nummer Eins auf dieser Draht­zieher-Posi­tion, Bas­tian Schwein­s­teiger, ernst­hafte Kon­kur­renz zu machen.

Kehl, Bender, Leitner – und dann auch noch Nuri Sahin

Mit Kon­kur­renz kennt sich Gün­dogan aus: Kein anderer Klub in Europa ist in der Defen­siv­zen­trale qua­li­tativ so hoch­wertig auf­ge­stellt wie der Deut­sche Meister. Mit Sebas­tian Kehl, Sven Bender, Moritz Leitner und eben Ilkay Gün­dogan hatte der BVB vor der Win­ter­pause bereits vier exqui­site Könner und Talente ihres Fachs unter Ver­trag, mit dem Dort­munder Meis­ter­helden von 2011, Nuri Sahin, hat sich der Klub gar den Luxus geleistet, einen wei­teren Spieler auf dieser Posi­tion zu ver­pflichten. Es muss als großer Ver­dienst von Jürgen Klopp ange­sehen werden, dass diese Fülle an Sechser-Kon­kur­renz bis­lang nicht zu Unstim­mig­keiten inner­halb der Mann­schaft führte, son­dern statt­dessen für eine noch­mals erhöhte Leis­tungs­dichte gesorgt hat. Ilkay Gün­dogan scheint die Exis­tenz der nam­haften Kol­legen jeden­falls Flügel zu ver­leihen.

Beim Heim­spiel gegen den 1. FC Nürn­berg vor zwei Wochen lie­ferte Gün­dogan eine wahn­wit­zige Partie ab. Am Ende hatte der deut­sche Natio­nal­spieler 147 Ball­kon­takte geleistet, sagen­hafte 93 Pro­zent seiner Pässe hatten den Weg zum Mit­spieler gefunden. Zahlen, die sonst nur die Zahn­räder Xavi, Iniesta und Co. in der Pass­ma­schine FC Bar­ce­lona errei­chen.

Gegen Frank­reich war Gün­do­gans Leis­tung inso­fern noch impo­santer, als dass er gegen eine zwar sehr junge, aber inter­na­tional den­noch aner­kannte Mann­schaft domi­nierte wie ein Schwer­ge­wichts­boxer gegen den Klas­sen­streber. Gün­do­gans Spiel ist an sich simpel, er läuft viel, er nimmt den Kopf nach oben, er setzt die Mit­spieler in Szene und wenn es mal gar nicht anders geht, sucht er halt das Eins-gegen-Eins. Das sieht so ein­fach aus, weil Gün­dogan es so ein­fach aus­sehen lässt. Technik, Kon­di­tion, Über­sicht und vor allem ein immenses Ver­ständnis in Sachen Taktik und Stra­tegie ver­mengen sich da zu einem sehr guten Mit­tel­feld­spieler.

An Schwein­s­teiger und Khe­dira kommt er noch nicht heran

Sicher­lich, das ist eine Moment­auf­nahme. Gün­dogan ist erst 22 Jahre alt. Er stand noch nie in einem großen inter­na­tio­nalen Halb­fi­nale oder End­spiel. Er hat noch keine 100 Bun­des­li­ga­spiele auf dem Buckel, hat erst acht Cham­pions-League-Par­tien absol­viert. Er war noch nie länger als zwei Monate ver­letzt. Ihm fehlt schlichtweg die Erfah­rung im Umgang mit großen Spielen, über­ra­schenden Rück­schlägen und den Stol­per­steinen, die der Job als Pro­fi­fuß­baller mit sich bringt. Das unter­scheidet ihn noch grund­le­gend von der Gesamt­stärke eines Bas­tian Schwein­s­teiger oder Sami Khe­dira.

Aber das Fun­da­ment für die ganz große Kar­riere in Verein und Natio­nal­mann­schaft ist offen­sicht­lich vor­handen. Allein die Erkenntnis, dass der Kon­kur­renz- und Erwar­tungs­druck beim BVB und in der deut­schen Aus­wahl Gün­dogan nicht hemmt, son­dern besser macht, lässt für die zukünf­tige Ent­wick­lung des 1,81 Meter großen Sechsers viel erahnen.

Seine Trainer werden diese Moment­auf­nahme ganz sicher­lich wohl­wol­lend auf­nehmen. Einen jungen Spieler auf der wich­tigen Posi­tion des Draht­zie­hers ein­zu­setzen, erfor­dert auch immer sehr viel Ver­trauen. Ver­trauen muss man sich erar­beiten, Ver­trauen muss man aber auch bestä­tigen. Schließ­lich gilt auch im Fuß­ball: Ver­trauen ist gut, Kon­trolle ist besser. Die nächste Chance auf einen Ver­trau­ens­be­weis hat Gün­dogan gleich morgen: da emp­fängt der BVB den Ham­burger SV. Auf der Bank sitzen dann Moritz Leitner, Nuri Sahin und Sebas­tian Kehl. Ilkay Gün­dogan steht auf dem Platz.