Da wuchtet jemand den schwarz lackierten Sport­wagen auf den Bord­stein. Einen Dodge Chal­lenger SRT‑8, etwas wie ein Bat­mobil. Er steigt aus und sein ganzer Körper strahlt vor allem eins aus: Extra­va­ganz. Schmuck an allen ver­füg­baren Stellen, Tat­toos am ganzen Körper und ein Iro­ke­sen­schnitt auf dem Kopf. Dieser Jemand sagt dann im Gespräch: Ich bin ein schüch­terner Kerl. Ich mag es nicht so, im Mit­tel­punkt zu stehen.“

Er heißt Raul Mei­reles. Ist Mit­tel­feld­motor beim FC Chelsea, dem amtie­renden Cham­pions-League-Sieger, und bei der por­tu­gie­si­schen Natio­nalelf. Ein Mann, der chan­giert zwi­schen Rock­star-Image und Ruhe.

Wer Mei­reles als Typ ver­stehen will, darf sich nicht von den Tat­toos leiten lassen. Die habe ich nicht, um Auf­merk­sam­keit zu erlangen. Es ist ein­fach das, was ich mag“, sagt er. Sein Spiel erzählt viel mehr über ihn: Mei­reles ist ein box-to-box-player“, ähn­lich wie der Deut­sche Sami Khe­dira. Einer also, der mit Pfer­de­lunge und uner­müd­li­chem Eifer den ganzen Platz beackert. Und der doch im Schatten der Künstler steht, wie Nani oder Cris­tiano Ronaldo. Diese beiden binden die Gegen­spieler, voll­führen Tricks, gehen ins Dribb­ling – doch sind sie ange­wiesen auf Mei­reles. Auf seine Arbeit im defen­siven Mit­tel­feld und seine schnei­denden Pässe.

Er ist der Puls­schlag des por­tu­gie­si­schen Spiels

Er ist der Antreiber des por­tu­gie­si­schen Spiels, immer mit erhöhter Dreh­zahl. Sein Griff ins Gesicht von Holger Bad­stuber im ersten Tur­nier­spiel gegen Deutsch­land mag vielen negativ im Gedächtnis geblieben sein. Mei­reles’ Zwei­kampf­stärke ist aber der Puls­schlag des por­tu­gie­si­schen Spiels, auch in der Kabine führt er die Ansprache vor dem Anpfiff. Die Schüch­tern­heit und Ruhe abseits des Platzes legt er in den Spielen kom­plett ab.

Nach dem Abpfiff aller­dings dreht er dem Fuß­ball den Rücken zu. Er schaut sich nur ungern Fuß­ball im Fern­sehen an. Ein TV-Abend mit einem Spiel der Euro am einzig freien Tag, wie ihn die deut­schen Natio­nal­spieler um Philipp Lahm ver­an­stal­teten, ist bei Mei­reles eher unwahr­schein­lich. Ich sehe mir auch meine eigenen Spiele nicht noch einmal an. Allein wie ich laufe und mich bewege – das sieht im Fern­sehen zu seltsam aus“, sagt er.

Es sind nicht nur diese Sätze, die ihn vom Gros der Fuß­baller abheben. Auch sein Wer­de­gang war nicht von Beginn an auf den Fuß­ball aus­ge­richtet. Er habe nie den Traum gehabt, Profi zu werden, sagt Mei­reles. Sein Vater arbei­tete als Mas­seur bei Boavista Porto und mel­dete Sohn Raul im Alter von sechs Jahren ohne dessen Wissen in der Jugend­mann­schaft des Ver­eins an.

Als die por­tu­gie­si­sche U‑17-Natio­nal­mann­schaft zum Tur­nier in Israel auf­brach, besuchte Mei­reles lieber einen Kurs über Auto­mo­bil­elek­tronik. Spä­tes­tens aber 2004 in Mainz zeich­nete sich ab, wohin der Weg führen könnte. Por­tu­gals U21 erkämpfte sich mit dem über­ra­genden Mei­reles den dritten Platz bei der EM und schal­tete dabei den Gast­geber aus. Im Team der hoch gehan­delten Deut­schen standen damals Bas­tian Schwein­s­teiger und Lukas Podolski.

Ich bin nicht Mascherano, ich bin Mei­reles“

Über die Sta­tionen Boavista, Aves und FC Porto gelangte der Mit­tel­feld­ak­teur 2010 zum FC Liver­pool als Ersatz für den abge­wan­derten Argen­ti­nier Javier Mascherano. Ich bin nicht Mascherano, ich bin Mei­reles“, reagierte er auf die anfäng­liche Skepsis und fügte an: Das wird den Fans schnell klar werden.“ Mei­reles über­zeugte. Seine Bilanz: 40 Spiele, fünf wun­der­schöne Tore und eine beson­dere Ehrung. Die Fans der Pre­mier League kürten ihn zum Spieler der Saison. Ihnen war klar geworden, wer Mei­reles war.

Die guten Leis­tungen blieben auch den Ver­ant­wort­li­chen des FC Chelsea nicht ver­borgen. Für zwölf Mil­lionen holten sie Mei­reles nach London.
Auch wenn er wegen einer Gelb­sperre im Finale von Mün­chen fehlte, war Mei­reles einer der ent­schei­denden Akteure auf dem Weg zum Cham­pions-League-Titel 2012. Sollte mit Por­tugal bei der EM ein wei­terer Titel her­aus­springen, würde er sich ein Tattoo mit dem pas­senden Motiv ste­chen lassen.
So ganz kann er von der Mode eben nicht lassen. Ich habe schon einmal geplant, eine Fashion-Show zu machen. Aber nicht als Model, son­dern als Desi­gner.“ Eine Rolle, exakt so wie auf dem Fuß­ball­feld.