Seite 2: Schulz-Dusau

22. Michael Schulz
Schulz-Dusau
Okay, es gibt Jan-Ingwer Callsen-Bra­cker, doch den schönsten Dop­pel­namen der Bun­des­li­ga­ge­schichte trägt dieser freund­liche Haudrauf aus dem Ruhr­ge­biet: Michael Schulz-Dusau. Dabei hatte er den Ehren­titel gar nicht für eine Tre­terei, son­dern ein ver­meint­li­ches Zeit­spiel ver­liehen bekommen. Nachdem der Dort­munder Ver­tei­diger vom Duis­burger Alfred Nijhus unsanft in die Hori­zon­tale beför­dert worden war, dau­erte den MSV-Fans die Rekon­va­les­zenz ent­schieden zu lange, worauf das halbe Sta­dion brüllte: Schulz, du Sau!“ Der Name setzte sich bun­des­weit durch, Schulz ließ später sogar eine kleine rosa­far­bene Sau auf seine Auto­gramm­karten dru­cken. Nach seiner Zeit beim BVB bil­dete er bei Werder Bremen mit Uli Borowka ein Abwehrduo des Grauens.

21. Billy Bremner
Jen­seits der Moral
Als Joseph Schum­peter von der schöp­fe­ri­schen Kraft der Zer­stö­rung schrieb, muss er bereits etwas von Billy Bremner geahnt haben. Denn der Kapitän von Leeds United zer­trüm­merte, brach, ließ split­tern. Und begrün­dete so die erfolg­reichste Ära des nord­eng­li­schen Fuß­ball­klubs. Bremner setzte vor­bild­lich um, was Coach Don Revie dem Team ein­ge­bläut hatte: der geg­ne­ri­schen Mann­schaft Angst zu machen. Dass Leeds als schmut­zige Truppe galt, in der Ethik und Anstand keine Rolle spielten – geschenkt. Bremner gab den cap­tain of the crew, trat und grätschte und wusste harte Jungs wie Norman Hunter hinter sich, die im Not­fall den Rest erle­digten. Dabei war Bremner relativ klein, kein Wunder, dass man ihn seine Faust­hiebe auf Fotos stets nach schräg oben aus­führen sah. So wie 1974, als er sich wäh­rend des FA Cha­rity Shields mit Liver­pools Kevin Keegan prü­gelte. Referee Reg Mat­thewson scheuchte beide ange­wi­dert vom Rasen, es war das erste Mal, dass im alt­ehr­wür­digen Wem­bley Spieler vom Platz flogen. Bremner sah bei seinem Abgang nicht aus, als würde ihm das etwas aus­ma­chen.

20. Paul Steiner
Sym­pa­thie­träger
Die Erin­ne­rung an die Szene lässt all jenen, die dabei waren, noch heute das Blut in den Adern gefrieren. Es war irgendwo im Mit­tel­feld, als Paul Steiner, sei­ner­zeit in Diensten des MSV Duis­burg, ange­rauscht kam und mit einer unmo­ti­vierten Grät­sche dem Kölner Spiel­ma­cher Heinz Flohe das Schien- und Waden­bein brach. Als wäre es ange­sichts des Krachs der split­ternden Kno­chen und des gro­tesk ver­renkten Beines noch nötig gewesen, ließ Flohe die Anwe­senden laut­stark wissen, was pas­siert war. Das Bein ist ab, das Bein ist ab!“, schrie er immer wieder, von Schmerzen gepei­nigt. Paul Steiner sah für die Aktion eine Gelbe Karte – und beschwerte sich reflex­artig. Heinz Flohe hat danach nie wieder ein Spiel machen können und später ver­sucht, Steiner auf Scha­dens­er­satz zu ver­klagen, was schei­terte, da dem tief­flie­genden Sen­sen­mann keine Absicht nach­zu­weisen war. Bizar­r­er­weise wurde Paul Steiner andert­halb Jahre nach dem bru­talen Foul vom 1. FC Köln ver­pflichtet und ent­wi­ckelte sich zum Leis­tungs­träger. Der Ver­tei­diger sorgte indes nicht nur mit seiner rus­ti­kalen Spiel­weise für Schlag­zeilen. Dem dama­ligen Nürn­berger Sou­leyman Sané soll er zuge­rufen haben: Scheiß Nigger, hau ab! Was willst du in Deutsch­land?“ Steiner bestritt das, hier stand Aus­sage gegen Aus­sage. Ganz offen bekannte der betont mas­ku­line Schnauz­bart­träger hin­gegen, er könne sich nicht vor­stellen, dass Homo­se­xu­elle in der Lage seien, ver­nünftig Fuß­ball zu spielen. Bis ihn in einer TV-Talk­show der schwule spä­tere St. Pauli-Prä­si­dent Corny Littman damit kon­fron­tierte, dass er bereits mit einem Spieler aus dem aktu­ellen Kader des 1. FC Köln eine schöne Lie­bes­nacht ver­bracht habe. Da hat Paul Steiner dann doch etwas sparsam aus der Wäsche geschaut.

