Jose Mour­inho hatte kaum Zeit. Die Fahrt zum Mili­tär­flug­hafen Tor­rejón de Ardoz nahe Madrid ließ er sich trotzdem nicht nehmen. Schließ­lich war es nicht irgend­je­mand, der da aus London ankam. Am letzten Tag der Trans­fer­pe­riode hatte Mour­inhos Klub Real Madrid Michael Essien vom FC Chelsea für ein Jahr aus­ge­liehen. Für kaum einen anderen Spieler wäre Mour­inho wohl extra zum Flug­hafen gefahren, um ihn per­sön­lich zu begrüßen. Beide kennen sich seit ihrer gemein­samen Zeit in Eng­land, schon bei Chelsea ver­band sie mehr als das nor­male Trainer-Spieler-Ver­hältnis. Als ich kam, war er schon da. Wir haben nur kurz gespro­chen, aber ich war glück­lich ihn zu sehen“, sagte Michael Essien nach seiner Ankunft am Flug­hafen.

Daddy weiß, dass ich jede Posi­tion spielen kann“

Jose Mour­inho und Michael Essien hegen eine beson­dere Bezie­hung zuein­ander. So beson­ders, dass Essiens Vor­stel­lung bei Real Madrid skurril ver­lief. Wäh­rend der Prä­sen­ta­tion nannte der Defen­siv­spe­zia­list Mour­inho zehnmal Daddy“. Stets mit einem Lächeln, aber seine Stimme hatte nichts Komi­sches. Sie blieb fest und bestimmt. Es war sein Ernst. Daddy kennt mich sehr gut. Er weiß, dass ich jede Posi­tion spielen kann. Außer Tor­hüter.“ Die Stunden vor seiner Ankunft in Madrid beschrieb Essien so: Ich war im Hotel, als mein Daddy mich anrief. Er sagte, dass er es lieben würde, mich hier zu haben. Da musste ich nicht lange über­legen. Ich sagte nur: Ja.“

Natür­lich spielte auch eine Rolle, dass Chel­seas Trainer Roberto di Matteo nicht mehr auf Essien setzte und der Verein ihn zumin­dest aus­leihen wollte. Aber viel­leicht hätte der Mann aus Ghana auch mit Streik gedroht, wenn er nicht zu Mour­inho gedurft hätte. So wie damals, im Sommer 2005, als Olym­pique Lyon Essien nicht nach Eng­land ziehen lassen wollte und erst ein­lenkte, als der mit mög­li­cher Arbeits­ver­wei­ge­rung kam. Am Ende wech­selte Essien an die Stam­ford Bridge. Die 38 Mil­lionen Euro waren die teu­erste Ablöse, die der Klub aus der Pre­mier League bis dahin für einen Spieler bezahlt hatte. Essien war zu diesem Zeit­punkt aber kein Star der ersten Kate­gorie, kein Frank Lam­pard und erst recht kein Ronald­inho. Es gab Kritik an Mour­inho, dass er so viel Geld aus­ge­geben hatte für einen, der nie zuvor bei einem großen Klub gespielt hatte. Doch es dau­erte nicht lange, bis die Zweifel ver­schwanden.

Der Neue arbei­tete hart, er hörte genauer hin als andere, wenn der Mour­inho im Trai­ning etwas erklärte. Essien fegte über den Platz, er wuch­tete sich in jeden Zwei­kampf und spielte mit einer Lei­den­schaft, wie sie die Fans im Süd­westen Lon­dons bis dahin selten gesehen hatten. Bison“ nannten sie ihn. Michael Essien, eine Natur­ge­walt. Im defen­siven Mit­tel­feld von Chelsea war der Gha­naer bald gesetzt, trotz so starker Kon­kur­renten wie Michael Bal­lack oder John Obi Mikel. Für ihn schien es kein Limit zu geben, bis vor seiner schweren Knie­ver­let­zung 2008 war Essien mit seiner Mischung, aus Ath­letik, Spiel­in­tel­li­genz und Technik viel­leicht sogar der beste Sechser“ der Welt.

Mour­inho hatte es mal wieder allen gezeigt, weil Essien ihn seinen Trainer dafür gewinnen konnte, ihn in seine Heimat Ghana zu begleiten. Als Kind wuchs Essien in ärm­li­chen Ver­hält­nissen auf. Ohne Vater, mit vier Schwes­tern. Sein Bruder starb, als Michael klein war. Die Mutter musste die Familie durch­bringen. Geld für Fuß­ball­schuhe blieb nicht übrig, die meiste Zeit seiner Kind­heit spielte Essien barfuß. Ein Teil des Geldes, das er heute als Fuß­baller ver­dient, fließt in soziale Pro­jekte in Ghana. Es gibt die Michael Essien Foun­da­tion“, die sich unter anderem darum küm­mert, benach­tei­ligten Kin­dern das Lesen bei­zu­bringen oder ihnen Sport­treiben ermög­licht. 

Mour­inho fuhr mit nach Awutu Breku, eine Stunde von der Haupt­stadt Accra ent­fernt. Etwa 1000 Ein­wohner, dort wuchs Essien auf. Das Beste war, als er nach Ghana gekommen ist und all die Kinder so glück­lich waren, ihn zu sehen. Sie kannten ihn ja nur aus dem Fern­sehen“, sagte Essien. Mour­inho enga­giert sich eben­falls für Cha­rity-Pro­jekte. Die Reise nach Ghana war ihm eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit. Nach Mour­inhos Ent­las­sung bei Chelsea 2007 blieben beide stets in Kon­takt. In der Nacht von Moskau, Chelsea hatte gerade das Finale der Cham­pions League gegen Man­chester United dra­ma­tisch nach Elf­me­ter­schießen ver­loren, erhielt Essien eine SMS. Ich gehe zu Inter. Hoffe, dass du mir eines Tages folgst.“ Absender war Jose Mour­inho. Essien kam nicht. Ver­let­zungen warfen ihn aus der Bahn. Zwei Kreuz­band­risse und ein Menis­kus­schaden zwangen ihn zu andert­halb Jahren Pause.

Nun der Neu­an­fang in Madrid, als Ersatz für die abge­wan­derten Esteban Gra­nero und Las­sana Diarra. Mit Sami Khe­dira soll Michael Essien im defen­siven Mit­tel­feld um den Platz neben Xabi Alonso kämpfen. Oder in der Vie­rer­kette für Kon­kur­renz sorgen. Wie sagte Essien kürz­lich: Ich spiele überall, wo Daddy mich haben will.“