Nie­mals geht man so ganz. Das bleibt bei Dieter Trzolek jeden­falls zu hoffen. Mit dem 63-Jäh­rigen beendet heute eine der kurio­sesten Figuren der Bun­des­liga seine Kar­riere. Der gelernte Kran­ken­pfleger begann Anfang der sieb­ziger Jahre eine Aus­bil­dung als Sport-Phy­sio­the­ra­peut beim DFB-Chef-Mas­seur Erich Deuser, später ließ er sich zum Heil­prak­tiker fort­bilden. Als ihn 1975 Spieler der von ihm betreuten Mit­tel­rhein-Aus­wahl bei Bayer Lever­kusen emp­fahlen, lotste ihn der dama­lige Fuß­ball­chef Her­mann Büchel zur Werkself. 2008 wech­selte Trzolek über­ra­schend zum 1. FC Köln. Heute beendet Trzolek, der 1995 auch hart­nä­ckig von Borussia Dort­mund umworben wurde, seine 36-jäh­rige Bun­des­li­gakar­riere. Sein Motto: Lieber unwis­sen­schaft­lich gesund, als wis­sen­schaft­lich krank.“

Dieter Trzolek, nach 36 Jahren in der Bun­des­liga haben Sie nun Ihren Abschied vom Fuß­ball erklärt. Heute ist Ihr letzter Tag. Schon Pläne für die Rente?

Rente ist noch lange nicht! In Bur­scheid leite ich gemeinsam mit Reiner Cal­munds Sohn das Institut für Leis­tungs­op­ti­mie­rung in Manage­ment und Sport“. Ich habe genug zu tun.

Wurden Sie denn schon anständig ver­ab­schiedet?

Natür­lich. Ich habe eine hüb­sche Foto­col­lage und eine DVD mit Abschieds­grüßen der Bun­des­li­ga­trainer bekommen. Sehr nett.

Die Bun­des­liga ohne den Druiden“ und Medi­zin­mann“ Dieter Trzolek – geht das über­haupt?

Nach 36 Jahren muss auch mal Schluss sein. Nicht dass ich am Ende so blind bin, dass ich die fal­schen Spieler behan­dele. Ich wollte meine Kar­riere im Fuß­ball ohne Schmer­zens­geld­klagen beenden.

Statt­dessen waren Sie bei Ihren Spie­lern beliebt wie kein anderer. Woher kam diese Zunei­gung?

Vom Alter her hätte ich ja der Vater dieser jungen Bur­schen sein können. Und Fuß­baller sind meis­tens Sen­si­bel­chen: Heute wie damals sind sie gar nicht so hart, wie sie sich nach außen hin ver­kaufen. Statt­dessen sind sie dankbar, wenn sie mal jemand in den Arm nimmt. Ich habe jeden­falls keinen Fuß­baller erlebt, dem alle Pro­bleme scheiß­egal waren.

Einige Spieler sollen Sie sogar Papa“ genannt haben.

Das stimmt. Und ich emp­finde das als nette Geste, wenn die Spieler aus­ge­rechnet mich als Vater­figur aus­wählen. Das war übri­gens in Köln nicht anders als in Lever­kusen.

Dann müssen Sie ziem­lich ent­täuscht gewesen sein, als im November 2009 die dama­ligen Kölner Daniel Bro­sinski und Marvin Matip via Face­book über Ihre Methoden läs­terten.

Das war eine Aktion von Schwach­köpfen, die in ihrem Leben noch nichts erreicht haben und schon längst nicht mehr in Köln spielen. Dar­über will ich mir nicht den Kopf zer­bre­chen.

Ganz anders soll Ihr Ver­hältnis zu Andreas Zecke“ Neu­en­dorf sein.

Der hat mir zu seligen Lever­ku­sener Zeiten sogar mal zum Vatertag ein Geschenk über­reicht. Ein ver­rückter Hund. Wissen Sie eigent­lich, dass er seinen Spitz­namen von mir hat?