19. Dieter Schlind­wein
Eisen-Dieter
Wie meinte unsere Oma immer: Wo der zulangt, da wächst kein Gras mehr!“ Sie hätte das pro­blemlos auch über Dieter Schlind­wein sagen können, dessen Spitz­name Eisen-Dieter“ nicht von unge­fähr kam. Schlind­wein selbst hat das mal schlüssig erklärt: Wenn du halb­herzig in die Zwei­kämpfe gehst und dich bei Schüssen weg­drehst, kannst du nicht gewinnen.“ Zumin­dest nicht als tech­nisch eher limi­tierter Kicker beim FC St. Pauli. Bevor er im, äh, Kult­verein zum Kult­ki­cker wurde, hatte Schlind­wein, der aus der humor­be­freiten Mann­de­cker­schule des SV Waldhof Mann­heim (Tsionanis, Kohler, Wörns) stammte, mit Ein­tracht Frank­furt den DFB-Pokal gewonnen. Seine end­gül­tige Bestim­mung fand er jedoch als Natur­ge­walt vom Mill­erntor. Dort liebten sie ihn, und das, obwohl er einmal seinen Mit­spieler Leo Manzi als schwarze Sau“ beschimpfte – was Schlind­wein später auf­richtig leid tat. Er war im Übrigen gar nicht ein­ver­standen, wenn er nur auf die Rolle des Rüpels redu­ziert wurde: Ich bin kein Treter. Ich kann auch Pässe spielen.“ Sein letztes Pro­fi­spiel been­dete er den­noch stan­des­gemäß: mit einer Roten Karte.

18. Basile Boli
Dis­kreter Treter
Der Ver­tei­diger von Olym­pique Mar­seille war vor allem eines: lern­fähig. 1983 hatte ihn Roger Milla aus­dau­ernd, aber für den Schieds­richter schwer zu erkennen, mit dem Ellen­bogen bear­beitet. Bis Boli durch­drehte und Milla mit einem Kopf­stoß nie­der­streckte. Prompt flog Boli vom Platz und begriff: Das ist die Anfangs­lek­tion: Schlag zu, bevor sie dich schlagen, aber schlage dis­kret.“ Fortan mal­trä­tierte er die Stürmer weniger auf­fällig und machte nur noch einmal eine Aus­nahme, als er Eng­lands Stuart Pearce bei der Euro 1992 fällte – natür­lich per Kopf­stoß.

17. Gen­naro Gat­tuso
Ivan, der Schreck­liche
Ganz der Tra­di­tion seiner knüp­pel­harten Vor­gänger Tar­delli und Gen­tile ver­pflichtet sah sich Gen­naro Gat­tuso. Wäh­rend seiner Zeit beim AC Milan und in der Squadra Azzurra wurde der bär­tige Heiß­sporn immer wieder seinem mit Bedacht gewählten Zweit­namen Ivan“ gerecht und kaufte selbst aus­ge­wie­senen hard men wie Zlatan Ibra­hi­movic den Schneid ab. Ibra­hi­movic, selbst durch elas­ti­sche Regel­aus­le­gung bekannt, bekam in einem Euro­pa­po­kal­spiel den Hand­rü­cken durchs Gesicht gezogen. Bei anderer Gele­gen­heit ging Gat­tuso Tot­tenham-Coach Joe Jordan an der Sei­ten­linie so an die Gurgel, dass der kurz karpfen­artig nach Luft schnappte. Durch robusten Ein­satz seines Astral­kör­pers hielt das neben­be­ruf­liche Unter­wä­sche­model ansonsten Andrea Pirlo tadellos den Stress vom Hals. Nach über 300 Serie-A-Ein­sätzen lässt Gat­tuso seine Kar­riere nun im beschau­li­chen Schweizer Kanton Wallis beim FC Sion aus­klingen – und ist tröst­li­cher­weise ganz der Alte. Im Liga­spiel bei den Young Boys Bern schnappte er sich nach einem Foul an einem Mit­spieler die Gelbe Karte und wedelte damit dem Schiri vor dem Gesicht herum. Der knallte die Hacken zusammen und sprach die fäl­lige Ver­war­nung aus, wäh­rend der ehren­werte Signore selbst­re­dend unge­straft davon kam.

