Das, was ich gleich sage, sage ich nicht, um mich von den soge­nannten Erfolgs­fans zu distan­zieren, die Borussia Dort­mund seit ein paar Jahren wieder anzieht. Ich habe näm­lich eigent­lich gar nichts gegen die. Wenn nicht irgend­wann einmal irgend­welche Leute zu Erfolgs­fans geworden wären und dann ihre neu­ge­fun­dene Liebe an die nächste Genera­tion wei­ter­ge­geben hätten, gäbe es heute erheb­lich weniger Schalke‑, Nürnberg‑, Gladbach‑, Ham­burg- oder Bremen-Anhänger. Und das wäre doch jam­mer­schade, nicht wahr?

Das, was ich gleich sage, sage ich auch nicht, um beson­ders ori­gi­nell zu wirken. Als ich gefragt wurde, ob ich etwas über meinen Lieb­lings­trainer aus der Dort­munder Bun­des­li­ga­zeit schreiben würde, hat nie­mand gesagt: Aber nimm nicht Hitz­feld, den haben wir schon. Und bitte auch nicht Klopp, der kommt sowieso andau­ernd vor.“ Nein, als ich gefragt wurde, schoss mir in der Tat augen­blick­lich der Name des Mannes durch den Kopf, um den es gleich geht.

Da wir all dies nun geklärt haben, kann ich jetzt sagen, was ich vor­aus­schi­ckend sagen muss: Als ich anfing ins West­fa­len­sta­dion zu gehen, war es für mich im eigent­li­chen Wort­sinne undenkbar, dass der BVB jemals das haben könnte, was man gemeinhin Erfolg nennt.

Ein wan­delndes Risiko

Ich fand das nicht traurig oder ärger­lich, denn – wie gesagt – ich dachte erst gar nicht an so etwas. Das kam in meiner Welt ein­fach nicht vor. Erfolge waren etwas für große Ver­eine wie Bayern Mün­chen, Borussia Mön­chen­glad­bach, den Ham­burger SV oder den 1. FC Köln. Für Borussia ging es darum, den Abstand zu den Abstiegs­rängen mög­lichst groß zu halten und nicht gegen Schalke zu ver­lieren. Man könnte sagen: Ein guter Mit­tel­feld­platz war das obere Ende der mir bekannten Welt. Das änderte sich erst, als ich 16 Jahre alt war, denn da trai­nierte uns Branko Zebec.

Das ist alles so lange her, dass ich micht nicht mehr daran erin­nern kann, wie ich auf die Nach­richt reagierte, dass Borussia ihn ver­pflichtet hatte. Ver­mut­lich war ich recht skep­tisch. Zebec war ein fan­tas­ti­scher Trainer, daran gab es keinen Zweifel. Mit dem FC Bayern hatte er Ende der Sech­ziger das erste Double der Ver­eins­ge­schichte geholt, bei Braun­schweig führte er schon Mitte der Sieb­ziger die Raum­de­ckung ein, in Ham­burg formte er Ende jenes Jahr­zehnts aus einem zer­strit­tenen Haufen eine Meis­ter­mann­schaft. Aber er war auch ein wan­delndes Risiko.

Im April 1980, da war er noch Trainer des HSV, wurde Zebec von der Polizei auf der Auto­bahn gestoppt – aus­ge­rechnet auf dem Weg zu einem Spiel in Dort­mund. Der Alko­hol­ge­halt in seinem Blut lag bei 3,25 Pro­mille.
Er musste 20.000 Mark Strafe zahlen, verlor für neun Monate den Füh­rer­schein und bald auch seinen Job in Ham­burg. Fast genau ein Jahr später, Ende Mai 1981, unter­schrieb er beim BVB. Prä­si­dent Rein­hard Rau­ball pries ihn uns als einen der besten Trainer Europas“ an, war aber augen­schein­lich auf der Hut: Zebec bekam nur einen Ein­jah­res­ver­trag. Keine fünf Monate später, im Oktober, ver­schul­dete er mit 2,0 Pro­mille einen Auto­un­fall. Diesmal ver­ur­teilte ihn das Amts­ge­richt Dort­mund zu vier Monaten Gefängnis auf Bewäh­rung. Plötz­lich hatten wir einen vor­be­straften Trainer.

Aber: Plötz­lich hatten wir auch eine richtig gute Mann­schaft! Kurz vor dem besagten Unfall schlug der BVB zu Hause den Meister Bayern Mün­chen mit 2:0 (Manni Burgsmüller vergab sogar noch einen Elf­meter). Zur Win­ter­pause war das Team Siebter. Zu Beginn der Rück­runde gewannen wir erst gegen den seit elf Spielen unbe­siegten Tabel­len­führer 1. FC Köln, dann auch noch aus­wärts beim Pokal­sieger Frank­furt. Ende Februar siegte der BVB durch eines von acht (!) Sai­son­toren von Rolf Rüss­mann zum ersten Mal seit 1965 wieder in Glad­bach. Burgsmüller sprach davon, dass das Ziel des Klubs ein Platz im UEFA-Cup wäre. Euro­pa­pokal! Sowas hatte es in Dort­mund seit dem Jahr nicht mehr gegeben, in dem ich geboren wurde. Auf den Rängen des West­fa­len­sta­dions machte in diesen auf­re­genden Wochen und Monaten ein neuer Gesang die Runde: Branko Zebec, der beste Mann der Welt!“

In vinum veritas est

Dabei wussten alle schon, dass der beste Mann der Welt Dort­mund im Sommer ver­lassen würde. Ver­lassen musste. Zehn Tage vor dem Sieg in Glad­bach bat Zebec den Klub, ihm zu sagen, ob sein Ver­trag ver­län­gert würde oder nicht. Der Vor­stand teilte ihm mit, dass man ohne ihn plane. Ihm kann von fuß­bal­le­ri­scher Seite nie­mand das Wasser rei­chen“, sagte Rau­ball den Jour­na­listen, wollte aber nicht näher darauf ein­gehen, warum Zebec trotz dieser fach­li­chen Klasse und seines Erfolgs gehen musste. Es wussten ja eh alle, dass man dem Trainer zu oft etwas anderes als Wasser gereicht hatte.

Am vor­letzten Spieltag der Saison konnte der BVB mit einem Heim­sieg im Rer­vier­derby gegen Bochum (Schalke war damals unter­klassig) die Qua­li­fi­ka­tion für den Uefa-Cup sichern. Nach einer Stunde stand es 0:2 und die über­le­genen Bochumer waren dem dritten Tor erheb­lich näher als der BVB dem Anschluss­treffer. Noch heute habe ich in den Ohren, wie die Fans plötz­lich anfingen zu skan­dieren: Lau­tern führt, Lau­tern führt!“ Das sollte der Mann­schaft sagen, dass ein Kon­kur­rent um die inter­na­tio­nalen Plätze auf dem besten Wege war, den BVB in der Tabelle zu über­holen. Irgendwie schienen die Spieler auf solch einen Weckruf gewartet zu haben. Rolf Rüss­mann köpfte das 1:2, Werner Egge­ling traf eben­falls per Kopf zum Aus­gleich. Und fünf Minuten vor dem Ende hielt auch noch Bernd Klotz seinen kan­tigen Schädel hin und erzielte direkt vor der Süd­tri­büne das nicht mehr für mög­lich gehal­tene 3:2 – das Tor, das den BVB nach Europa brachte. Wir alle sangen: Branko Zebec, der beste Mann der Welt!“ Im Sommer kaufte ich mir meine erste Jah­res­karte.