Seite 2: Wie Micoud die Liebe zurück brachte

Als Werder-Fan hatte man sich fast an die in der Ver­eins­hymne besun­genen Jahre voller Frust“ gewöhnt. An die neue Mit­tel­mä­ßig­keit, an Fuß­ball­spiele, die weniger Spek­takel als läh­menden Arbeits­ein­sätzen gli­chen. Werder – das war Ende der Acht­ziger bis Mitte der Neun­ziger auch immer das Ver­spre­chen auf Sta­di­on­be­suche, die einen knall­ver­liebt bis ins Mark erschüt­tert auf den Heimweg schickten. Davon war 2002 nicht mehr viel übrig. Johan Micoud brachte die Liebe zurück ins Weser­sta­dion.

In seiner ersten Saison machte er 28 Liga-Spiele, schoss fünf Tore, gab acht Vor­lagen, sah sie­benmal Gelb, einmal Gelb-Rot, einmal Rot. Wenn Micoud auf dem Platz stand, dann pas­sierte was. Viel­mehr braucht es nicht, um Fans glück­lich zu machen.

Obwohl, doch. Tore, Siege und Tri­umphe. In seiner zweiten Saison führte Micoud Werder zum Double aus Meis­ter­schaft und Pokal­sieg. Mein Gott, dachten die Fans auf den Rängen, wie hatte er das nur geschafft? Um ihm Respekt zu erweisen, nannten sie ihn Le Chef“, den Boss. Um ihm ihre Liebe zu zeigen, sangen sie das Ende des Beatles-Klas­si­kers Hey Jude“ mit seinem Namen: Shaa-la-la-lal­al­alaa-shaa-la-la-la – Miiicouud…“ Das war so schön, dass selbst den här­testen Klötzen in der Kurve die Nacken­haare zu Berge standen.

Die Fans spürten die Frei­heit des Geistes“

Dank Micoud war Werder Bremen Deut­scher Meister geworden. Eigent­lich hätte er jetzt auch nur noch Eigen­tore schießen, zum HSV wech­seln oder mit geschlos­senen Augen spielen können, die Bremer hätten ihm das alles ver­ziehen. Doch Micoud diri­gierte und begeis­terte weiter. Erst 2006 ver­ließ er den Verein wieder. Da war Werder nicht nur zurück in der Spit­zen­gruppe des natio­nalen Fuß­balls, son­dern auch eine Marke, ein Lebens­ge­fühl. Wer es mit den Bre­mern hielt, der machte dadurch auf eine bestimmte unde­fi­nier­bare Art und Weise seine eigene Sym­pa­thie für die Frei­heit des Geistes“ deut­lich. Ist es eine Über­ra­schung, dass Werder Bremen Mitte der Nuller gerade unter Stu­denten eine schon fast beängs­ti­gend große Gefolg­schaft hatte?

2018 wirkt das alles ganz weit weg. Kreativ, neu und auf­re­gend sind jetzt andere Mann­schaften. Werder ist zurück im grauen Mit­tel­feld. Thomas Schaaf ist nicht mehr Trainer. Die neue Hoff­nung im Mit­tel­feld heißt Kevin Möh­wald. Wäre dieser Text ein Comic, würde hier jetzt ein großes fettes Seufz“ stehen.

Johan Micoud spielt längst kein Fuß­ball mehr. Er besitzt ein Weingut und bestimmt sitzt er dort den ganzen Tag mit einem Panama-Hut auf dem mar­kanten Schädel, hält seine Nase in große Gläser, liest ein inter­es­santes Buch, strei­chelt mit dem einen Fuß seinen Hund und mit dem anderen einen Ball. Und viel­leicht hört er das Geburts­tags­ständ­chen, wenn er die Augen schließt und die Ohren spitzt: „„Shaa-la-la-lal­al­alaa-shaa-la-la-la – Miiicouud…“ Herz­li­chen Glück­wunsch zum 45. Geburtstag, Le Chef“!