1.
Der junge Michael Bal­lack pro­vo­zierte bei den Alt-Hauern unter den Trai­nern stets bestimmte Schlüs­sel­reize. Udo Lattek sagte einst über ihn: Ich könnte dem Michael auf dem Platz pau­senlos in den Arsch treten!“ Trainer-Legende Otto Reh­hagel setzte den jungen Bal­lack bei Kai­sers­lau­tern irgend­wann auf die Bank, wor­aufhin der sich zum Ver­eins­wechsel nach Lever­kusen schmollte. Reh­hagel zum Abschied: Bal­lack ist ein Ersatz­spieler, der in jeder Bezie­hung zu unreif ist.“ Im Nach­hinein dankte der Capi­tano der Trai­ner­le­gende eher auf zyni­sche Weise: Ich muss Herrn Reh­hagel ja fast dankbar sein, immerhin hat er mir indi­rekt den Weg nach Lever­kusen geebnet, als er mich in Lautem auf die Bank setzte.“

2.
An der Geburts­stunde der Super-Slow-Motion-Kamera war Michael Bal­lack maß­geb­lich betei­ligt. Als er im ent­schei­denden Vor­run­den­spiel der EM 2008 gegen Öster­reich das Leder mit 120 Sachen in den Willi knüp­pelte, folgte auf den Gewalt­schuss eine Super-Slowmo mit einer Studie von Bal­lacks Gesichts­zügen: Eine Grat­wan­de­rung von purer Wil­lens­kraft und Ent­schlos­sen­heit über Erwar­tung zu aus­ge­las­sener Freude, Jubel und Erleich­te­rung. Deutsch­land kam weiter. Öster­reich flog raus. Bal­lack wurde Vize-Euro­pa­meister.

3.
Wäh­rend der WM 2006 spielte Bal­lack mit den Natio­nal­mann­schafts­kol­legen im Schloss­hotel gerne mal um ein paar Penunzen Darts. Gene­rell schien die Atmo­sphäre im Ber­liner Gru­ne­wald ent­spannt gewesen zu sein: Nach über­stan­dener Vor­runde fei­erte die Natio­nal­mann­schaft laut Bal­lack sogar eine rich­tige Fete“. Für den Sound­tep­pich sorgte Bal­lacks Ber­liner Kumpel DJ Noppe“ nebst zwei Sän­gern. One-Hundred-And-Eighty!

4.
Ossis sind nicht in der Lage, Füh­rungs­spieler zu sein. Sagte Günter Netzer anno 2003 über Bal­lacks DDR-Kind­heit im ver­meint­lich fal­schen System. Dort zählte das Kol­lektiv, das hat den Weg für Genies ver­stellt.“ Bal­lack war empört und bekam Unter­stüt­zung von allen Seiten: die dama­lige CDU-Chefin Angela Merkel, selbst aus der Ucker­mark, rügte Netzer und attes­tierte ihm man­gelnde Kenntnis“, schließ­lich gäbe es genü­gend Gegen­bei­spiele für Füh­rungs­qua­lität. Ulf Kirsten ging noch weiter: Die DDR hat ohne Füh­rungs­spieler bei der WM 1974 gegen den DFB mit Leit­figur Günter Netzer 1:0 gewonnen.“

5.
Als Michael Bal­lack und seine Freundin Simone sich nach zehn Jahren und drei Kin­dern 2008 ent­schlossen zu ehe­li­chen, wurde bei der Feier geklotzt, nicht gekle­ckert. Im Baye­ri­schen Yacht-Club“ am Starn­berger See mit 200 Gästen war der Über­ra­schungs­gast der Fes­ti­vität kein gerin­gerer als Elton John. Nach ein­ein­halb Stunden mit Schmu­se­lie­dern wie Candle in the wind“ sang Sir John sogar noch die deut­sche Natio­nal­hymne und einen eigens für den Abend kom­po­nierten Song. Aus­züge: Michael, du bist mein Lieb­lings­spieler in der eng­li­schen Pre­mier League. Du bist jeder­zeit herz­lich in mein Haus ein­ge­laden.“

6.
Michael Bal­lack kann alles ver­kaufen. 2005 kannten bereits 98% aller Deut­schen den Sachsen. Die Mehr­heit konnte sich sogar darauf einigen, Bal­lack als den deut­schen David Beckham zu bezeichnen. Es folgte der markt­wirt­schaft­liche Aus­ver­kauf: Bal­lack machte Wer­bung für Müs­li­riegel, einen Elek­tronik­kon­zern, Spie­le­kon­solen, Sport­ar­tikel, ver­schie­dene Cola-Sorten, Internet- und Tele­fon­ver­träge, Mobil­te­le­fone, Last-Minute-Urlaub, Burger, Com­pu­ter­spiele und Bahn­fahren. Selbst eine Michael Bal­lack-Action­figur ver­kaufte sich binnen kür­zester Zeit 40.000 Mal.

