Seite 5: „Drei, vier Worte können vieles kaputt machen“

Was ist für Sie als Profi der Ide­al­zu­stand: über Jahre kon­stant mit einem Trainer arbeiten oder immer wieder neue Reize durch Trai­ner­wechsel zu erhalten?
Schwer zu sagen. Fuß­ball ist ein flüch­tiges Geschäft. Alle drei, vier Jahre kommt ein neuer Staff. Es wäre ein inter­es­santes Expe­ri­ment, wenn Trainer nur noch alle fünf oder zehn Jahre wech­seln. Aber ich habe das noch nie erlebt.

Nerven die stän­digen Rich­tungs­wechsel auf Dauer nicht?
Es ist mein Job, mich auf neue Situa­tionen ein­zu­stellen. Und es ist eine Her­aus­for­de­rung, ob man mit den Ideen des neuen Coachs zurecht­kommt.

Klingt ja alles sehr rational, aber wo haben Sie Zweifel?
Wissen Sie, was mir in diesem Job die größten Pro­bleme bereitet?

Nein.
Dass unser Job so öffent­lich ist. Manchmal würde ich gern mehr Pri­vat­sphäre haben. Das ist übri­gens ein großer Vor­teil hier­zu­lande. In Deutsch­land respek­tieren die Men­schen, dass ich mein Lunch erst zu Ende esse, bevor ich für ein Selfie zur Ver­fü­gung stehe.

In Bar­ce­lona ist das anders?
In süd­li­chen Län­dern haben Men­schen das Gefühl, wenn sie mich drei Mal in der Woche im Fern­sehen sehen, dass ich ein alter Freund bin. Ich habe kein Pro­blem mit Fotos, aber für manche ist es schwer, Distanz zu halten. Dann muss ich sehr auf­passen, was ich sage.

Wie meinen Sie das? Drei, vier Worte können da schon vieles kaputt machen, schließ­lich habe ich eine Vor­bild­funk­tion. Aber es ist nicht ein­fach, wenn dich jemand umarmt oder sogar küsst, den du gar nicht kennst.

Wie gehen Sie damit um?
Ich sage: Lass uns doch erst einmal ein Foto machen.“

Ist das Leben als Profi heute schwerer als zu Zeiten Ihres Vaters?
Es ist anders. Früher waren die Fuß­baller viel mys­ti­scher, viel mehr wie Rock­stars. Heute sind Spieler durch die sozialen Netz­werke für Fans viel unmit­tel­barer und greif­barer.

Ihr zwei Jahre jün­gerer Bruder Rafinha spielt beim FC Bar­ce­lona im Mit­tel­feld. Hat es Vor­teile, mit einem begabten Bruder groß zu werden?
In jeder Hin­sicht. Als Kinder ver­band uns nicht nur eine gemein­same Lei­den­schaft. Ich hatte auch das Glück, dass mein Bruder damals im Tor stand, so dass wir uns gegen­seitig viel bei­bringen konnten. Er wollte der beste Keeper werden, ich der beste Spieler, also standen wir jeden Tag auf dem Platz und ich bal­lerte ihm die Dinger auf den Kasten. Mit 14 war er dann so gut, dass er eine Halb­zeit im Tor spielte und in der zweiten ins Mit­tel­feld vor­rückte.

Gibt es Mit­spieler beim FC Bayern, mit denen Sie ähn­lich gut har­mo­nieren wie mit Ihrem Bruder?
Natür­lich gibt es Fuß­baller, bei denen die Chemie von Beginn an stimmt.

Bei wem zum Bei­spiel?
Die Chemie ist gar nicht ent­schei­dend. Es ist wich­tiger, dass ich ein Gefühl dafür ent­wickle, wie sich der Ein­zelne bewegt, wo seine Stärken liegen, um ihn ein­zu­setzen. Mein Bruder und ich hatten sehr viel Zeit, um uns anein­ander zu gewöhnen. Sowas gibt es im Leben nicht zwei Mal. Wenn man so lange mit­ein­ander har­mo­niert, weiß man intuitiv, wel­chen Rhythmus der andere hat. Aber wenn ich einen anderen Rhythmus erkenne, muss ich auch in der Lage sein, ihn auf­zu­nehmen.

Und das funk­tio­niert auf Ihrem spie­le­ri­schen Niveau?
Natür­lich gibt es Spieler, denen bestimmte Skills fehlen. Aber die haben dafür andere Fer­tig­keiten. Warum sind wir hier in Mün­chen? Weil wir es ver­dienen, für diesen Klub zu spielen! Und das ver­bin­dende Ele­ment zwi­schen uns ist, dass wir uns stetig ver­bes­sern wollen.

Thiago Alcân­tara, mögen Sie die baye­ri­sche Lebensart: Weiß­bier & Weiß­wurst?
Der Bra­si­lianer in mir mag Bier, der Spa­nier bevor­zugt Wein. Aber ich trinke eher selten. Aller­dings finde ich es groß­artig, wie die Leute sich wäh­rend des Okto­ber­fests die Frei­heit nehmen, für zwei Wochen wie Kinder zu sein und zu feiern.

Würden Sie das auch gern mal tun?
Es ist nicht meine Welt, aber mir gefällt es, wenn Leute Spaß an Tra­di­tionen haben.

Und Sie finden es nicht ansatz­weise drollig?
Es gibt Sachen, die für Men­schen mit meinem kul­tu­rellen Hin­ter­grund schwer zu ver­stehen sind. Erklären Sie einem Spa­nier mal, was beim Okto­ber­fest pas­siert? Ich weiß noch, als ich man mir nach meiner Ankunft in Mün­chen eine Weiß­wurst vor­setzte. Ich dachte: Mmh, ich glaube, das esse ich jetzt besser nicht.“ Aber der Koch meinte: Probier’s halt, damit du weißt, wie es schmeckt.“

Und?
Es schmeckte gut, aller­dings noch besser mit ein biss­chen süßem Senf.