Seite 2: „Der Draft war einzigartig“

Konnten Sie in der Nacht vor dem Draft über­haupt schlafen?
Wir wurden einen Tag vor dem Draft nach Bal­ti­more ein­ge­flogen. Davor waren wir noch für ein paar Tage auf dem MLS-Com­bine in Flo­rida. Hier hatten alle poten­zi­ellen Draft-Spieler die Mög­lich­keit, sich in drei Spielen den Ver­eins­ver­tre­tern zu prä­sen­tieren. In Bal­ti­more selber ging es dann ins Hotel mit meinem deut­schen Freund und Kol­legen Julian Büscher, mit dem ich in meiner Jugend zusammen bei Preußen Münster gespielt hatte. Wir waren beide ziem­lich auf­ge­regt, weil wir vorher über­haupt keine Ahnung hatten, wo es für uns hin­gehen würde. Ob Kanada, Kali­for­nien, Flo­rida oder die West­küste – man hat wirk­lich nicht den blas­sesten Schimmer. Und weil sich inner­halb von ein paar Stunden dein kom­plettes Leben ändert, war die Nacht doch eher unruhig.

Hatten Sie kon­krete Wün­sche oder gemeinsam dar­über phi­lo­so­phiert, wo Sie gerne landen würden?
Wir haben uns schon ein paar Gedanken gemacht und scherz­haft dar­über geredet. Der Süden wäre toll, aber auch New York zog mich an. Los Angeles wäre ziem­lich geil gewesen. Die Stadt ist super, das Wetter ist über­ra­gend und der Verein leistet gute Arbeit. Aber was nützt mir ein super Leben in Los Angeles, was nützt es mir Steven Ger­rard ken­nen­zu­lernen, wenn ich nicht spiele? Von daher waren mir die Sonne, der Süden oder faszni­nie­rende Städte letzt­end­lich doch nicht so wichtig. Ich hoffte viel­mehr, von einem Verein gedraftet zu werden, der auf mich setzt.

Sie wurden gleich in der ersten Runde des Drafts an sechster Stelle gezogen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie Ihren Namen hörten?
Wir saßen gespannt in der ersten Reihe des Publi­kums, und dann kam Draft-Pick Nummer Sechs. Ich war über­glück­lich, dass mein Name so früh fiel. Es kann auch vor­kommen, dass du ewig lange auf deinen Namen warten musst. Ich habe mich dann mit ein paar Spie­lern, die neben mir saßen, abge­klatscht und bin nach vorne auf die Bühne.

Wie ging es dann weiter?
Ich habe direkt einen Schal meines Ver­eins Phil­adel­phia Union umge­hangen bekommen. Dann habe ich eine kurze Rede gehalten, mich bei meinen bis­he­rigen Weg­be­glei­tern bedankt und gesagt, was ich mir von diesem Pick erhoffe. Unmit­telbar nach meinem Auf­tritt auf der Bühne kam es dann zu einem regel­rechten Inter­view-Mara­thon mit ver­schie­densten Medien. Ein sehr ver­rückter Tag. Trotzdem bin ich sehr froh, das alles mit­ge­macht zu haben. Der Draft war ein ein­zig­ar­tiges Erlebnis. 



Der Draft ist etwas typisch Nord­ame­ri­ka­ni­sches. Worin sehen Sie all­ge­mein die Vor­teile des nord­ame­ri­ka­ni­schen Sport­sys­tems, was dem euro­päi­schen kaum ähnelt?
Der Vor­teil ist, dass in den USA weniger Wert auf Aka­de­mien gelegt wird. Du spielst also nicht für Ver­eine, son­dern für Col­leges. Dadurch kann man nebenbei einen schu­li­schen Abschluss machen. Falls der Sprung in den Pro­fi­sport ver­passt wird, hat man immer noch den Abschluss, der einen für diesen Fall absi­chert. In Deutsch­land ist es bei vielen Spie­lern der zweiten, dritten oder vierten Liga so, dass sie meist nur einen Real- oder Haupt­schul­ab­schluss haben. Das bereitet dann Pro­bleme, wenn die Kar­riere mit Ende 30 vorbei ist. Da ist das ame­ri­ka­ni­sche Sport­system deut­lich besser auf­ge­stellt.

Wie sehen Sie die Ent­wick­lung des Fuß­balls in den USA?
Es wird schwer in Zukunft die tra­di­tio­nellen Sport­arten wie Bas­ket­ball, Base­ball und Ame­rican Foot­ball zu toppen. Die gibt es seit Jahr­zehnten, die kann Fuß­ball, oder Soccer“, wie sie es nennen, nicht von heute auf morgen ein­fach über­holen. Trotzdem spürt man, dass der Fuß­ball am boomen ist, beson­ders seit der WM 2014, wo die USA ein super Tur­nier gespielt hat. Wäh­rend der WM habe ich Urlaub in Deutsch­land gemacht, und als ich zurück in die USA kam, habe ich einen Unter­schied gemerkt. Die Leute hatten Bock auf Fuß­ball, wir hatten bei Col­lege-Spielen auf einmal vier- bis fünf­tau­send Zuschauer und auch in der MLS steigen die Zuschau­er­zahlen seit der WM 2014 stetig an. Der Pro­zess braucht natür­lich seine Zeit, aber es geht voran.

Sie leben jetzt seit knapp drei Monaten in Phil­adel­phia. Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich wohne im Süden der Stadt in einer Wohn­ge­mein­schaft mit Keegan Rosen­berry, der an dritter Stelle des Drafts gepickt wurde. Er ist Rechts­ver­tei­diger und hat bisher alle Spiele über die kom­pletten 90 Minuten gespielt. Wir haben zusammen eine Woh­nung, mit getrennten Schlaf- und Bade­zim­mern. Es ist super, sich die Woh­nung zu teilen, denn so kommt nach dem Trai­ning nie Lan­ge­weile auf. Man hat immer jemanden, mit dem eine Runde FIFA spielen oder andere Dinge machen kann.