7.
Im Vor­feld der WM 2006 machte der Bal­lack-Hype nicht mal vor der Intim­sphäre halt: Beate Uhse ver­kaufte tat­säch­lich WM-Vibra­toren mit der Auf­schrift Michael B.“ Und da sich über Geschmack bekannt­lich streiten lässt, gab es auch einen Dildo, der Olli K.“ hieß. Beson­ders dreist hieß es im Wer­be­text: Der knall­rote Heart­braker wird zum natio­nalen Fuß­ball­star Olli K. erklärt und das grüne Paul­chen prä­sen­tiert sich als Frau­en­schwarm Michael B. Unsere Jungs jubeln erst, wenn er ganz drin ist.“ Für das Nach­spiel sorgten die Fuß­ball­stars höchst­per­sön­lich mit einer erfolg­rei­chen Klage. Schwarz-Rot-Geil.

8.
Bal­lacks Wir­kung aufs andere Geschlecht zog viel Kon­kur­renz für Simone Bal­lack nach sich. Der TV-Tratsch­tante Nina Ruge lief einst das Wasser im Munde zusammen: Eins­neun­und­achtzig. Schwarz­ge­lockt. Der mus­ku­löse Kör­perbau eines Leoparden…Götter sind so.“ Schock­schwe­renot! Von den Lese­rinnen der Max“ wurde Bal­lack sogar zum ero­tischsten Sportler Deutsch­lands gewählt. Selbst Uli Hoeneß schien zeit­weilig bezirzt: Bal­lack wirkt wie eine antike Statue.“ Ob er jedoch am Tegernsee eine Bal­lack-David-Nackedei-Skulptur ohne Arme auf­stellen ließ, ist eher zwei­fel­haft, denn ob man den Sachsen sexuell anzie­hend fände, wäre dann doch eher Geschmacks­sache“. Die 50 Lie­bes­briefe pro Tag zen­sierte Simone sicher­heits­halber wachsam – er sollte nicht jeden zu lesen bekommen.

9.
Die Leich­tig­keit in den Bewe­gungs­ab­läufen. Das leicht arro­gant wir­kende Auf­treten auf dem Platz. Die über­ra­gende Technik und das fuß­bal­le­ri­sche Talent. Michael Bal­lack wurde schon früh mit Becken­bauer ver­gli­chen: Er wurde Balla­bauer“ und schon in der Jugend kleiner Kaiser“ genannt. Dass die Ana­logie nicht einmal vor der Fami­li­en­pla­nung halt machte, muss höhere Gewalt sein: Denn wie einst der Kaiser, wurde auch Michael Bal­lack Vater aus­schließ­lich von Söhnen und wünschte sich eine Tochter. Becken­bauer blieb ein­fach dran: Dessen Toch­ter­wunsch wurde nach vier Söhnen 2003 erfüllt.

10.
Nur der Voll­stän­dig­keit halber: Kein Spieler schaffte es je, das Vize-Quadrouple zweimal zu errei­chen. Bal­lack wurde 2002 und 2008 in einer Saison je Zweiter in vier Wett­be­werben (Meis­ter­schaft, natio­naler Pokal, Cham­pions-League, Welt- bzw. Euro­pa­meis­ter­schaft). Das Pech war ein Leit­motiv in Bal­lacks Fuß­ball­kar­riere. Der mediale Wider­hall bestä­tigte dies oft: der Unvoll­endete“, der ewige Zweite“, Vize-Bal­lack“. Ein Eigentor gegen Unter­ha­ching ver­hin­derte die Meis­ter­schaft, eine Gelb­sperre ver­hin­derte das WM-Finale 2002 und eine Boateng-Grät­sche zer­störte die Teil­nahme an der WM 2010. Die Wade der Nation sei getröstet: Tragik plus Zeit ergibt Komik.