Erzählen Sie!

Nach einem Wald­lauf kam er zu mir: Schau mal, Tscholli, ich habe da so einen langen roten Strich. Der juckt!“ Kein Wunder“, sagte ich, da hat dich eine Zecke gebissen.“ Und seitdem hat er diesen Spitz­namen.

Später malte Neu­en­dorf gar ein paar Bilder, um sich Zecke“ als Künst­ler­namen in den Per­so­nal­aus­weis ein­tragen zu lassen. Hat er Ihnen je eines seiner Bilder geschenkt?

Gott bewahre! Die Dinger hat er wirk­lich nur gemalt, um end­lich seinen Spitz­namen aufs Trikot dru­cken zu können. Mit Kunst hat das nicht viel zu tun…

Sie haben die Fuß­ball-Welt mit Ihren außer­ge­wöhn­li­chen Methoden häufig scho­ckiert. Wie oft sind Sie in all den Jahren auf Wider­stände gestoßen?

Man hat mich schon so häufig für bekloppt erklärt, dass mir das nichts mehr aus­macht. 1986 habe ich bei Bayer Lever­kusen das erste Kalt­was­ser­be­cken der Bun­des­liga instal­lieren lassen, und man hielt mich für ver­rückt. Heute steht so ein Ding bei jedem halb­wegs anstän­digen Pro­fi­klub in der Kabine. So war es immer: Erst wurde ich belä­chelt, dann ahmte man mich nach.

Dann sind Sie so etwas wie der Che Gue­vara der Bun­des­liga? Ein Revo­lu­tionär der Sport­me­dizin?

Das bin ich sogar ganz sicher! Vor mir hat jeden­falls nie­mand in Deutsch­land Blut­ergüsse mit Blut­egeln behan­delt. Oder Erkäl­tungen mit Zwie­bel­so­cken bekämpft. Oder Fuß­pilz mit Back­pulver kuriert.

Das klingt ja alles noch harmlos gegen fol­gende Wirk­stoffe aus Ihrem Medi­zin­koffer. Hai­fisch­kno­chen­pulver…

…ist ein Prä­parat, um Knorpel wieder zu rege­ne­rieren. Heute gibt es das schon gar nicht mehr. Früher tat ich das meinen Jungs ins Wasser und die haben das getrunken. Ulf Kirsten hat es geschmeckt.

Warmes Mur­mel­tier­fett…

…kann man in jeder Apo­theke kaufen und hilft gut bei Gelenk­be­schwerden, gerade im Knie- oder Sprung­ge­lenk.

Kak­te­en­honig…

…damit haben wir früher die Getränke der Spieler gesüßt. Sehr lecker, aber leider zu kost­spielig. Irgend­wann konnte sich das selbst Bayer Lever­kusen nicht mehr leisten.

1975 holte Sie der dama­lige Fuß­ball­chef Her­mann Büchel zu Bayer Lever­kusen. Aus­ge­rechnet…

Ich weiß schon, was Sie mich fragen wollen: Der ver­rückte Heil­kundler und der Pil­len­verein, geht das über­haupt? Ich sage Ihnen: Das ging. In all den Jahren hat sich nie jemand aus dem Bayer-Werk gemeldet, und gesagt: Trzolek, jetzt nehmen sie doch mal unsere Aspirin.“ Denn was ich tat, das half meis­tens.

Wenn Sie nicht auf die haus­ei­gene Apo­theke zurück­ge­griffen haben – woher kamen dann all die exo­ti­schen Prä­pa­rate?

Seit meiner Zeit in Süd­korea (Trzolek betreute von 1986 bis 1994 auch die süd­ko­rea­ni­sche Natio­nal­mann­schaft, d. Red.) habe ich einen ganz guten Draht nach Asien. Bezie­hungen sind nun mal alles.

Ihre schönste Anek­dote aus der Zeit in Süd­korea?