16. Dave Mackay
Edel­mann in Rage
Sage keiner, harte Jungs könnten nicht auch ein­ste­cken. Dave Mackay, Abwehr­mann bei Tot­tenham, brach sich bei Tack­lings gleich zweimal auf schau­er­liche Weise das Bein. Als ihn dann im Zwei­kampf ein anderer hard man, Billy Bremner, mit Tritten an das lädierte Bein pie­sackte, ging Mackay Bremner an den Tri­kot­kragen. Das Foto des stock­wü­tenden Mackay und des sicht­lich ein­ge­schüch­terten Bremner, wurde zum Sym­bol­bild des toughen Fuß­bal­lers schlechthin (bis Vinnie Jones Paul Gas­coigne herz­haft ins Gemächt griff). Dabei war er beson­ders, anders, wenn man so will, edel­mü­tiger. Er war bereit und wil­lens, Gegen­spie­lern Schmerzen zuzu­fügen, über­schritt dabei aber, im Gegen­satz zu vielen üblen Tre­tern, nie­mals die Grenze zur jus­ti­tia­blen Kör­per­ver­let­zung.

15. Ben­jamin Mas­sing
Das Wild erlegt
Nie hatte eine Treib­jagd so viele Zuschauer wie am Abend des 8. Juni 1990, als die Kame­runer Abwehr im Eröff­nungs­spiel der WM Jagd auf den argen­ti­ni­schen Stürmer Claudio Can­nigia machte. Am eigenen Straf­raum gestartet, wird Can­nigia erst­mals auf Höhe der Mit­tel­linie von einem Kame­runer umge­rissen. Doch der Angreifer ist zu schnell, zwar wankt er, gewinnt dann aber wieder schnell an Fahrt. Der zweite Kame­runer kommt mit einer Grät­sche ange­flogen, Can­nigia stol­pert und kann sich bei vollem Tempo nur mit Mühe auf den Beinen halten. Bis Innen­ver­tei­diger Ben­jamin Mas­sing die grau­same Hatz beendet. Er tritt den nur noch besin­nungslos dahin­tau­melnden Can­nigia mit voller Kraft final um, ein Tack­ling von epi­scher Wucht. Das Wild war zur Strecke gebracht und konnte nun waid­män­nisch auf­ge­bracht werden. Wie unge­mein hart Mas­sing zuge­treten hatte, offen­barte sich rasch. Denn der Kame­runer hatte bei seiner Grät­sche einen Schuh ver­loren. Schieds­richter Vau­trot aus Frank­reich zeigte sich derart beein­druckt, dass er Mas­sing zunächst mit Roter Karte vom Platz schickte und ihm, quasi als Aner­ken­nung, zusätz­lich noch mal Gelb hin­terher zeigte. Mas­sing zog dann, nach Ver­bü­ßung der Kurz­sperre, eine Schneise der Ver­wüs­tung durchs Tur­nier und ver­ur­sachte, aus­glei­chende Gerech­tig­keit, den ent­schei­denden Elf­meter im Vier­tel­fi­nale gegen Eng­land, indem er Gary Lineker ohne Sinn und Ver­stand im Straf­raum fällte. Immerhin behielt er diesmal seine Schuhe an.

14. Jose Camacho
Ohne Schützer
In den Duellen zwi­schen Real Madrid und dem FC Bar­ce­lona war dieser spa­ni­sche Qua­drat­schädel Johan Cru­yffs schlimmster Alp­traum. Mit schweiß­durch­tränktem Trikot, grim­migem Blick und tie­fer­ge­legten Stutzen folgte der Schien­bein­scho­ner­ver­ächter dem hol­län­di­schen Fein­geist über den ganzen Platz und ver­darb ihm oft genug die Freude am Spiel. Der Mann aus Murcia redete nicht viel, er ließ Taten spre­chen – ein Cha­rakter wie aus einem Spa­ghet­ti­wes­tern. José Camacho war einer der Här­testen. Sagt Uli Borowka, und der muss es wissen.

