Auch in der Ober­liga hatte ich eine tolle Zeit. Immerhin waren wir Dort­munder 1963 Deut­scher Meister geworden. Aber in den inter­na­tio­nalen Ver­glei­chen mussten wir immer wieder fest­stellen, dass uns vor allem die Ita­liener mei­len­weit voraus waren, da sie damals schon unter pro­fes­sio­nellen Bedin­gungen spielten. Wir hin­gegen gingen noch einem Halb­tagsjob nach und konnten nur am Nach­mittag trai­nieren. Ich selbst putzte für die Stadt­werke Dort­mund die Laternen.

Wir waren also froh, dass die Bun­des­liga ein­ge­führt und damit auch hier­zu­lande der Berufs­fuß­ball mög­lich gemacht wurde – auch wenn es noch bis in die 70er Jahre hinein dau­erte, dass die Struk­turen sich her­aus­bil­deten und die großen inter­na­tio­nalen Erfolge ein­traten. 1963 lagen sie noch in weiter Ferne. Vor dem ersten Bun­des­li­ga­spiel gegen den SV Werder Bremen war ich sehr auf­ge­regt.

Die Her­aus­for­de­rung war ja viel größer als sonst. Ein Jahr zuvor hätten wir viel­leicht noch gegen Ham­born 07 gespielt. Das hätte keine großen Wellen geschlagen. Nun ging es gleich gegen diese starke Bremer Mann­schaft. Ich war ein schmäch­tiges Kerl­chen von 69 Kilo und stand dem Rie­sen­ap­parat Max Lorenz gegen­über. Zudem hatte ich auch noch eine Zer­rung, die unser Ein­reiber – Phy­sio­the­ra­peuten gab es damals noch nicht – mehr schlecht als recht weg­mas­siert hatte. Unser bester Mann Charly Schütz war vor der Saison nach Ita­lien gegangen, und Abwehr­chef Wolf­gang Paul hatte sich den Fuß gebro­chen. Werder war also ganz klar Favorit.

Das wussten auch die Foto­grafen. Sie rannten mit ihren Kisten auf dem Rücken hinter unser Tor, weil sie dort die Bremer Angriffe erwar­teten. Doch erst mal hatten wir Anstoß. Aki Schmidt spielte den Ball zu Franz Brungs, der spielte raus auf Links­außen zu Lothar Emme­rich, der lief zur Tor­linie und flankte. Ich brauchte nur noch den Fuß hin­zu­halten, und der Ball war drin – nur 35 Sekunden nach dem Anpfiff! Gut, es gibt schö­nere Tore, ein Hammer aus 30 Metern wäre mir auch lieber gewesen. Aber drin ist drin, sag’ ich. Lorenz ver­passte mir dabei noch einen üblen Tritt in die Achil­les­sehne, aber das war zu ver­schmerzen. Schlimmer war, dass wir das Spiel noch mit 2:3 ver­loren.

Dar­über waren wir natür­lich sehr ent­täuscht. Dass ich gerade in die Geschichte der Bun­des­liga ein­ge­gangen war, wurde mir erst viel später klar. Nach etwa zehn Jahren kamen die ersten Anrufe von Jour­na­listen, und ich wurde der Mann, der das erste Tor schoss“. Schade, dass es kei­nerlei Doku­mente von diesem ersten Bun­des­li­gator gibt. Die Foto­grafen hatten ja alle auf der anderen Seite des Spiel­felds gehockt. So sieht man auf den Bil­dern nur, wie Emme­rich und ich jubeln und der Bremer Tor­wart auf dem Boden liegt. Mein ein­ziges Erin­ne­rungs­stück ist der Schuh, mit dem ich das Tor geschossen habe. Er steht ver­goldet hier bei mir auf dem Regal.

Um trotzdem ein Foto zu haben, haben wir vor ein paar Jahren den Spielzug noch einmal nach­ge­stellt. Es dau­erte sehr lange, bis wir das im Kasten hatten. Wir sind ja alle schon ziem­lich alt, und auch ich treffe nicht mehr jeden Ball. Da musste ich mich schon kon­zen­trieren. Zu allem Über­fluss meinte der Max Lorenz, er müsste auch beim Nach­stellen noch ran­klotzen, und trat mir wie bei diesem ersten Tor noch mal volle Pulle in die Achil­les­sehne. Richtig zuge­langt hat er, der Lorenz, der Apparat. Wie damals.