1986, bei der WM in Mexiko, musste ich lernen, dass die Süd­ko­reaner doch ein anderes Zeit­ver­ständnis besitzen als wir Deut­schen. In der ersten Nacht in Mexiko machte ich um drei Uhr mor­gens die Augen auf – und vor mir stand ein Koreaner! Für die war das ganz normal.

Sie haben sich hof­fent­lich trotzdem mit Ihren neuen Spie­lern ver­standen.

Natür­lich. Und das, obwohl ich gleich zu Beginn eines der schlimmsten Ver­bre­chen gegen die korea­ni­schen Tisch­sitten begangen hatte.

Wie bitte?

Wir saßen alle am Tisch. Irgend­wann lief mir die Nase, ich griff mir ein Taschen­tuch, drehte mich höf­lich weg und schnäuzte hinein. Plötz­lich war es ganz still im Saal. Knapp 30 Koreaner starrten mich an und ließen fast die Ess­stäb­chen aus den Fin­gern fallen. Erst mein Dol­met­scher klärte mich auf: Am Ess­tisch sit­zend in ein Taschen­tuch zu schnäuzen, ist in Süd­korea eine Tod­sünde! Von diesem Tag an zog ich ein­fach die Nase hoch.

Bei der WM in Mexiko litten vor allem die Euro­päer unter der Darm­krank­heit Mon­te­zumas Rache“. Wel­ches Wun­der­mittel hatten Sie für Ihre Spieler parat?

Das brauchten die gar nicht. Süd­ko­reaner essen gene­rell so viel Knob­lauch, dass Darm­krank­heiten fast keine Chance haben.

1994 in den USA, bei Ihrer dritten WM mit Süd­korea, war es teil­weise unglaub­lich heiß. Wie haben Sie auf die Tem­pe­ra­turen reagiert?

Da kannst du nichts anderes machen, als die Spieler so lange wie mög­lich in nasse Tücher ein­zu­wi­ckeln. Die Kälte ver­klei­nert die Gefäße. In der Halb­zeit­pause des Vor­run­den­spiels gegen Deutsch­land sah es in unserer Kabine aus wie in einer Lei­chen­halle: Überall lagen Körper, zuge­deckt mit weißen Laken.

Süd­korea verlor damals im Grup­pen­spiel nur knapp mit 2:3. Zur Halb­zeit hatte es noch 3:0 für Deutsch­land gestanden…

Kein Wunder, dass die Deut­schen fast noch ein­ge­bro­chen sind: Schon vor dem Spiel machten die sich ganz in Ruhe warm, als wären da draußen nicht 45, son­dern ange­nehme 15 Grad. Ich hätte die Spieler ja gerne gewarnt, aber das verbot mir mein Job als Mit­glied der süd­ko­rea­ni­schen Mann­schaft.

Ab 1994 haben Sie sich wieder voll­ständig auf Bayer Lever­kusen kon­zen­triert. Manager war damals schon längst Reiner Cal­mund. Dessen Figur muss Sie doch dazu ani­miert haben, ein paar gewichts­re­du­zie­rende Heil­kräuter ein­zu­kaufen…

Auf meinen Rat hin hat Calli ja auch irgend­wann mit Trenn­kost begonnen. Leider hat er ledig­lich die Teller getrennt, nicht aber das Essen. Was sollte ich da machen?

Dieter Trzolek, die Meis­ter­feier von Borussia Dort­mund war extrem alko­hol­ge­schwän­gert. Jürgen Klopp und seine Spieler waren ordent­lich ange­schi­ckert. Ver­raten Sie uns: Wel­ches Wun­der­mittel hilft gegen den Kater am nächsten Morgen?

Da muss ich Sie ent­täu­schen: Das ein­zige, was hilft, ist viel Wasser, viel­leicht ein wenig Magne­sium und ein biss­chen Bewe­gung. Das Heil­kraut gegen den Suff ist noch nicht gefunden worden.