Asa­moah Gyan, 24, war nicht zu trösten. Sein Gesicht lag auf dem feuchten Rasen von Johan­nes­burg, er presste die Arme so fest an seinen Körper, als müsste er sich selbst stützen. Und Gyan heulte. Es war ein furcht­barer Anblick in dieser dra­ma­ti­schen WM- Nacht. So schlimm, dass sogar die Vuvu­zelas ver­stummten. Dann end­lich schleppten ihn die Kol­legen in die Kabine, und die Zuschauer, mehr als 80 000 sahen dieses Häuf­chen Elend dort unten, zeigten Gespür für den großen Moment: Sie alle setzten noch ein letztes Mal ihre Plas­tik­tröten an die Lippen und pus­teten hinein. Es war der anschwel­lende Chor des Mit­ge­fühls.

[ad|

»Shake­speare und Dickens hätten Schwie­rig­keiten, die rich­tigen Worte hierfür zu finden«, hieß es in Ghana am nächsten Morgen im Radio. Der Vor­hang war gefallen. Was für ein Finale! Nach einem intensiv geführten WM- Vier­tel­fi­nale gegen Uru­guay stand es 1:1 in der Ver­län­ge­rung, die Spieler waren müde und platt, da griff Ghana ein letztes Mal an in der Nach­spiel­zeit, der 121. Minute. Der Mann mit der Nummer 9, Uru­guays Stürmer Luis Suarez, über­nahm auf der Bühne die Rolle des Bösen: Erst wehrte er famos (und fair) einen Ball auf der Linie ab, den Nach­schuss aber klärte er im Stile eines Flug­zeug­ein­wei­sers. Die Arme riss er so deut­lich nach oben und stoppte damit den Ball, dass dem Schieds­richter gar nichts anderes übrig blieb, als ihm die Rote Karte zu zeigen. Abgang Suarez, Auf­tritt Asa­moah Gyan. Dieser legte sich den Ball zurecht, ein ganzer Kon­ti­nent schaute ihm zu – elf Meter waren es bis zum Hel­den­da­sein. Doch Gyan knallte den Ball an die Latte. Peng. Es war die viel zitierte Stille nach dem Schuss.

Suarez hatte sich geop­fert

Uru­guays Mann mit der Nummer 9 stand da am Kabi­nen­ein­gang, er weinte nun nicht mehr, son­dern schrie und ballte die Fäuste. Er hatte sich geop­fert, so per­vers das auch klingt. Der Stürmer von Ajax Ams­terdam wird nun beim Halb­fi­nale gegen Hol­land gesperrt sein. Und in Afrika wird er ver­achtet, aber Uru­guay war wieder im Tur­nier. Hin­terher ätzte er: »Das war es wert, hin­aus­ge­stellt zu werden.« Und meinte in Anspie­lung auf das Handtor von Diego Mara­dona 1986 bei der WM in Mexiko: »Am Ende ist die Hand Gottes jetzt meine.« Der letzte Akt war da schon vorbei, das Elf­me­ter­schießen.
Nach dem 1:0 für Uru­guay lief aus­ge­rechnet jener Asa­moah Gyan in den Straf­raum, als erster Schütze Ghanas. Was für ein Gefühls­mo­ment, den Fans stockte der Atem, zumal Gyan den Ball nicht etwa sicher ins untere Eck, son­dern spek­ta­kulär-gefähr­lich ins rechte obere Dreieck drosch.

Applaus, Applaus. Doch das Schau­spiel war noch lange nicht beendet: Erst schei­terte ein Gha­naer (Drama!), im Gegenzug ein Uru­gu­ayer (Erlö­sung!) – und gleich wieder ein Afri­kaner. Es war der dritte hin­ter­ein­ander ver­schos­sene Elf­meter, der vierte ins­ge­samt an diesem unglaub­li­chen WM-Abend. Kurz danach war Schluss, Uru­guays täto­wierter, lang­haa­riger Stürmer Sebas­tian Abreu lupfte den Ball cool ins Tor. Es war das letzte Tor zum 5:3. Aus, vorbei. Keine Zugabe.

»Hero, but Zero«

»Hero, but Zero«, sagten sie später im süd­afri­ka­ni­schen Radio, als die Zuschauer geschafft über die dunklen Sta­di­on­park­plätze zu ihren Autos liefen. Ghana war als letztes afri­ka­ni­sches Team bei dieser ersten afri­ka­ni­schen Welt­meis­ter­schaft geschei­tert, wieder war es nichts geworden mit einer Halb­final-Teil­nahme eines afri­ka­ni­schen Teams. Bei der WM 2002 hatte Senegal schon dra­ma­tisch im Vier­tel­fi­nale gegen die Türkei ver­loren, durch ein Golden Goal. Und bei der ersten Vier­tel­fi­nal­teil­nahme eines afri­ka­ni­schen Teams bei der WM 1990 schei­terte die Mann­schaft von Kamerun um den legen­dären Roger Milla gegen Eng­land – natür­lich eben­falls nicht nach 90 regu­lären Minuten: Kurz vor Schluss hatte Gary Lineker die Eng­länder mit einem Elf­me­tertor in die Ver­län­ge­rung gerettet und sie in der 105. Minute durch einen wei­teren Straf­stoß ins Halb­fi­nale geschossen (das für die Eng­länder bekann­ter­maßen ein paar Tage später weniger schön ver­laufen sollte, aber das ist eine andere WM-Geschichte).

Exakt 20 Jahre und einen Tag nach diesem WM-Abend von Neapel sank Asa­moah Gyan auf den feuchten Rasen von Johan­nes­burg und weinte. Sein Kol­lege Kevin-Prince Boateng ging auf eine letzte trau­rige Abschieds­runde und winkte ins applau­die­rende Publikum. Die Zugabe aber sollte doch noch folgen, 24 Stunden später: Kein Geringer als Nelson Man­dela lud Ghanas Helden zum Dinner ein. Eine großes Finale nach einem großen Spiel.