Müsste man Michael Brad­leys Bedeu­tung für die ame­ri­ka­ni­sche Natio­nal­mann­schaft näher erklären, könnte man ihn zu einer Art fuß­bal­le­ri­schen Rosetta Stone ernennen. (Für alle die es nicht wissen sei an dieser Stelle gesagt: Rosetta Stone ist ein welt­weit bekannter Über­set­zungs­ser­vice.) Als zen­traler Mit­tel­feld­spieler ist Bradley im über­tra­genen Sinne der Spieler, der die ver­schie­denen Dia­lekte der klinsmann’schen Spiel­idee für die Mann­schaft über­setzt. Der Trainer ver­langt eine große tak­ti­sche Varia­bi­lität: Mal soll das Team ame­ri­ka­nisch-mexi­ka­nisch spielen, mit viel Ball­be­sitz und schnellen tem­po­ar­tigen Gegen­stößen. In anderen Phasen wie­derum will Klins­mann die alten deut­schen Tugenden sehen – Kampf, Lauf­stärke und Wil­lens­kraft. Bradley ist so etwas wie der Über­setzer von Klins­manns Vor­stel­lungen. Er spricht die fuß­bal­le­ri­sche Sprache des Trai­ners.

Es ver­wun­dert nicht, dass der ehe­ma­lige US-Profi und jet­zige ESPN-Experte Alexi Lalas in Michael Bradley einen Con­nector“ sieht, eine Art Ver­bin­dung zwi­schen Team und Trainer, aber auch den ver­schie­denen Mann­schafts­teilen. Es gibt keinen Spieler, der für das Team wich­tiger ist als er. Er wird der ent­schei­dende Bau­stein wäh­rend der Welt­meis­ter­schaft“, glaubt Lalas. Bradley sei ein Diri­gent, der ent­scheidet, wann der Motor der US-Boys hoch­ge­schaltet und wann ein Gang raus­ge­nommen werden muss.

Der Papa und sein Sohn – das schmeckte nicht allen

Die Lob­ge­sänge, die Experten wie Lalas auf den 26-jäh­rigen Glatz­kopf singen, gab es aller­dings nicht immer. Zu Beginn seiner Kar­riere wurde der Mit­tel­feld­spieler kri­tisch beäugt, fühlte sich miss­ver­standen. Als Bradley 2004 in die erste Mann­schaft der New York Metro­stars wech­selte, führten das viele darauf zurück, dass Vater Bob das Team trai­nierte. Auch ein paar Jahre später, als Michael für die Natio­nal­mann­schaft debü­tierte, hieß der Trainer Bob Bradley. Die Kri­tiker fühlten sich bestä­tigt.

Ein Jahr zuvor war der Mit­tel­feld­spieler bereits aus den Staaten geflüchtet. Der SC Hee­ren­veen lotste ihn 2005 in die Nie­der­landen. In der Heimat traute Bradley, der zu diesem Zeit­punkt als jüngster Spieler die MLS in Rich­tung Aus­land ver­ließ, kaum jemand den Sprung nach Europa zu. Auf­grund seines kahl rasierten Kopfes und des zuweilen stüm­per­haften Zwei­kampf­ver­hal­tens sahen viele in ihm einen mit­tel­mä­ßigen Mit­tel­feld­ab­räumer. Diesen Ruf wurde er auch in den Nie­der­landen zunächst nicht los.

Nach zwei­ein­halb Jahren ver­ließ er Hee­ren­veen und heu­erte bei Borussia Mön­chen­glad­bach an. In der Bun­des­liga ließ Bradley zwar kurz sein Poten­zial auf­blitzen, schei­terte letzt­lich aber an zu hohen Erwar­tungen und dem eigenen Unver­mögen, sich durch­zu­beißen. Das anschlie­ßende Gast­spiel bei Aston Villa ver­lief, freund­lich aus­ge­drückt, unglück­lich. Die Chance zu einem Neu­an­fang bot ihm ein mit­tel­klas­siger Verein aus der Serie A: Chievo Verona.

