Seite 3: Endstation Grätsche

11. Pierre Cha­puisat
End­sta­tion Grät­sche
Mit gestrecktem Bein rauscht Pierre-Albert Gabet“ Cha­puisat heran und zer­trüm­mert Knie­scheibe und Kreuz­band. Das Foul am 13. Sep­tember 1985 im Spiel Ser­vette Genf gegen Vevey beendet abrupt die Kar­riere von Lucien Favre. Zwar kehrt Favre nach Monaten Ver­let­zungs­pause zurück, zu alter Form findet er aber nicht mehr. Cha­puisat, Vater von Dort­mund-Star Ste­phane: So ein Foul gibt es jede Woche. Ich wollte mich nach dem Spiel im Kran­ken­haus bei ihm ent­schul­digen. Favre hat abge­lehnt.“ Statt­dessen klagte Favre vor einem Zivil­ge­richt.

10. Helmut Rahner
Mensch, Tier, Nummer Vier
Wenn der Rahner 90 Minuten auf dem Platz steht, hat der Schieds­richter einen schlechten Tag gehabt“, schnaufte einst Bochums Prä­si­dent Werner Alte­goer empört. Gemeint war Helmut Rahner, gebür­tiger Ober­franke, Kampf­name Alu“. Der bediente sich als Vor­stopper alter Schule der gän­gigen Mit­teln seiner Zunft. Zur Begrü­ßung gab es ein Tack­ling mit Ball“, erklärte Rahner das Zere­mo­niell eines gewöhn­li­chen Bun­des­li­gasams­tags. Mit seiner bra­chialen Gangart schaffte es der Blond­schopf mit der Ivan-Drago-Frisur im Herbst 1994 in den Mit­tel­punkt einer Bild“-Kampagne („Rambo-Rahner“), was ihn nur zu neuen Höchst­leis­tungen anspornte: Ein grö­ßeres Kom­pli­ment kann man ja als Abwehr­spieler gar nicht bekommen.“ Bit­tersüß auch das nach ihm benannte Kirsch­wasser Rah­ners Blut­grät­sche“, 42 Pro­zent Alkohol. Kenner seiner Spiel­weise wird es nicht über­ra­schen, dass er 1993 immerhin mit Erfolg an einer Welt­meis­ter­schaft teil­nahm: der Militär-WM in Marokko.

9. Norman Hunter
Der Waden­beißer
Eine ganze Lauf­bahn in einen Satz. Norman Bites Yer Legs“, schrieb ein Leeds-United-Fan auf seinen Dop­pel­halter und gab dem legen­dären Waden­beißer seinen Spitz­namen. Unge­klärt, ob Hun­ters bemer­kens­werte Gna­den­lo­sig­keit auf jenen kruden Fit­ma­cher-Cock­tail aus Sherry und rohen Eiern zurück­zu­führen ist, den sich der schmäch­tige Teen­ager auf Anwei­sung seines Trai­ners täg­lich ein­ver­leiben musste. An der Seite von Jack Charlton machte Hunter jeden­falls ab 1962 Jagd auf Schien­beine, in der Regel mit Erfolg und ent­lang der Erkenntnis: Man musste damals schon einen Mord begehen, um vom Feld zu fliegen.“ Meis­ter­schaft, FA- und Liga­pokal gewann der Mann mit den tief­hän­genden Augen­brauen, auch im WM-Kader 1966 hatte er seinen festen Platz. Auf den Rasen ließ ihn Coach Alf Ramsey wäh­rend der erfolg­rei­chen Titel­mis­sion jedoch sicher­heits­halber nicht, um das Ansehen der eng­li­schen Krone nicht zu befle­cken. Auf­müp­fige Stürmer bekämpfte Hunter auch her­nach mit allen Mit­teln. Zu Berühmt­heit brachte es seine Bare­knuckle-Ein­lage gegen Derby-Angreifer Francis Lee im November 1975. Hunter fügte dem gedrun­genen Lee mit einer sehens­werten Links-Rechts-Kom­bi­na­tion eine Platz­wunde zu. Bezeich­nend: Als sein Trainer Les Cocker hörte, dass Hunter pau­siere, weil er ein Bein gebro­chen“ habe, fragte er rou­ti­niert: Wessen Bein?“

8. Roy Keane 
Ele­fan­ten­ge­dächtnis
Der kan­tige Ire zeichnet für eines der übelsten Revan­che­fouls der Geschichte ver­ant­wort­lich. Dem Nor­weger Alf-Inge Håland trat er im Man­chester-Derby 2001 mit gestrecktem Bein gegen das Knie – mit voller Absicht, wie Keane kurz darauf in seiner Auto­bio­grafie preisgab. Hin­ter­grund: Håland hatte Keane drei­ein­halb Jahre zuvor einer Schwalbe bezich­tigt, obwohl dieser sich bei dem Zwei­kampf das Kreuz­band gerissen hatte. Doch der Ire ver­gisst nicht. Keanes lapi­darer Kom­mentar in seinen Memoiren: Take that, you cunt.“