13. Ron Chopper“ Harris
Das inak­zep­table Gesicht
Um einen Super­lativ zu bemühen: Ron Chopper“ Harris war, neben Vinnie Jones, der här­teste, gna­den­lo­seste, zynischste Treter, der je bei Chelsea spielte. Oder um mit der Lon­doner Times“ zu spre­chen: Das inak­zep­table Gesicht einer talen­tierten Chelsea-Mann­schaft“. Und in der Tat hin­ter­ließ Ver­tei­diger Harris gebro­chene Beine, lädierte Bände, zer­fetzte Menisken, wo immer er auch antrat. Motto: Wenn er sich bewegt, tritt ihn!“ Den inof­fi­zi­ellen Höhe­punkt seiner Kar­riere fei­erte der stets adrett geschei­telte und unüber­troffen unschuldig lächelnde Harris im Wie­der­ho­lungs­spiel des FA-Cup-Finales 1970 in Old Traf­ford gegen Leeds United. Ein epi­sches Spiel, weil beide Mann­schaften wie von Sinnen auf­ein­ander ein­traten, schon vor dem Spiel fla­ckerten immer wieder Prü­ge­leien auf. Der völlig über­for­derte Referee Eric Jen­nings ver­warnte trotz meh­rerer Prü­ge­leien und bru­taler Grät­schen im Minu­ten­takt nur einen ein­zigen Spieler, er hätte nach moderner Exper­tise sechs Rote und zwanzig Gelbe Karten ver­teilen müssen. Auf­takt und zugleich Tief­punkt der Feld­schlacht war ein fieser Tritt von Ron Harris in die Knie­kehle von Eddie Gray nach acht Minuten. Gray krümmte sich vor Schmerzen und war für den Rest des Spiels außer Gefecht gesetzt, noch über 40 Jahre später kann dieses Foul den dama­ligen Leeds-Mit­tel­feld­mann Jackie Charlton in Rage ver­setzen. Eine neu­zeit­liche Doku­men­ta­tion mit Charlton konnte nur mühsam zu Ende gebracht werden. Harris findet das Tack­ling noch heute durchaus erhei­ternd. Der Trainer sei auf ihn zuge­kommen und habe ihn mit deut­li­chen Worten ermun­tert, Gray hart anzu­pa­cken. Harris mild­tätig: Es war doch freund­lich von mir, Gray immerhin noch acht Minuten spielen zu lassen.“

12. Trifon Iwanow
Braunbär, schlecht rasiert
Der über­wie­gend talent­freie Bul­gare ver­kör­perte mit Haut und Haaren die unschöne Seite des Fuß­balls. Der Vokuhil­aträger mit Voll­bart und Trief­auge wäre, wenn nicht Fuß­baller, ver­mut­lich Karus­sell­bremser oder erfolg­rei­cher Inkasso-Unter­nehmer geworden. Schwer zu sagen also, wovor die Stürmer mehr Angst hatten: vor den kom­pro­miss­losen Aktionen oder doch vor der Hot­zen­plotz-Optik des Innen­ver­tei­di­gers, der es regel­mäßig auch in die Bes­ten­listen der welt­weit häss­lichsten Sportler schafft. Gesegnet mit der Grund­schnel­lig­keit eines über­ge­wich­tigen Braun­bären, ver­schaffte sich Iwanow ander­weitig Respekt. In Bul­ga­rien als Teil der legen­dären 94er-Mann­schaft ver­ehrt, machte er prak­tisch allen Ver­eins­trai­nern durch anhal­tende Dis­zi­plin­lo­sig­keiten zu schaffen. Iwa­nows legen­därer Wild­wuchs ließ der­weil nicht nur Mit­spieler Peter Schöttel staunen, von dem die Fest­stel­lung über­lie­fert ist, Iwanow sei der ein­zige ihm bekannte Spieler, der sich nach dem Auf­stehen rasiere und zum Mor­gen­trai­ning bereits wieder mit Drei­ta­ge­bart auf­laufe.