Seite 3: „Im Leben geht es nicht nur um Titel“

Und wie kam das in den kri­sen­haften Wochen in dieser Saison an?
Wissen Sie, es ist doch auch in unserem Inter­esse, gut zu spielen und das Glücks­ge­fühl, das Siege in einem Fuß­baller her­vor­rufen, zurück­zu­holen.

Wie wichtig sind Titel für Ihr Leben? Schon mit 20 holten Sie mit dem FC Bar­ce­lona die Cham­pions League.
Im Sport und im Leben geht es doch nicht nur um Titel.

Son­dern?
Darum, sich Ziele zu setzen und zu errei­chen. Das kann auch bedeuten, dass ich mir vor­nehme, mich besser zu ernähren oder im nächsten Trai­ning fünf Tore zu erzielen. Keine Ahnung, ob es mir gelingt, aber schaffen will ich es. Aber bevor ich fünf erziele, muss ich erst mal eins machen.

Sie spre­chen in Rät­seln.
Es geht im Fuß­ball darum, sich ständig indi­vi­duell zu ver­bes­sern. Lerne ich dazu, wirkt es sich auf den Erfolg des Teams aus. Titel sind das Letzte, woran ein Profi denken sollte.

Woran sonst?
Daran, der Beste im Team zu sein, der beste Spieler der Stadt, der beste des Landes. Wenn jeder so denkt, kommen Tro­phäen von ganz allein. Ich bin der Über­zeu­gung, dass das Maximum an Erfolg, das ein Sportler errei­chen kann, nur im Team­sport mög­lich ist. Weil hier so viele indi­vi­du­elle Fak­toren passen müssen.

In der Füh­rungs­etage des FC Bayern ist der Gewinn der Cham­pions League den­noch das zen­trale Ziel.
Ein Verein muss sich an sol­chen Dingen ori­en­tieren. Aber es gibt neun, zehn andere Klubs in Europa, die eben­falls das Ziel und die Mög­lich­keiten haben, es zu errei­chen.

Die WM 2014 haben Sie wegen einer Knie­ver­let­zung ver­passt, bei der WM 2018 schieden Sie mit Spa­nien unglück­lich im Ach­tel­fi­nale gegen Russ­land aus. Könnte es pas­sieren, dass als Profi ein Unvoll­endeter bleiben?
Meine Lauf­bahn bleibt doch nicht unvoll­endet, nur weil ich einen bestimmten Titel nicht hole. Eine Kar­riere ist unvoll­endet, wenn ein Spieler sich ver­letzt und vor­zeitig auf­hören muss oder weil er Mist baut, sich mit einem Team­kol­legen prü­gelt und des­halb sus­pen­diert wird.

Wären Sie fünf Jahre früher zur Welt gekommen, hätten Sie Teil der Gol­denen Genera­tion des spa­ni­schen Fuß­balls sein können.
Aus meiner Sicht haben wir auch jetzt außer­ge­wöhn­li­chen Akteure in der Natio­nalelf: Koké, Daniel Car­vajal, Saul, Isco sind Spieler, die sich auf höchstem Level bewegen und noch sehr viel errei­chen können. Der Mix stimmt. Und wir wachsen immer mehr zusammen.

Aller­dings sind Sie bei der nächsten WM bereits 31 Jahre alt?
Aber 31 ist doch noch kein Alter. (Lacht.)

Thiago Alcân­tara, Sie spielen jetzt Ihre siebte Saison in Mün­chen.
Ich hätte auch nie gedacht, dass ich so lange bleibe.

Warum ist es so gekommen?
Wenn ich einen Ver­trag unter­schreibe, denke ich im Rahmen der Lauf­zeit. Im Fuß­ball geht alles so schnell, nie­mand weiß, was dar­über hinaus pas­siert. Aber schnell stellte sich heraus, dass es in Mün­chen passt und meine Familie sich wohl fühlt. Und jetzt habe ich einen Ver­trag bis 2021.

Was im Pro­fi­fuß­ball nichts mehr bedeutet.
Mir ist schon wichtig, meine Ver­träge zu erfüllen.

Könnten Sie sich vor­stellen, in Mün­chen alt zu werden?
Zeigen Sie mir einen Fuß­baller, der sagt: Hier werde ich mein ganzes Leben ver­bringen.

Wie denken Sie? Dass ich hier guten Fuß­ball spielen will. Was soll ich über die nächste Saison nach­denken? Junge Fuß­baller träumen oft davon, bei dem Verein als zu werden, bei dem sie groß geworden sind. In meinem Fall ist das Bar­ce­lona, bei Basti, Philipp und Thomas der FC Bayern. Aber wenn Profi dann woan­ders unter­schreibt, denkt er nur noch von Saison zu Saison.