7. Graeme Sou­ness
Kaiser mit Schnauz
Der Kaiser von Anfield“ amtierte im Mit­tel­feld mit gebo­tener Strenge. Wer dem Mann aus Edin­burgh dort etwas vor­ma­chen wollte, durfte die Ernte gleich mit nach Hause nehmen. So wie der Rumäne Lica Movila, für den das Euro­pa­pokal-Halb­fi­nale 1984 auf einer Trage endete, zwei­fach gebro­chener Kiefer inklu­sive. Movila, Kapitän von Dinamo Buka­rest, hatte sich erdreistet, Sou­ness vor den eigenen Fans mit einer fre­chen Finte vor­zu­führen. Die Ant­wort: Der beste Schlag meines Lebens“, wie sich Teil­zeit­boxer Sou­ness später freute. Fünf Meis­ter­titel und drei Euro­pa­po­kale holte der Recke mit dem Magnum-Schnauz beim FC Liver­pool – und fei­erte unge­achtet seines eher pro­le­ta­ri­schen Auf­tre­tens auf dem Rasen hin­terher am liebsten mit edlem Pri­ckel­wasser, sein zweiter Spitz­name: Cham­pagne Charlie“. 1988 ereilte erneut einen Rumänen der Zorn des Sou­ness, nun bei den Glasgow Ran­gers. Iosis Rotariu von Steaua Buka­rest sank, emp­find­lich in den Weich­teilen getroffen, unter dem Stiefel des Schotten zusammen wie eine durch­lö­cherte Hüpf­burg. Sou­ness for­derte der­weil vehe­ment Frei­stoß – für sich. Die Ran­gers-Fans waren es gewöhnt, Sou­ness hatte bei seinem Debüt als Spie­ler­trainer gleich eine Rudel­bil­dung mit allen 22 Spie­lern pro­vo­ziert.

6. Pepe 
Rücken­mas­sage spe­zial
Wer zählt noch die Fouls, die Tritte, die Tät­lich­keiten von Képler Laveran Lima Fer­reira, kurz Pepe? Die meisten Anhänger würden beim Real-Ver­tei­diger ver­mut­lich nicht mal mehr einen Son­nen­stuhl am Algarve-Strand mieten – schließ­lich besteht die Gefahr, dass der Por­tu­giese einem auf ein emp­find­li­ches Kör­per­teil tritt – ein­fach so. Zur Blüte reift der trick­reiche Defen­siv­mann stets beim Clá­sico. Flog Pepe für sein gestrecktes Bein gegen Dani Alves im Cham­pions-League-Halb­fi­nale 2011 immerhin vom Platz, gelang es dem Treter, Lionel Messi ein Jahr später die Hand zu per­fo­rieren, ohne gesperrt zu werden. Sein Meis­ter­stück der dre­ckigen Kriegs­füh­rung zeigte der cho­le­ri­sche Glatz­kopf bereits im April 2009. Ein Schubser gegen Getafes Javier Cas­quero war nur der Auf­takt zu einer selten gese­henen Serie von Tät­lich­keiten im Sekun­den­takt. Beson­ders inno­vativ: die Rücken­mas­sage mit auf­ge­setztem Stollen. Hätte man Pepe nicht gestoppt, hätte er Cas­quero sicher auch dem Water­boar­ding unter­zogen. Weil die Fern­seh­bilder in jeder Video­thek im Bereich Splatter-Movies“ ein­sor­tiert würden, gab es in La Liga zehn Spiele Sperre. Pepe selbst sieht das ganz anders: In 60 oder 70 Pro­zent meiner Spiele begehe ich kein ein­ziges Foul. Und jedes Mal wenn doch, tun alle so, als hätte ich jemanden ermordet.“

5. Nobby Stiles
Der erste Ter­rier
Unter den harten Jungs der Fuß­ball­ge­schichte war Nor­bert Peter Stiles wohl der­je­nige mit den ungüns­tigsten Vor­aus­set­zungen. Klein gewachsen und stark kurz­sichtig lief er auf dem Platz mit Kon­takt­linsen auf und trug ansonsten eine Brille mit Glas­bau­steinen. Den kuriosen Auf­tritt kom­plet­tierte der Umstand, dass Stiles bereits früh im Infight auf dem Platz eine ganze Zahn­reihe abhan­den­ge­kommen war. Den Zahn­ersatz, mit dem er fortan kickte, nahm er des Öfteren heraus, um den Gegner ein­zu­schüch­tern. Denn darum ging es letzt­lich in jener Dekade, als den offen­siven Mit­tel­feld­spie­lern stets ein gna­den­loser Eisenfuß an die Seite gestellt wurde, der den geg­ne­ri­schen Spiel­aufbau mit allen Mit­teln zu zer­stören hatte. Kaum einer bewegte sich sicherer auf diesem schmalen Grad zwi­schen erlaubter Härte und vor­sätz­li­cher Kör­per­ver­let­zung als Stiles, der zunächst hinter Bobby Charlton und später George Best vor­bild­lich den Rück­raum sauber hielt. Sein Meis­ter­stück lie­ferte er im WM-Halb­fi­nale 1966 gegen Por­tugal ab. Er atmete Eusebio neunzig Minuten lang so heiß in den Nacken, dass der por­tu­gie­si­sche Spiel­ma­cher voll­ends ein­ge­schüch­tert über den Platz lief. Still wie eine Maus“, höhnten eng­li­sche Zei­tungen anschlie­ßend. In der Pres­se­kon­fe­renz nach dem Spiel musste sich Coach Alf Ramsey für das Zer­stö­rungs­werk seines Defen­siv­mannes recht­fer­tigen, er tat es ange­sichts des eng­li­schen Final­ein­zugs mit Ver­gnügen. Stiles selbst ver­zich­tete darauf, sein wohl bestes Spiel im Eng­land-Jersey wie die Mann­schafts­kol­legen mit Drinks zu feiern. Er war wegen einer Ver­let­zung voll­ge­pumpt mit Anti­bio­tika. Nach dem WM-Sieg hielt Stiles den Pokal in der einen Hand, seine Zähne in der anderen. Auch des­halb bekam er in Vinnie Jones legen­därem Klop­per­video Soccer’s hard men“ selbst­ver­ständ­lich einen Ehren­platz.