Die Nord­ita­liener erkannten eine bis dato nahezu unent­deckte Qua­lität Brad­leys – sein tak­ti­sches Geschick. Trainer Dome­nico di Carlo sah im US-Ame­ri­kaner den geeig­neten zen­tralen Mit­tel­feld­spieler zwi­schen Offen­sive und Defen­sive. Zum ersten Mal in seiner Kar­riere fühlte sich Bradley wert­ge­schätzt. Inner­halb von nur drei Monaten konnte er sich per­fekt auf ita­lie­nisch ver­stän­digen, die tak­tisch geprägte Spiel­weise Chievos kam ihm ent­gegen.

Für viele kleine ita­lie­ni­sche Teams ist das tak­ti­sche Geschick über­le­bens­wichtig. Sie wollen auf jede Situa­tion best­mög­lich vor­be­reitet sein“, erklärte der US-Boy damals und ergänzte: Wir standen teil­weise zwei­ein­halb Stunden in unserer tak­ti­schen For­ma­tion auf dem Platz und der Trainer ver­schob uns oder brüllte tak­ti­sche Anwei­sungen durch die Gegend.“ Was andere Spieler als nervig emp­fanden, machte Bradley Spaß.

Nach seinem Wechsel nach Ita­lien, hat sich Michael als Person und Spieler enorm wei­ter­ent­wi­ckelt. Er ist in eine Fuß­ball-Kultur gekommen, die ihm zum nächsten Schritt ver­holfen hat“, erklärt Alexis Lals. Im Juli 2012 wech­selte Bradley für knapp vier Mil­lionen Euro zum AS Rom. Dort blieb er zwar nur ein­ein­halb Jahre, die Rück­kehr zurück in die MLS zum FC Toronto Anfang 2014 hatte aber andere Gründe. Er sei zurück­ge­kehrt, so Bradley, um dabei zu helfen, die Liga im welt­weiten Fuß­ball zu eta­blieren. Das brachte ihm in der Heimat noch mehr Wert­schät­zung ein. In der MLS ist der Mit­tel­feld­spieler, dessen Dienste Toronto umge­rechnet fast zehn Mil­lionen Euro wert waren, einer der Stars.

Eine Szene gegen Panama beschreibt Brad­leys Stel­len­wert

Wenn die USA nun bei der Welt­meis­ter­schaft in der schweren Gruppe mit Deutsch­land, Por­tugal und Ghana ums Wei­ter­kommen kämpft, setzen viele ame­ri­ka­ni­sche Fuß­ball-Fans große Hoff­nungen in den Mit­tel­feld­spieler. Für die Abräum­ar­beit im US-Team sind mitt­ler­weile andere Spieler zuständig, etwa Schalkes Ex-Spieler Jer­maine Jones. Bradley kann und soll sich auf die Gestal­tung des Spiels kon­zen­trieren.

Wie genau diese Auf­gabe aus­sieht, beweist eine Szene aus dem WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Panama: Bradley fängt einen langen Befrei­ungs­schlag kurz hinter der Mit­tel­linie ab und läuft los. Den Kopf die ganze Zeit oben, immer auf der Suche nach dem freien Mit­spieler. Nach einem Dribb­ling steckt er den Ball kurz vor dem Tor auf auf einen besser pos­tierten Mit­spieler durch. Als das Spiel­gerät wenige Sekunden später von der Abwehr Panamas abge­blockt wird, ist der Glatz­kopf wieder zur Stelle und sucht den Abschluss. Irgendwie ist er überall, leitet Angriffe ein, initi­iert Tem­po­ge­gen­stöße und ver­sucht seine Mit­spieler in Szene zu setzen. Und gleich­zeitig hat er immer ein Auge auf Klins­mann und dessen Anwei­sungen. Der Begriff Con­nector“ ist also durchaus tref­fend gewählt.

Graham Parker ist Teil des Guar­dian-Netz­werks“ und ein ame­ri­ka­ni­scher Jour­na­list, der u.a. für die Zei­tung Guar­dian US“ schreibt. Auf Twitter könnt ihr ihm hier folgen: https://​twitter​.com/​K​i​dWeil